Gemeinde in Costa Rica verleiht Bienen und Pflanzen Bürgerstatus

Ciudad Dulce, süße Stadt – unter diesem Namen ist die Gemeinde Curridabat in Costa Rica bekannt. Der Vorort der Hauptstadt San José stellt auf eigene Art unter Beweis, dass er auch seine nichtmenschlichen Bewohner:innen schätzt. Er hat sogenannten Bestäubern, also beispielsweise Bienen, Hummeln, Schmetterlingen und Kolibris, Bürgerstatus verliehen. Auch heimische Pflanzen zählen nun zu den Bürger:innen von Curridabat.

Die Stadtplanung der Gemeinde richtet sich an fünf Dimension aus. Eine davon ist die Koexistenz. Irene García Brenes, Beraterin des Bürgermeisters von Curridabat, beschreibt diese wie folgt: „Alle Lebewesen, die in der Stadt leben, von Menschen mit Mobilitätsproblemen über Einwanderer bis hin zu Bienen und Hunden sind Bürger von Curridabat.“

“Die Idee entstand aus der Überlegung, dass die Menschen in den Städten dazu neigen, die Natur zu verteidigen, wenn sie weit weg ist, wenn es sich um ein fernes Konzept handelt, aber sie sind nachlässig, wenn es um den Schutz der Natur in ihrer unmittelbaren Umgebung geht”, erklärt Edgar Mora, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Curridabat, gegenüber The Guardian.

Der Kampf gegen den Biodiversitätsverlust

Die zunächst etwas ungewöhnlich scheinende Maßnahme hat einen ernsten Hintergrund. Weltweit hat der Biodiversitätsverlust erschreckende Ausmaße angenommen. Costa Rica gilt aufgrund seiner variantenreichen Ökosysteme und seiner verschiedenen Mikroklimata als Biodiversitäts-Hotspot. Etwa 6 % aller bekannten Arten leben in dem zentralamerikanischen Land. Doch die Artenvielfalt vor Ort ist bedroht. Eine der Hauptursachen für den voranschreitenden Biodiversitätsverlust ist die Urbanisierung, so der Weltbiodiversitätsrat IPBES (kurz für Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services).

Bestäubende Insekten tragen hingegen maßgeblich zur Förderung gesunder Ökosysteme und Erhaltung der Biodiversität bei. Laut FAO (Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen) sind außerdem drei von vier Pflanzen, die der menschlichen Ernährung dienen, zumindest teilweise von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Und die Pflanzen, auf die wir als Menschen angewiesen sind, behandelt man besser mit Respekt!

Genau das tut auch die Gemeinde Curridabat. Denn die Anerkennung der Bürgerschaft von Bestäubern und Pflanzen blieb nicht nur ein symbolischer Akt: Vielmehr bildet sie die Basis für die Stadtplanung der Gemeinde. Diese orientiert sich nun vermehrt an den Bedürfnissen ihrer neuen Bürger:innen. Viele Grünflächen erstrecken sich über die Gemeindefläche, Biokorridore und zahlreiche Süßpflanzen – Grund für den süßen Spitznamen von Curridabat – sollen für das Wohlergehen von bestäubenden Insekten sorgen. Mit der biologischen Vielfalt als Grundlage für die Stadtplanung werden alle Projekte und Initiativen darauf ausgerichtet, die Erfahrung von Bestäubern in der Stadt zu verbessern, so García Brenes.

Nicht nur Bienen profitieren von den neuen Maßnahmen

Doch die neuen Maßnahmen nutzen auch den menschlichen Bewohner:innen der Gemeinde. Aufforstungsprojekte werden beispielsweise so geplant, dass insbesondere ältere Einwohner:innen und Kinder von der verbesserten Luftqualität und der kühlenden Wirkung der Bäume profitieren. Die der Stadtplanung zugrunde liegende Dimension der Koexistenz umfasst insbesondere auch Aspekte wie die Schaffung von Sport- und Erholungsstätten, den Zugang zu kulturellen Aktivitäten und die Verbesserung der Kommunikation zwischen den Bürger:innen.

