“Avada Kedavra!” – Harry Potter und der Rechtsgüterschutz

Egal von welchem Rechtsgebiet man spricht – es geht immer um den sogenannten Rechtsgüterschutz. Im Öffentlichen Recht schützt Art. 1 I GG das höchste aller Rechtsgüter: Die Menschenwürde. Im Zivilrecht geht es früher oder später immer um den Schutz des Eigentums und des Vermögens. Und im Strafrecht? Auch das Strafrecht kennt verschiedene schützenswerte Rechtsgüter. Die wichtigsten: Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Das erinnert den:die juristische Leser:in natürlich direkt an die drei unverzeihlichen Flüche in den Harry Potter Büchern. „Avada Kedavra“, „Imperius“ und „Crucio“.

Harry lernt diese drei Flüche in Band vier kennen und erfährt direkt, dass die Anwendung gegen einen Menschen mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe im Zauberergefängnis Askaban geahndet wird. „»Nun … diese drei Flüche – Avada Kedavra, Imperius und Cruciatus – nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch nur einen von ihnen gegen einen Mitmenschen richtet, handelt sich einen lebenslangen Aufenthalt in Askaban ein.«“ (Prof. Moody, Harry Potter 4, Die Unverzeihlichen Flüche)

„Du sollst nicht töten!“ oder „Avada Kedavra!“

Bereits die zehn Gebote erhalten ein „Mordverbot“. Nach biblischer Überlieferung hat Gott die zehn Gebote dem Propheten Mose auf dem Berg Sinai übergeben. Die Gebote regeln die Haltung des Menschen zu Gott und zu den Mitmenschen und sind im Alten Testament überliefert. Kurioserweise steht der Lebensschutz dabei nicht an erster – sondern erst an fünfter Stelle. Das fünfte Gebot lautet je nach Übersetzung „du sollst nicht töten/morden“.

In allen Kulturen und Epochen war die Tötung einer anderen Person verpönt. Und das spiegelte sich auch in den jeweiligen Rechtsordnungen wieder. So waren Mord & Totschlag bereits in den § 211 ff. Reichsstrafgesetzbuch von 1871 geregelt. Auch in unserem heutigen StGB stehen die sogenannten „Straftaten gegen das Leben“ nicht an erster Stelle, sondern erst im 16. Abschnitt in § 211-222 StGB. Geschützt wird in ihnen das (menschliche) Leben. Der strafrechtliche Lebensschutz beginnt dabei nicht mit der Geburt, sondern bereits mit dem Einsetzen der Geburtswehen. Das Ende des menschlichen Lebens wird im Strafrecht nicht durch den biologischen Tod, sondern durch den Hirntod markiert. Und: Das Leben wird nicht absolut geschützt. Es kann Umstände geben, in denen es „erlaubt“ ist, einen anderen Menschen zu töten. So beispielsweise in Notwehr (§ 32 StGB) oder im Rahmen des finalen Rettungsschusses durch die Polizei (z.B. § 68 III PolG BW, Art. 83 II PAG Bayern).

“»Ja, der letzte und schlimmste. Avada Kedavra … der tödliche Fluch.« […] »Avada Kedavra«, donnerte Moody. Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein scharfes Sirren, als ob ein mächtiges, unsichtbares Etwas durch die Luft raste – und im selben Augenblick kullerte die Spinne auf den Rücken, unverletzt, doch offensichtlich tot.“
(Prof. Moody, Harry Potter 4, Die Unverzeihlichen Flüche)

In den Harry Potter Büchern genügt das Aussprechen der Zauberformel „Avada Kedavra“ und der feste Wunsch, zu töten und das getroffene Opfer (egal ob Mensch oder Tier) verstirbt ohne sichtbare Verletzungen sofort. Die einzige Person, die den Todesfluch je überlebt hat, ist Harry Potter, der von der Liebe seiner Mutter geschützt wurde, als Lord Voldemort ihn töten wollte.

