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England: Haus darf nicht lila sein!

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Lila Haus

Wer im Nachbarschaftsrecht berät, kennt das Problem nur zu gut: Zwischen Nachbar:innen kann wegen jeder Kleinigkeit ein Streit ausbrechen. Das Objekt des Anstoßes in diesem Fall war jedoch bedeutend größer. Es ging um ein ganzes Haus. Genauer gesagt, um ein Haus, das von seinen Eigentümer:innen lila angestrichen wurde. Die neue Farbe gefiel der Nachbarschaft überhaupt nicht.

Ian Davis und seine Partnerin Kate Codrington strichen ihr Haus in Watford im August 2020 in einem hellen lila Ton. Nichtsahnend, dass sie damit einen großen Streit auslösen würden. Im Juni 2020 wurde die Familie von der Stadt darauf hingewiesen, dass sie für die Farbänderung eine Baugenehmigung hätten einholen müssen. Nachbar:innen hatten sich bei der Stadt Watford über die Farbgebung beschwert. Das Paar, das seit vielen Jahren in dem Haus wohnt, meinte gegenüber der BBC, dass es ihnen “nie in den Sinn gekommen wäre, dass man für die Farbe seines Hauses eine Genehmigung brauche”. Trotzdem stellten die rechtschaffenden Bürger:innen genau diesen Antrag. Der wurde jetzt jedoch vom Stadtrat abgelehnt. Dieser gab der Familie auf, das Haus stattdessen beige zu streichen.

Charakter und Erscheinungsbild unangemessen

Zur Begründung führte der Stadtrat an, der lila Anstrich beeinträchtige den Charakter des 1902 errichteten Hauses. Die Farbe sei “unangemessen” für die Zeit, in der das Haus gebaut worden sei. Der lila Anstrich beeinträchtige “den Charakter und das Erscheinungsbild” des Hauses und der gesamten Gegend. Rechtlich berief man sich darauf, dass sich das Gebäude in einer sogenannten “conservation area” befände. Dabei handelt es sich um Gebiete, mit einem besonderem architektonischen oder historischen Charakter, der als erhaltenswert angesehen wird. Das Konzept der “conservation area” wurde in Großbritannien 1967 eingeführt. Bis 2017 wurden in England fast 9.800 solcher Gebiete ausgewiesen. Dieses rechtliche Konstrukt ähnelt dem deutschen Denkmalschutz.

Kate Codrington und ihr Partner sind von der Entscheidung trotzdem enttäuscht.: “Unsere Gegend ist ein schöner Ort mit einer hilfsbereiten Gemeinschaft hier. Es gibt hier ein halbes Dutzend kleiner Straßen, die sich alle sehr ähnlich sind, und es gibt eine große Vielfalt.” Die lila Farbgebung habe sogar eine Anspielung auf die Kunstschule sein sollen, die sich früher ganz in der Nähe befunden habe. “Jeden Sommer findet ein Dorffest statt, und es gibt einen schönen Pub an der Ecke. Die Häuser wurden in den 1800er Jahren gebaut, um Eisenbahnarbeiter zu beherbergen, daher hat es diese Wurzeln in der Arbeiterklasse, aber es ist auch böhmisch, denn in den 1970er Jahren befand sich hier die Herkomer Kunstschule.”

Das Paar hat inzwischen eine Petition gegen die Entscheidung des Stadtrats ins Leben gerufen, die derzeit 250 Unterschriften hat.

Bereits 2017 hatten wir über einen ganz ähnlichen Fall aus London berichtet. Eine Frau hatte ihrem Millionen-Anwesen in Kensington rot-weiße Streifen verpasst. Auch das hatte der Nachbarschaft überhaupt nicht zugesagt. Der High Court in London entschied damals jedoch, dass die Farbgebung bestehen bleiben dürfe. Im Gegensatz zum vorliegenden Fall lag das rot-weiße Gebäude jedoch nicht innerhalb einer “conservation area”.


Fundstelle: https://www.mirror.co.uk/

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