Der Ku’damm Rolex-Dieb im JURios Interview: Die Tat (Teil 1)

In der Nacht auf den 6. Juni 2016 kam es zu einem der spektakulärsten Millionen-Coups in der Geschichte Berlins. Gegen Mitternacht drangen mehrere Männer in die Rolex-Boutique am Kurfürstendamm ein und entwendeten aus dem Tresor mehr als 400 Luxusuhren im Wert von 8 Millionen Euro. Ein Verkäufer der Boutique entpuppte sich später als Komplize. Herr B. wurde vom Landgericht Berlin wegen Diebstahls in Mittäterschaft in einem besonders schweren Fall zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren verurteilt. Im August 2020 wurde der ehemalige Verkäufer entlassen. In einem exklusiven Interview mit JURios spricht Herr B. über die Tat, wie die Polizei ihm auf die Schliche kam und über seinen Alltag in der JVA.

Der Tathergang ist schnell erzählt. Der spätere Angeklagte arbeitete seit 2014 in der Rolex-Boutique am Kurfürstendamm. Das Gericht stellte später nüchtern fest, dass er für sein Alter und seine Ausbildung überdurchschnittlich gut verdiente. Von seinen Kolleg:innen und den Kund:innen wurde Herr B. geschätzt und war nach kurzer Zeit umsatzstärkster Verkäufer der Boutique. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte – sollte man meinen.

Bis zu einem verhängnisvollen Tag im März 2016. An diesem wurde der Uhrenverkäufer von einem Kunden angesprochen und zu einem Treffen außerhalb der Boutique eingeladen. In einem Café stellte der Kunde ihm einen zweiten Mann vor. Beide gaben sich als „Profis“ aus. Die Männer erzählten, sie hätten schon mehrere erfolgreiche Einbrüche durchgezogen. Sie boten Herrn B. 25.000 € für sein Mitwirken am Einbruch in die Rolex-Boutique seines Arbeitgebers. Herr B. willigte nach einiger Überlegung ein.

Wie alles begann – Die Tatplanung

JURios: Vor der Tat warst du erfolgreicher Rolex-Verkäufer: Wie würdest Du dein damaliges Leben beschreiben? Welchen Beruf hattest du erlernt? Warst du glücklich? Erfolgreich? Was hat dir gefehlt?

Herr B.:Ich hatte eher einen schwierigen Start ins Berufsleben. Ich bin mit einem einfachen Hauptschulabschluss von der Schule geflogen und wusste ein Jahr lang nicht, was ich machen soll. Schließlich habe ich mich auf gut Glück für eine Ausbildung bei einem Juwelier beworben und es hat zu meinem Erstaunen geklappt.

Aufgrund des Hauptschulabschlusses konnte ich erst einmal nur die Ausbildung zum Verkäufer machen. Aufgrund guter Noten und Leistungen hatte ich die Möglichkeit, innerhalb eines Jahres noch den Einzelhandelskaufmann zu machen. Den habe ich dann auch mit fast Bestleistung gemeistert.

Über Umwege hatte ich dann die Möglichkeit, bei Rolex anzufangen und hab mich direkt sehr ins Zeug gelegt und war somit auch eine ganze Zeit Verkaufsbester. Es hat mir anfangs viel Spaß gemacht, aber ich habe mit der Zeit eine extreme Unzufriedenheit entwickelt, mit der ich Tag für Tag zur Arbeit gefahren bin, die mich nicht losgelassen hat.

Ich denke, erfolgreich war ich auf jeden Fall in dem, was ich dort getan habe, aber ich war damit nicht zufrieden. Für mich gab es einfach kein Ende, es musste immer höher, weiter und schneller sein. Für dieses ganze Umfeld war ich einfach noch nicht reif genug um damit umgehen zu können.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass mir jemand als Person gefehlt hat, der mir vermittelt, dass man bestimmte Werte nicht anhand von Geld oder materiellen Dingen festmacht und mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Irgendwann war ich auf einer Wolke, die mir nicht guttat und ich wollte schnell Viel haben, was mir ganz klar zum Verhängnis wurde.

Im Folgenden überließ Herr B. den beiden Männern zunächst den sogenannten „Müllschlüssel“ der Boutique. Mit diesem gelangte man durch den Hintereingang in die Innenräume der Rolex-Boutique und damit auch in den Tresorraum. Im Urteil wurde zum Tathergang später folgendes festgehalten: „Ferner teilte der Angeklagte den beiden Männern sein Sicherheitsrelevantes Wissen mit. Insbesondere über den Tresorraum, die Sicherheitskameras, den Schranktresor und die automatische Schaltung der Alarmanlage. Alle wussten damit, dass der Erfolg des Einbruchs von der Schnelligkeit der Durchführung abhing, da mit dem Eintreffen der Polizei wenige Minuten nach dem Öffnen der ersten alarmgesicherten Tür zu rechnen war.“

Wie alles begann – Die Tatausführung

JURios: Die eigentliche Tat wurde von mehreren (bislang unbekannten) Männern durchgeführt. Aber du hast die Tat als Insider ermöglicht. Was war deine Motivation, das dann tatsächlich auch durchzuziehen? Das Geld, der Nervenkitzel oder etwas ganz Anderes?

