Ausschnitt zu tief – Streit um Hochzeitskleid vor Gericht

In Hannover ist eine “rosarote Hochzeitswolke” geplatzt, so der Richter. Eine Schneiderin und ihre unzufriedene Kundin trafen sich vor dem Amtsgericht Hannover, weil das maßgeschneiderte Hochzeitskleid angeblich nicht richtig passte.

Der kuriose Rechtsstreit nahm seinen Anfang im Februar 2019 als eine heiratswillige Kundin ihrer Schneiderin den Auftrag erteilte, ein Hochzeitskleid für sie zu fertigen. Doch das gefertigte Kleid entsprach nicht den Wünschen der Kundin. Die zukünftige Braut verlangte ein Kleid mit einem tiefen Rückenausschnitt. Die Schneiderin gab an, sie habe die Kundin darüber aufgeklärt, dass ein Hochzeitskleid mit einem derartigen Ausschnitt dann aber nicht eng anliege. Das bestritt die Kundin. Zudem sei der Body anders als geplant nicht einfarbig gewesen und die Träger zu kurz sowie der Unterrock zu eng. Außerdem habe sich das Kleid im Hochsommer im Schrank verzogen – weshalb sie dann ein Ersatzkleid habe beschaffen müssen.

Kaufvertrag oder Werkvertrag?

Schließlich traf man sich vor dem Amtsgericht Hannover wieder. Die zukünftige Braut hatte nur eine Anzahlung von 1.162 € geleistet und weigerte sich, den Rest des Kaufpreises zu begleichen. Die Schneiderin klagte daraufhin den vollen Preis von 2.325 € gerichtlich ein. Die Kundin verlangte ihrerseits die Rückzahlung der bereits beglichenen Summe gegen Rückgabe des Kleides.

Nach Ansicht der Käuferin wurde damals ein Kaufvertrag abgeschlossen – der Richter sah darin jedoch eher einen Werkvertrag. Die Maßanfertigung führt laut Schneiderin dazu, dass sie das Kleid nicht einfach an eine andere Kundin verkaufen könne. Ihr seien außerdem schon durch die Beschaffung der Materialien Kosten entstanden.

Richter Per-Malte Lippmann schlug den beiden verstrittenen Frauen schließlich einen Vergleich vor. Bei einem derart verzwickten Fall könne sich keine der beiden Parteien auf einen Ausgang in ihrem Sinne verlassen. Es stelle sich die Frage, ob sich nicht alle Beteiligten “zu sehr in einer rosaroten Hochzeitswolke befunden” hätten.

Ein Schleier in der Kanzlei?

Daraufhin began vor Gericht das große Feilschen. Zunächst schlug der Vertreter der Schneiderin die Zahlung von 700 € vor – das sei immer noch ein Verlustgeschäft. Der Anwalt der Kundin fand das “überzeichnet”. Im Ergebnis muss die Braut noch 531,25 € zahlen und den Schleier mit einem Verkaufswert von 135 € zurückgeben. Diesen wollte die Kundin jedoch nicht mit der Post verschicken. Der Anwalt der Gegenseite schlug vor, ihn in die Kanzlei zu bringen: “Wir hatten noch nie einen Schleier in der Kanzlei.”

“Damit seien alle gegenseitigen Ansprüche abgegolten”, so Richter Lippmann am Ende der Verhandlung. Der im Corona-Lockdown geschlossenen Schneiderei wünschte er, bald wieder Hochzeitskleider verkaufen zu können. Dem Paar wünschte der Richter “ein schönes Leben”.


Fundstelle: AG Hannover, Az. 453 C 1832/20

Jannina Schäffer
Jannina Schäffer
Juristin, Doktorandin an einem Lehrstuhl für Strafrecht, Wannabe-Kriminologin, Harry Potter Fan.

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