„My way killings“: diesen Song hören Menschen, bevor sie ermordet werden

Auf den Philippinen sterben überdurchschnittlich viele Menschen, nachdem sie den Song „My Way“ von Frank Sinatra gehört oder gesungen hatten. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Zwischen 2002 und 2010 sollen in philippinischen Karaoke-Bars mindestens zehn Menschen gestorben sein, nachdem der berühmte Song „May Way“ (1983) von Frank Sinatra gespielt worden war. Die Zahl ist statistisch so auffällig, dass zwischenzeitlich sogar die New York Times über das Phänomen berichtete.

Karaoke ist auf den Philippinen ein weit verbreiteter, beliebter Zeitvertreib. Auch bei Menschen mit geringem Einkommen. Seit 1998 soll es dabei vermehrt zu tödlichen Vorfällen gekommen sein, die mit Sinatras Song „My Way“ im Zusammenhang stehen. Die Aufmerksamkeit für diese Morde erreichte am 29. Mai 2007 ihren Höhepunkt, als ein 29-jähriger Karaoke-Sänger von einem Sicherheitsbeamten in einer Bar in San Mateo erschossen wurde. Der Sicherheitsbeamte hatte sich beschwert, dass der junge Mann “My Way” nicht richtig sang. Weil der Mann sich weigerte, mit dem Singen aufzuhören, erschoss ihn der Sicherheitsbeamte mit seiner Pistole. Viele Karaoke-Bars strichen den Song daraufhin aus ihrer Songauswahl.

Nebenprodukt der Karaoke-Kultur?

Für die statistische Auffälligkeit gibt es bis heute keine eindeutige Erklärung. Eine mögliche kriminologische Erklärung ist, dass das Lied in den Karaoke-Bars des Landes einfach sehr häufig gesungen wird. Und dass es gerade hier zu gewalttätigen Konflikten kommt. Andere vermuten, dass der Song von Philippiner:innen als besonders aggressiv empfunden werden könnte.

Norimitsu Onishi von der New York Times vermutet ebenfalls, dass die Tötungsdelikte ein natürliches Nebenprodukt der Kultur bestehend aus Gewalt, übermäßigem Alkoholkonsum und Machismus sei, die gerade in Karaoke-Bars weitverbreitet ist. Bereits das Auslachen weniger talentierter Sänger:innen könne hier zu gewaltsamen Konflikten führen. Dafür spricht, dass es beim Karaoke auch bei anderen Songs zu Gewalttätigkeiten kommt.

Im März 2008 wurde ein Mann in Thailand verhaftet, weil er acht Menschen im Rahmen eines Streits in einer Karaoke-Bar erschossen hatte. Grund für die Bluttat soll unter anderem die wiederholte Wiedergabe von John Denvers “Take Me Home, Country Roads” gewesen sein. Im gleichen Jahr nahm ein Mann in einem malaysischen Café das Karaoke-Mikrofon so lange in Beschlag, dass er von anderen Gästen erstochen wurde. Erst im März 2022 wurde der amerikanische Schauspieler Ezra Miller verhaftet und angeklagt, nachdem er mit Besuchern einer Karaoke-Bar auf Hawaii in Streit geraten war.

Provozierender Songtext?

Problematisch ist außerdem, dass es beim Karaoke zahlreiche ungeschriebene Verhaltensnormen gibt, gegen die verstoßen werden kann. So ist es Usus, dass das Mikrofon nach drei Songs an eine andere Person weitergegeben wird. Hält man sich nicht daran, kann schon das zu Problemen führen.

Der Universitätsprofessor Roland B. Tolentino hält es aber auch für möglich, dass gerade der Song „My Way“ in gewalttätigen Milieus besonders beliebt ist. Und er deswegen so häufig mit Gewalt und Tötungsdelikten in Verbindung gebracht wird. Der Song könne außerdem sowohl auf die Sänger:innen als auch die Zuhörer:innen eine aufputschende Wirkung haben. Diese Theorie vertritt auch der Musiklehrer Butch Albarracin. Der Text rufe Gefühle von Stolz und Arroganz hervor und führe deswegen möglicherweise zu Schlägereien.

“For what is a man, what has he got?
If not himself then he has naught
Not to say the things that he truly feels
And not the words of someone who kneels
Let the record shows I took all the blows and did it my way”

Frank Sinatra, My Way

Die Gewaltbereitschaft beim Karaoke ist inzwischen ein so prägendes Phänomen, dass manche Bars homosexuelle Männer beschäftigen, um die unterschwelligen Spannungen unter den männlichen Gästen zu entschärfen. Da schwulen Männer nicht als Konkurrenten um die Aufmerksamkeit der Frauen oder beim Singen wahrgenommen werden, können sie aufkommende Streits besser schlichten.


Fundstelle: https://www.nytimes.com/2010/02/07/world/asia/07karaoke.html?

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