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So unterscheiden sich Schule und Jurastudium: Die neue Freiheit kommt mit großer Eigenverantwortung

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Griebel Schimmel

Der Einstieg ins Studium bringt unabhängig vom gewählten Studiengang generell bemerkenswerte Neuerungen mit sich. Denn die Universität unterscheidet sich sehr von der Schule. Lehre an der Universität ist nicht mit dem schulischen Unterricht zu vergleichen und das Studieren geht anders als das schulische Lernen. Weil man die Schule nach vielen langen Jahren aber so gut kennt, geht man mit der Erwartung ins Studium, dass vieles an der Universität mindestens ähnlich zum Ansatz in der Schule sein wird. Je früher man die wirkliche Funktionsweise der Universität versteht, desto schneller kommt man dort an.

Es folgen ein paar Bemerkungen zu den in Universitäten gewährten Freiheiten, der oft empfundenen Anonymität, zu Lehrenden und deren Veranstaltungen sowie zur Stofffülle und den Prüfungen. Sie gelten besonders fürs Jurastudium, auch wenn sich manche Unterschiede in gleicher Weise bei anderen Studienfächern zeigen.

Universität bedeutet Freiheit

Ein erster Unterschied ist banal, er führt uns aber zu einer zentralen Eigenart der Universität: Sie entscheiden sich frei dafür, ein bestimmtes Fach zu studieren, und so lassen Sie die Ihnen zugemutete Breite des Fächerkanons der Schulzeit hinter sich. Diese Freiheit der Studienwahl setzt sich dann im Studium fort. Sie entscheiden, ob Sie Lehrveranstaltungen besuchen oder nicht. Denn diese setzen überwiegend keine Anwesenheit voraus – und so gibt es gerade in Vorlesungen keine Anwesenheitskontrolle. Bleiben Sie den Veranstaltungen fern, liegt es bei Ihnen, ob Sie die dort behandelten Themen selbstständig nacharbeiten. Gleiches gilt weitgehend für die Entscheidung, ob Sie Prüfungen belegen und wann Sie das tun möchten. Sie entscheiden darüber, ob Sie (seriös) studieren wollen, nur so tun wollen als ob, oder es ganz sein lassen. Sie sind in dieser Hinsicht aus Perspektive der Hochschule vollständig frei. Da ist – anders als an manchen Universitäten im Ausland – niemand, der Sie von Seiten der Universität kontrolliert, Ihren Fortschritt überprüft, Ihnen Druck macht, Sie gezielt motiviert oder begleitet. Gerade das Jurastudium in Deutschland ist alles andere als „verschult“.

Wenn man die Schule gewöhnt ist, muss man erst lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Wann nimmt man sich die Freiheit, Veranstaltungen fallen zu lassen, weil sie nichts bringen? Wann widersteht man der Versuchung, etwas Schöneres zu machen, wenn eine Veranstaltung einen doch weiterbringen könnte? Und wie viel Freiheit kann man sich leisten, angesichts der erwähnten Stofffülle im Jurastudium? Solche Entscheidungen sind schwer und es ist ein Lernprozess. Die Verantwortung für diesen liegt aber eben komplett bei Ihnen.

Universität bedeutet Anonymität

Folge der Freiheit ist, dass man Sie in der Universität typischerweise nicht namentlich kennt. Dies gilt gerade für Studiengänge mit großen Kohorten, wie man sie in der Rechtswissenschaft an vielen Standorten findet. Für manche ist das toll, denn nicht jeder hat den Drang, sich in Vorlesungen einzubringen. Es besteht aber die Gefahr, abzutauchen und sich dauerhaft zu verstecken. Eine einmal eingenommene passive Haltung ist alles andere als förderlich. Auch wer lieber still zuhört, wird Fragen haben, und um deren Beantwortung nach der Vorlesung oder in einer Sprechstunde muss man sich aktiv kümmern. Wer hingegen gern mitdiskutiert und mit seinen Ansichten oder Fragen individuell wahrgenommen werden möchte, kann die Anonymität des Studiums als demotivierend empfinden.

Die Anonymität ist auch dem Datenschutz an Universitäten geschuldet. So haben rechtliche Vorgaben in Bildungskontexten vielleicht mehr negative Folgen als positive (weil der Datenschutz geradezu gebietet, sich nicht persönlich zu kennen). So werden die oft so wichtigen persönlichen (emotionalen) Brücken zwischen den Menschen an der Uni, den Dozenten und Studenten, verhindert. Dies kann man durchaus bedauern.

Umso wichtiger ist es, aus der Anonymität auszubrechen, indem man wenigstens drei bis vier richtig gute Freunde im Studium gewinnt. Mit diesen geht man den Weg gemeinsam, zieht sich gegenseitig mit und unterstützt sich. Das ist unglaublich wichtig. Mancher berichtet noch nach Jahrzehnten von der fantastischen Lerngruppe, der er den wesentlichen Grund für das erfolgreiche Studium zuschreibt.

Manche Lehrenden versuchen gegenzusteuern: Sprechstunden, Diskussionsrunden, Kaminabende (zuletzt auch virtuell), Einladungen zum Kneipentreffen an das ganze Semester oder wenigstens die Seminarteilnehmer. Angesichts der vielen Studenten in einem Jahrgang und der vielen Lehrveranstaltungen sind das aber meist nur Tropfen auf den heißen Stein.

