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“The Wire“ und das Experiment „Hamsterdam“: Wie eine Polizeiserie eine liberalere Drogenpolitik inspirierte

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The Wire

Die US-amerikanische TV-Serie „The Wire“ wird von vielen als „beste Fernsehserie aller Zeiten“ bezeichnet. Von 2002-2008 zeigte die Serie in fünf Staffeln das Gemeinwesen und die Polizeiarbeit in Baltimore (USA). Dabei war der Schwerpunkt der Serie der Kampf gegen die Drogen. Doch wieviel Realität steckt in „The Wire“ und was können Polizist:innen, Politiker:innen und Jurist:innen von der Serie lernen?

Einer der wiederkehrenden Hauptcharaktere der Serie ist der geschiedene und alkoholabhängige Mordermittler und Drogenfahnder Detective James „Jimmy“ McNulty. Verzweifelt versucht der Cop, seine Vorstellung von Gerechtigkeit in einer Stadt voller korrupter Vorgesetzter durchzusetzen. Um das Drogenproblem der Stadt in den Griff zu bekommen, wird eine Sonderkommission gebildet. Ausgestattet mit der neusten Abhörtechnik (daher: „The Wire“) sollen die Polizist:innen den Drogenkönig im Westen Baltimores, Avon Barksdale, und seine rechte Hand, Russel „Stringer“ Bell, zur Strecke bringen.

Das fiktive Experiment “Hamsterdam”

Während die Bemühungen der Politiker:innen, der Gesundheitsbehörden und der Polizei, den Drogensumpf einzudämmen, als gescheitert dargestellt werden, hat der Polizeikommander Howard “Bunny” Colvin in Staffel drei eine neue Idee. In einer Stadtversammlung muss er vor aufgebrachten Bürger:innen eingestehen, dass der Kampf gegen die Drogen gescheitert ist und nichts, was die Polizei in den letzten Jahren getan hat, wirkt. Zu Colvins neuem Ansatz gehört die Einrichtung einer „free zone“, die schnell den Namen „Hamsterdam“ (als Anspielung auf Amsterdam) erlangt. Mit Schulbussen sammelt er die Drogendealer an den Straßenecken ein und bringt sie in eine einzige, heruntergekommene Straße mit leerstehenden Häusern. Dort, so seine Ansprache, dürfen die Dealer nach Herzenslust Drogen verteilen, ohne die polizeiliche Verfolgung fürchten zu müssen.

Drogendealer in “The Wire”

Bei seinen eigenen Polizeikolleg:innen trifft Colvin zunächst auf absolutes Unverständnis. Sie sind es so gewohnt, die Straßen von Baltimore zu patrouillieren und sich Verfolgungsjagden mit den Dealern zu leisten, dass es ihnen zunächst schwerfällt, einfach nur daneben zu stehen und zuzusehen. Aber auch die Kleinkriminellen halten Colvins Ansprache für einen Scherz. Sie misstrauen dem Polizei-Major. Anfangs bleiben die Kund:innen aus. Doch schnell spricht sich herum, wo man im Westen der Stadt sicher Drogen kaufen kann. Die Süchtigen pendeln nach Hamsterdam und versorgen sich dort mit harten Drogen. Das führt dazu, dass die anderen Straßen der Stadt plötzlich sauber und frei von Kriminalität sind. Das Stadtbild bessert sich merklich und das Gemeinwesen blüht auf. Es gibt weniger Schießereien, weniger Diebstähle und weniger Sachbeschädigungen. Statt sich Straßenkämpfen mit Drogendealern hinzugeben, hat die Polizei plötzlich freie Ressourcen, um sich anderen Problemen zu widmen und echte Polizeiarbeit zu leisten.

Bürgermeister Schmoke spricht sich für Entkriminalisierung aus

Eine win-win-Situation für alle? Mitnichten. Polizei-Major Colvin hatte die free zone nicht mit seinen Vorgesetzten abgesprochen. Nachdem diese von seinem liberalen „Experiment“ erfuhren, wurde Colvin suspendiert und mit einem niedrigeren Dienstgrad und einer verkürzten Pension in den Ruhestand verabschiedet. Seine Vorgesetzten und der Bürgermeister waren der Ansicht, dass man die free zone der Bevölkerung nicht gut verkaufen könne. Sie fürchteten einen Skandal. Und so wurde das – durchaus erfolgreiche – Experiment beendet und die Jagd nach den Drogendealern ging von vorne los.