„»Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Wenn es etwas gibt, was Voldemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so mächtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel hinterlässt. Keine Narbe, kein sichtbares Zeichen … so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch, der uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig schützen.«“
(Prof. Dumbledore, Harry Potter 1, Der Mann mit den zwei Gesichtern)

Folterverbot und Recht auf körperliche Unversehrtheit

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“, so heißt es in Art. 2 I GG. Der Artikel schützt die körperliche Unversehrtheit aller Bürger:innen vor dem Staat. Dazu gehört zum Beispiel, dass der Staat nicht foltern darf. Dies ist unter anderem in Art. 1 des „Übereinkommens gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe“ der vereinten Nationen vom 10. Dezember 1984 und Art. 5 AEMR der Vereinten Nationen, Art. 3 EMRK, Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Sowie Art. 104 I GG geregelt. Strafrechtlich wird die körperliche Unversehrtheit durch die Körperverletzungsdelikte in den § 223 ff. StGB geschützt.

Was für uns heute selbstverständlich ist, ist jedoch eine recht „neue“ Errungenschaft. Sowohl im römischen Reich als auch im Mittelalter kam Folter vor. Sie hatte dabei viele Namen: Marter, Tortur, peinliche Befragung. Erst im 18. Jahrhundert kam es zu einem Umdenken und die Abschaffung der Folter wurde gefordert und im 19. Jahrhundert flächendeckend durchgesetzt. Einen traurigen Rückschritt erlebten wir auf deutschem Boden zur Zeit des Nationalsozialismus. Im NS-Staat wurden Verbrecher:innen, jüdische Menschen und politisch Andersdenkende in Verhören und Konzentrationslagern von Gestapo und SS gefoltert. Euphemistisch nannte man die Folter „verschärfte Vernehmung“.

In den Harry Potter Büchern muss man sich keine komplizierten Foltermethoden ausdenken. Denn der Cruciatus-Fluch genügt, um dem:der Gegenüber unerträgliche Schmerzen zuzufügen.

„Moody hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn gegen die Spinne, dann murmelte er: »Crucio!« Sofort falteten sich die Beine der Spinne über ihrem Körper zusammen; sie rollte auf den Rücken und begann unterfürchterlichen Krämpfen hin und her zu wippen. Sie gab keinen Laut von sich, doch Harry wusste, wenn sie eine Stimme gehabt hätte, dann hätte sie geschrien. Moody zog seinen Zauberstab nicht zurück und die Spinne begann jetzt noch heftiger zu zittern und zu zucken – […] »Schmerz«, sagte Moody leise. »Man braucht keine Daumenschrauben oder Messer, um jemanden zu foltern, wenn man den Cruciatus-Fluch beherrscht … auch dieser war einst sehr beliebt.«“
(Harry Potter 4, Die Unverzeihlichen Flüche)

By Ludmila-Cera-Foce (DeviantArt)

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Dabei wird auch dieser Zauberspruch mit einer lebenslangen Haftstrafe in Askaban bestraft. Und das Zaubereiministerium darf den Cruciatus-Fluch auch nicht gegen die eigene magische Bevölkerung einsetzen. Mit der Machtübernahme in Band sieben durch Lord Voldemort fällt dieses Verbot jedoch faktisch weg. Denn Lord Voldemorts Anhänger:innen, die Todesser, setzen den Spruch gezielt ein, um muggelstämmige und politische Gegner zu foltern. Wie gut, dass Lord Voldemorts Herrschaft nach nicht einmal einem Jahr mit der Schlacht von Hogwarts und der Vernichtung aller Horkruxe durch Harry und seine Freunde beendet wurde.

