Südafrika: Einführung der Vielehe für Frauen angedacht

Was viele von uns nicht wissen: In Südafrika ist die Vielehe (Polygamie) für Männer erlaubt und als traditionelle Praxis rechtlich anerkannt. Das heißt: Ein Mann darf mehrere Ehefrauen haben. Umgekehrt gilt das (bislang) aber nicht.

Derzeit wird das Eherecht in Südafrika überabeitet, denn es gilt teilweise nicht als verfassungskonform. Die Eheschließung ist auf Grund religiöser oder traditioneller Bräuche manchen Bevölkerungsgruppen vorbehalten. Deshalb fühlen sich mehrere Glaubensgemeinschaften ausgeschlossen. In diesem Zuge wird auch die Vielehe unter die Lupe genommen. Denn Frauen sind sich einig: So nicht (mehr)!

Die polygame Lebensform unter dem Deckmantel der Ehe ist in Südafrika ausschließlich den Männern vorbehalten. Es gibt sogar eine TV-Sendung, die genau dies thematisiert. Jedoch ziemlich einseitig. In der Fernsehsendung „Mnakwethu“ (Zulu, zu deutsch: “Bruder”) nimmt ein Mann mit seiner Ehefrau auf dem Sofa Platz. Den beiden gegenüber sitzt eine weitere Frau, die als langjährige Liebhaberin des Mannes vorgestellt wird. Dieser möchte seine Geliebte als Zweitfrau nehmen. Der Ehefrau passt das (natürlich) gar nicht, aber erklärt “Ich kann nichts dagegen tun, wenn mein Mann seine Familie erweitern will. Ich werde alles akzeptieren”.

Afrikanische Verfassung verbietet Diskriminierung

So weit, so schlecht. Oder gut? Ein Blick in die südafrikanische Verfassung bietet Hilfestellung. Sie ist eine der progressivsten Verfassungen weltweit. In der Bill of Rights, dem zweiten Kapitel der afrikanischen Verfassung steht unter Nummer 9 das Thema “Gleichberechtigung“. Darin heißt es in Englisch, einer der südafrikanischen Amtssprachen:

(1) Everyone is equal before the law and has the right to equal protection and benefit of the law.

(2) Equality includes the full and equal enjoyment of all rights and freedoms. To promote the achievement of equality, legislative and other measures designed to protect or advance persons, or categories of persons, disadvantaged by unfair discrimination may be taken.

(3) The state may not unfairly discriminate directly or indirectly against anyone on one or more grounds, including race, gender, sex, pregnancy, marital status, ethnic or social origin, colour, sexual orientation, age, disability, religion, conscience, belief, culture, language and birth.

Kommt die Vielehe für alle?

Es wird ersichtlich, dass jede Form von Benachteiligung (auf Grund des Geschlechts) verboten ist. Daher gibt es zwei denkbare, verfassungskonforme Ansätze. Erstens die Vielehe wird für den Mann zukünftig verboten. Oder die sog. Polyandrie wird eingeführt. Das heißt, eine Frau darf gleichzeitig mit mehreren Männern verheiratet sein.

Die Regierung Südafrikas sammelte zu der Thematik bereits Ideen. Das so zustande gekommene Green Paper dient als Diskussionsgrundlage für das Kabinett. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte Innenminister Pakishe Motsoaledi: „Im Green Paper werden so viele Dinge angesprochen, doch alle reden nur noch über Polyandrie. Das ist sehr bedauerlich”.

Emotionen werden entfacht, aber die Nerven liegen wohl noch nicht blank. Am wenigsten können sich polygame Männer mit der Idee der Polyandrie anfreunden. Eine Art Sprecher dieser ist Musa Mseleku. In der Fernsehsendung „Mnakwethu“ tritt er als Moderator und Mentor für männliche Südafrikaner auf, die den Traum von der Zweitfrau verwirklichen wollen. Er hat vier Ehefrauen. „Mein größter Wunsch ist eine fünfte Ehefrau”, sinniert er. Derzeit ist er ein omnipräsenter Gast in diversen Talkshows der südafrikanischen Nation. Er sträubt sich gegen eine mögliche Anpassung der Gleichbehandlung: “Das hätte nicht einmal diskutiert werden dürfen, das ist so unafrikanisch. Die Identität der Familie kommt aus dem männlichen Samen. Wenn eine Frau mehrere Männer hat, wird es nur Kämpfe geben. Frauen und Männer können biologisch nun mal nie gleich sein.“

Frauen sprechen sich für gleichberechtigte Polyandrie aus

Viele Frauen haben auch einen Wunsch. Nämlich die offizielle Einführung der Polyandrie. Zum Beispiel Samantha. Sie führt eine polyamouröse Beziehung mit zwei Männern. “Wir treffen alle Entscheidungen als Gruppe, alle Bedürfnisse werden berücksichtigt”, erklärt sie. Für sie würde die offizielle Möglichkeit, beide ihre Partner zu heiraten vor allem eine soziale Anerkennung bedeuten. Außerdem habe dies auch rechtliche Auswirkungen. Die offizielle Beziehungsbeurkundung beider Partner bedeute beispielsweise, dass sie beide im Falle eines Krankenhausaufenthalts besuchen könnten.

Dass viele Südafrikaner die mögliche Einführung der Polyandrie in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt, erklärt das Minister Motsoaledi aus dem Innenministerium: „Viele Menschen haben noch nie was von Polyandrie gehört, es macht ihnen Angst, irritiert sie. Es macht sie wütend. Leider gab es in dieser Debatte sehr viel Wut. Es war nicht sehr rational.“

Sofern in dieser Debatte Kinder als Gegenargument und mögliche Leidtragende der Polyandrie angeführt werden, regt das Samantha besonders auf: „Das ist verletzend den Männern und Frauen in der Beziehung gegenüber. Als hätten wir unser Sexleben nicht unter Kontrolle, als hätten Männer Besitzansprüche auf Kinder und Frauen.“

Und wie ist die Rechtslage in Deutschland? Hier ist bereits die Bigamie, also das Eingehen einer zweiten Ehe zusätzlich zu einer bestehenden Ehe gem. § 1306 BGB unzulässig und wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (§ 172 StGB). Das gilt aber sowohl für Männer als auch für Frauen.


Fundstelle: https://www.spiegel.de/

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