Die Menschen in Curridabat sollen in Kontakt mit den Tieren und Pflanzen kommen, was auch für ihre mentale Gesundheit förderlich ist. Dazu existieren Projekte wie „Sweet Classroom“, eine Initiative, die jungen Menschen näherbringen soll, wie wichtig Nachhaltigkeit ist. Zudem hat die Innovationsabteilung des Büros des Bürgermeisters ein Tool entwickelt, um das Wohlergehen der Bewohner:innen der Gemeinde und die Biodiversität vor Ort zu messen. Nicht ohne Grund hat Curridabat also 2020 den weltweit ausgeschriebenen Wellbeing Cities Award der NGO NewCities in der Kategorie Prioritizing Wellbeing gewonnen.

Juristische Konsequenzen des Bürgerstatus?

Aber welche Folgen hat es nun, dass auch nichtmenschliche Lebewesen in Curridabat Bürgerstatus genießen? Dürfen Bienen nun bei der nächsten Kommunalwahl ihre Stimme abgeben und müssen Bäume sich an das Straßen- und Wegerecht halten? Ganz so ist es natürlich nicht.

Zunächst einmal existiert kein Dokument, in dem die Bürgerschaft nichtmenschlicher Lebewesen explizit anerkannt wird. Es wird lediglich implizit auf sie verwiesen. Zum Beispiel beschreibt die kommunale Strategieplanung das Ziel, die Lebensqualität und die Bedingungen für produktive Tätigkeiten von allen Bewohner:innen – auch den bestäubenden Insekten – zu verbessern. Außerdem werden sie für ihre ökologischen Leistungen anerkannt. Mit dem Bürgerstatus bringt die Gemeinde also vor allem zum Ausdruck, dass sie die Interessen von Tieren und Pflanzen angemessen berücksichtigt. Ihre Strategien verfolgen einen ökozentrischen Ansatz, der den Menschen als Teil des lokalen Ökosystems sieht.

Rechte der Natur: Ein weltweites Phänomen

Doch einige Staaten oder Gemeinden gehen noch weiter – und räumen der Natur bestimmte justiziable Rechte oder gar Rechtspersönlichkeit ein. Nachdem Tamaqua in Pennsylvania 2006 als erste Gemeinde weltweit Naturelementen Rechtspersönlichkeit zugestand, hat sich dieser Ansatz in den letzten 15 Jahren rasant verbreitet.

Mittlerweile sind Rechte bzw. Rechtspersönlichkeit der Natur laut eines Berichts der UN-Generalversammlung in 35 Ländern anerkannt oder in Arbeit (Stand Mitte 2020). Ecuador schützt „Mutter Erde“ sogar in seiner Verfassung: Diese gesteht ihr Rechte wie das Recht auf Erhaltung und Regenerierung ihrer Lebenszyklen oder – im Fall der Zerstörung – das Recht auf Wiederherstellung zu. Alle Individuen oder Zusammenschlüsse von Individuen können diese Rechte geltend machen. In Neuseeland gelten das Ökosystem Te Urewera und der Fluss Whanganui als juristische Personen. In ihrem Namen können also beispielsweise Rechtsstreits geführt werden. Da die beiden nicht selbstständig Klageschriften verfassen können, fungieren bestimmte Gremien als „menschliches Gesicht“ der Naturentitäten.

Auch die Bienen in Curridabat sind auf menschliche Unterstützung angewiesen. Dass ihnen Bürgerstatus verliehen wurde, symbolisiert: Diese Stadt ist nicht nur für Menschen gemacht. Das Wohlergehen aller Lebewesen profitiert von einem Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt – denn auch wir sind Teil des lokalen Ökosystems. Das neue, ökozentrische Bürgerschaftsverständnis der Gemeinde kann auch anderen Städten weltweit als Vorbild dienen.


Fundstellen:

https://newcities.org/
https://www.urbanet.info/
https://pdba.georgetown.edu/
https://www.legislation.govt.nz/

Helen Arling
Doktorandin mit Schwerpunkt Völkerrecht, Kletterin, Katzenmensch.

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