Herr B.:Auf jeden Fall ist das Geld eine wichtige Rolle gewesen. Ich wollte früher immer Anerkennung auf allen möglichen Wegen haben. Konsequenzen aus meinem Handeln wollte ich nicht übernehmen und habe sie einfach verdrängt. Ich hatte keinen genauen Plan, was ich mir mit dem Geld hätte kaufen wollen. Unterm Strich wären es sicher wieder irgendwelche Luxusgüter ohne Mehrwert für mich geworden, um Leuten (die man noch nicht einmal kennen muss) zu imponieren. Das Buhlen um Anerkennung war für mich ein sehr gefährlicher Teufelskreis.

Am vereinbarten Tattag verstaute Herr B. – wie jeden Abend – gemeinsam mit seiner Kollegin die Rolex-Uhren und das Bargeld aus dem Verkaufsraum im Tresor. Vereinbarungsgemäß schloss Herr B. den Tresor zwar ab, fingierte das Verwerfen der Zahlenkombination jedoch nur mit einer Handbewegung. Den Tresorschlüssel platzierte er zwar ordnungsgemäß in einem Schlüsseltresor, schloss diesen zweiten Tresor jedoch überhaupt nicht ab. Danach ging Herr B. nach Hause. Sein Teil am Millionen-Coup war genauso unspektakulär wie relevant für das Gelingen des Einbruchs.

JURios: Wie ging es dir am Tattag? Warst du aufgeregt oder ruhig? Hattest du Angst davor, erwischt zu werden?

Herr B.:Ich war extrem aufgeregt, ob alles glattgehen würde. Richtige Angst war das nicht, da ich mir selbst eingeredet habe “Dass schon nichts passieren wird” und “Alles sicher ist”.  Gut zugeredet wurde mir natürlich auch noch zusätzlich. Irgendwie habe ich da naiverweise drauf vertraut. Ich hatte einfach eine extreme Verzerrung der Realität Meine Realität war zu dem Zeitpunkt schon extrem verzerrt, so dass ich mir einfach alles schönreden konnte und das auch gemacht habe.

Insgesamt vier – bis heute nicht identifizierten Männer – drangen daraufhin um Mitternacht mit dem „Müllschlüssel“ in die Rolex-Boutique ein. Eine fünfte Person wartete im Fluchtauto vor dem Geschäft. Kurz darauf hebelten die Männer die Stahltür des Tresorraums auf, wobei sie Kuhfüße und einen Trennschleifer benutzten. Dadurch wurde in der Zentrale der Sicherheitsfirma der Alarm ausgelöst. Währenddessen besprühten die Männer die mit Bewegungsmeldern ausgestatteten Kameras mit Farbe, öffneten den Tresor mit dem Tresorschlüssel und packten in Windeseile etwas über 400 Rolex-Uhren in zwei mitgeführte Taschen.

Die Männer flüchteten nach etwa fünf Minuten mit dem bereitstehenden Fluchtfahrzeug, wurden jedoch von einem Streifenwagen verfolgt. Diesen konnten sie jedoch „auf Grund der höheren Fahrleistung und einer riskanteren Fahrweise“ (so heißt es im Urteil) abhängen. Mit den Tätern verschwanden auch die 400 Luxusuhren im Wert von 8 Millionen Euro. Sie wurden bis heute – genauso wie die fünf direkt am Einbruch beteiligten Personen – nicht gefunden.

Wie alles begann – Nach der Tat

JURios: Wie hast du dich direkt nach der Tat gefühlt?

Herr B.: Nach der Tat selber wusste ich nicht, wo vorne und hinten war. Da habe ich mich das erste Mal gefragt: “Was hast du da gemacht?”. Ich war so geschockt und konnte kaum klar denken. Mir war nur noch übel und wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Am 22. Juni 2016 wurde Herr B. verhaftet. Ihm wurde mittäterschaftlicher Einbruch in die Rolex-Boutique seines Arbeitgebers vorgeworfen. Die Polizei war ihm recht schnell auf die Schliche gekommen. Die gesamte Tatausführung roch nach einem „Inside-Job“. Woher hätten die Täter sonst ein so genaues Wissen über die sicherheitsrelevanten Aspekte der Boutique gehabt? Und auch der offene Schlüsseltresor legte die Beteiligung eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin nahe. Für Herrn B. begann damit ein langer und steiniger Weg, der für ihn letztendlich im Knast endete.

JURios: Zu welchem Zeitpunkt hast du das erste Mal gemerkt, dass dir die Polizei direkt auf der Spur ist? Wie hast du dich damals gefühlt?

Herr B.: In der Boutique selber gab es ein internes Sicherheitsunternehmen, was extremen Druck auf alle ausgeübt hat und zum Schluss speziell auf meine Kollegin und mich. Da habe ich gemerkt, dass die Polizei natürlich auch Bescheid weiß. Ich konnte nichts unternehmen, mir war durchgehend flau im Magen und habe mich ständig beobachtet gefühlt. Alle Mitarbeiter wurden rund um die Uhr von der Polizei observiert. Irgendwie war mir klar, dass alle Bescheid wissen, aber vielleicht nicht genug in der Hand haben. Dass ich mal im Gefängnis lande, hätte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erwartet. Klingt schon paradox, aber daran merke ich heute, wie naiv, realitätsfern und unreflektiert ich war.


Bei diesem Artikel handelt es sich zum Teil 1 einer dreiteiligen Serie. Hier geht es zu Teil 2.

Jannina Schäffer
Juristin, Doktorandin an einem Lehrstuhl für Strafrecht, Wannabe-Kriminologin, Harry Potter Fan.

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