Was die meisten Zuschauer:innen damals nicht wussten. Der Handlungsstrang rund um Howard “Bunny” Colvin und Hamsterdam beruhte auf einer wahren Begebenheit. Zumindest ansatzweise. Kurt Schmoke, der von 1987-1999 Bürgermeister von Baltimore war, hatte eine ganz ähnliche Idee. Der Jurist sah, dass rund zehn Prozent seiner Bürger:innen ein Drogenproblem hatten. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt als Drogensumpf bekannt und die Polizei kam mit der Arbeit kaum hinterher. Der Absolvent der Harvard Law School sprach sich ab 1988 für eine liberalere Drogenpolitik aus. Auf der US-Bürgermeisterkonferenz schockierte Schmoke seine Zuhörer:innen, als er sich dafür aussprach, den Drogenkonsum als eine gesundheitliche und nicht als eine strafrechtliche Angelegenheit zu behandeln. Seine Rede machte Bürgermeister Schmoke zum ersten Amtsträger des Landes, der sich für eine Entkriminalisierung des Drogenkonsums aussprach. Schmoke initiierte in seinen drei Amtszeiten als Bürgermeister deswegen Programme in den Bereichen Wohnungsbau, Bildung und öffentliche Gesundheit. Er schuf Wohnprojekte für Familien mit niedrigem Einkommen und ein Nadelaustauschprogramm für Süchtige, mit dem er die Übertragung von HIV stoppen wollte.

Sonderkommission der Polizei in “The Wire”

Im Jahr 2004 trat er in zwei Folgen von „The Wire“ auf. Dort fungierte er als fiktiver Berater des ebenfalls fiktiven Bürgermeisters von Baltimore.

“Would Hamsterdam Work?”

Colvins Experiment in „The Wire“ inspirierte viele Polizist:innen und Jurist:innen sich mit dem realen Ansatz von Schmoke und einer liberaleren Drogenpolitik auseinanderzusetzen. So erschien in einer Ausgabe des „University of Chicago Legal Forum“ aus dem Jahr 2019 beispielsweise ein Artikel mit dem Titel „Would “Hamsterdam” Work? Drug Depenalization in The Wire and in Real Life“. John Bronsteen untersucht darin drei reale Ansätze der Drogenliberalisierung in der Schweiz, Portugal und in Amsterdam.

Bis 2001 wurde der Drogenkonsum in Portugal mit bis zu einem Jahr Haft bestraft. In dieser Zeit stiegen die AIDS-Fälle im Land rasant an. Portugal legalisierte deswegen den Konsum von Drogen und versuchte dadurch, Drogensüchtige weg von der Strafjustiz und hin ins Gesundheitswesen zu bringen. Dieser liberale Ansatz in Portugal war ein großer Erfolg. Zwischen 2000 und 2008 nahmen die AIDS-Erkrankungen im Land signifikant ab. Gleichzeitig starben immer weniger Menschen an einer Überdosis. Überraschenderweise nahm die Anzahl der Drogenkonsumenten – trotz Liberalisierung – insgesamt ab.

Ein „real life Hamsterdam“ gab es in den 1980ern in Zürich. Nach der Aufhebung des Spritzenabgabe-Verbots im Juli 1986 beschloss die Polizeiführung auf dem Platzspitzareal beim Züricher Hauptbahnhof keinen Ordnungsdienst mehr durchzuführen. Die offene Drogenszene wurde von der Polizei also genauso wie in Hamsterdam hingenommen. Rund 2000-3000 Personen konsumierten hier täglich Drogen. Aufgrund des großen öffentlichen Drucks wurde der Park am 5. Februar 1992 geschlossen. Das Experiment gilt heute als gescheitert. Die steigende Nachfrage soll zu einem steigenden Angebot an Drogen geführt haben. Die Legalisierung konnte auch im Bereich der Beschaffungskriminalität zu keiner nachweisbaren Senkung der Kriminalität beitragen.

Zürich, Portugal und die Niederlande als Vorreiter?

In Amsterdam, dem Vorbild für „Hamsterdam“, wiederum wurde nur die leichte Droge „Marihuana“ legalisiert. So sollte der Schwarzmarkt für die Droge aufgelöst werden. Bereits seit 1976 wurde der Besitz von bis zu 30 Gramm Cannabis toleriert, also nicht verfolgt. Heute gibt es zu diesem Zweck in den Niederlanden mehrere Hundert Coffeeshops, die bis zu fünf Gramm Cannabis pro Person verkaufen dürfen. Dies führte erwartungsgemäß zu einem Anstieg der Cannabis-Nutzer:innen im Land, die Coffeeshops wurden zu Touristen-Magneten. Allerdings ist die Theorie von Marihuana als Einstiegsdroge inzwischen wiederlegt. John Bronsteen kommt deswegen zu einem gemischten Ergebnis.

“In reality, the truth may be neither as hopeful as The Wire’s view
of Hamsterdam nor as bleak as its view of the political realities that
destroyed Hamsterdam. On the downside, we may not be able to achieve the benefits of legalization—decreased violence, to start with—without incurring increased drug use, as Amsterdam shows
.”

Die Serie “The Wire” ist jedenfalls auch heute noch einen Serienmarathon wert. Auch wenn ich sie nur als “zweitbeste Serie aller Zeiten” nach “The Sopranos” bezeichnen würde.

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Fundstelle: https://drugpolicy.org/

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