„Voldemort hob den Zauberstab, und bevor Harry etwas tun konnte, um sich zu verteidigen, bevor er sich auch nur rühren konnte, hatte ihn der Cruciatus-Fluch erneut niedergeworfen. Der Schmerz war so stark, so allumfassend, dass er vergaß, wo er war … weiß glühende Messer durchbohrten jeden Zentimeter seiner Haut, sein Kopf würde vor Schmerz gleich platzen; er schrie lauter, als er je im Leben geschrien hatte “
(Harry Potter 4, Priori Incantatem)

Willensfreiheit und der Imperius-Fluch

Der Begriff der Freiheit wird heute fast schon im Übermaß benutzt. Gemeint ist dabei häufig die Allgemeine Handlungsfreiheit aus Art. 2 I GG. Also das Recht, alles tun und lassen zu können. Darin heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Dieser persönlichen Freiheit sind in einem Kollektiv aber natürlich auch Grenzen gesetzt. Nämlich durch die Rechte anderer. Diese so genannte Schrankentrias bestehen laut Grundgesetz aus der verfassungsmäßigen Ordnung, den Rechten anderer und dem Sittengesetz. So darf ich nicht zum Spaß mit 180 durch die Spielstraße rasen. Und auch nicht meinen klavierspielenden Nachbarn töten. Logisch.

Der strafrechtliche Freiheitsbegriff des § 239 StGB (Freiheitsberaubung) ist jedoch ein anderer. Die Freiheitsberaubung bezieht sich ausschließlich auf die persönliche Fortbewegungsfreiheit, also die Freiheit, seinen Aufenthaltsort zu verändern. Es ist also verboten, einen anderen Menschen zu fesseln oder ihn einzusperren. Geschützt wird allein das Opfer, das in der Lage ist, über seinen Aufenthaltsort frei zu bestimmen. Somit scheiden Kleinstkinder und ohnmächtige Personen aus.

Die Freiheit der Willensentschließung und Willensbetätigung wird hingegen durch § 240 StGB (Nötigung) geschützt. Die Norm verbietet es, einen anderen zu einem Handeln, Dulden oder Unterlassen zu zwingen, indem dessen Willensfreiheit durch Anwendung von Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel beeinträchtigt wird.

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Und diesem Nötigungstatbestand kommt der sogenannte Imperius-Fluch aus den Harry Potter Büchern deutlich näher als der klassischen Freiheitsberaubung. Denn: „»Vollkommene Unterwerfung«, sagte Moody leise, während die Spinne sich zusammenrollte und über den Tisch kugelte. »Ich könnte sie dazu bringen, aus dem Fenster zu hüpfen, sich zu ersäufen, sich in einen von euren offenen Mündern zu stürzen …«“ (Harry Potter 4, Die Unverzeihlichen Flüche)

By SarahLynnReynolds (DeviantArt)

Da der Imperius-Fluch keine bleibenden Schäden hinterlässt, kann das Ministerium auch im Nachhinein nicht mehr feststellen, ob eine Person tatsächlich unter diesem Fluch gestanden hat. Er kann deswegen als Ausrede missbraucht werden, um die Begehung von Straftaten zu rechtfertigen:

„»Vor einigen Jahren gab es eine Menge Hexen und Zauberer, die vom Imperius-Fluch beherrscht waren«, sagte Moody, und Harry wusste, dass er über die Tage sprach, in denen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht war. »War keine leichte Aufgabe fürs Ministerium herauszufinden, wer unterworfen war und wer aus seinem freien Willen heraus handelte.«”
(Harry Potter 4, Die unverzeihlichen Flüche)

Eine besondere Bedeutung für die Geschichte erlangt der dritte der unverzeihlichen Flüche bei der Machterlangung Lord Voldemorts. Denn dieser ernennt sich nicht selbst zum Zaubereiminister, nachdem er am Anfang von Band sieben den vorherigen Minister ermordet hatte, sondern setzt mit Pius Thickness eine unter dem Imperius-Fluch stehende Marionette ein.

Von den Harry Potter Büchern können also auch Jurastudierende noch viel lernen. Wer hätte gedacht, dass in den Büchern von J.K. Rowling so viel Jura steckt?


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