Die Dozenten an der Universität

An der Schule gab es gute und schlechte Pädagogen, aber jedenfalls durfte man sicher sein, dass alle pädagogisch ausgebildet waren. Die Dozenten der Universität haben hingegen weder eine pädagogische noch eine didaktische Ausbildung. Nicht alle denken darüber nach, wie man Themen besonders anschaulich und nachhaltig vermittelt und nicht alle sind eben geborene Lehrer. Typischerweise werden Professoren wegen ihrer Forschungsleistungen und nicht für ihr Engagement in der Lehre berufen. So kann es vorkommen, dass ihnen die Lehre lästig ist. Sie müssen davon ausgehen, dass gute Lehre und Zuwendung zu Studenten sich für Ihre Professoren nicht oder bestenfalls zufällig lohnen. Selbst bei deren wissenschaftlichen Mitarbeitern, die häufig als Arbeitsgemeinschaftsleiter lehren, muss das Interesse an der Lehre nicht größer sein. Dies zeigt sich dann mitunter in der Haltung aller Dozenten gegenüber Studenten, der Bereitschaft, ihnen zuzuhören und ihre Fragen zu beantworten.

Nun bestand die Lehrerschaft zu Schulzeiten nicht nur aus geborenen Motivationskünstlern und Lehrtalenten, an der Universität sind diese noch seltener. Und gerade Jura wird oft so sachlich unterrichtet, als seien die Regeln so wertfrei wie Naturgesetze. Das macht die Sache nicht einfacher. Denn anfangs werden Sie von der Lehre Ihrer Professoren ableiten, ob Sie ein Fach spannend finden. Ist dies nicht der Fall, mag es überraschen, wie schnell sich das Blatt wendet, wenn man das Thema mit den richtigen Büchern und/oder gemeinsam mit Mitstudenten angeht. Soweit Sie wählen können, wechseln Sie in Lehrveranstaltungen, die Sie mitreißen und begeistern.

Die universitären Lehrveranstaltungen– insbesondere Vorlesungen

Im Jurastudium ist man als Student ganz überwiegend mit dem Lehrveranstaltungstyp der „Vorlesung“ konfrontiert. Vorlesungen sind eher nicht von Interaktion geprägt, d.h. einem wie auch immer gearteten Austausch mit den Studenten, der diese zumindest phasenweise die Rolle der passiven Konsumenten verlassen ließe. Sie sind mit 90 oder gar 180 Minuten auch noch doppelt oder viermal so lang wie eine Schulstunde, obwohl Studien belegen, dass man typischerweise überhaupt nur im Umfang von etwa 30 Minuten neuen Stoff als Zuhörer aufnehmen kann. Das führt unweigerlich dazu, dass man während mindestens der Hälfte der Veranstaltung nicht mehr aufnahmefähig ist und den Fehler bei sich selbst sucht. Aber der Fehler liegt im System.

Der „Stoff“ und die Prüfungen

An der Uni kann es passieren, dass man für eine erste unbenotete Übungsklausur mehr lernt als fürs ganze Abitur. Der Stoff ist gerade bei Jura umfangreich und anspruchsvoll. Gemeinerweise erschließt er sich erst nach und nach. Der Groschen fällt oft erst nach Wochen, Monaten oder gar Jahren (etwa erst während der Examensvorbereitung oder im Beruf).

Es gilt viel mehr Stoff als zu Schulzeiten zu „durchdenken“. Dieser Stoff wird zu oft in einer weder didaktisch noch lerntechnisch sinnvollen Dosierung präsentiert. Gerade zu Beginn des Studiums ist ein Gefühl von Überforderung steter Begleiter. Sich mit Themen zu befassen, die man (noch) nicht kennt, geschweige denn liebt, ist sehr anstrengend. Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen sind daher gute Freunde, wenn man sie denn hat.

Die Prüfungen werden zudem oft zum Ende des Semesters durchgeführt – und dann geballt. Dies erfordert ein komplettes Umdenken in Sachen Lernstrategien. Man kann nicht wie bei mancher Klassenarbeit am Vorabend mit dem Lernen anfangen. Verstehen und Durchdenken bzw. das Einüben über Klausurbeispiele brauchen ihre Zeit. Die Prüfungen verlangen nämlich Transferleistungen, d.h. die Lösung von Fällen, die neu sind. Hier hilft Auswendiglernen nicht weiter, es geht um Verstehen, und das braucht Einsatz und Geduld. Das Kurzzeitgedächtnis, Auswendiglernen oder das schulische ‘Bulimielernen’ helfen wenig, man muss – und dies auch mit Blick auf die Examina und den späteren Beruf – nachhaltig lernen.

Also – was tun?

Diese Herausforderungen führen an eigentlich allen Universitäten, gleich mit welchem Leistungsanspruch, zur gleichen Folge: Die Verantwortung für den Studienerfolg liegt ganz wesentlich bei den Studenten selbst. Das scheint banal, wird aber zu oft zu spät erkannt. Man muss sich gut organisieren, sich viel Zeit für den Stoff und den selbstständigen Wissenserwerb nehmen, Selbstlernkompetenz oder/und das Lernen in Gruppen entwickeln, sich Freude am Studium erarbeiten und mit Rückschlägen und Widrigkeiten umzugehen lernen. Studienerfolg und auch ein erlebnisreiches Studium liegen in der eigenen Hand. Extrameilen laufen kann tolle Erkenntnisse bringen, sich in Projektgruppen (etwa Law Clinics) zu engagieren ebenfalls – und natürlich auch ein Auslandsstudium, das man rechtzeitig planen muss. Man muss aus der oft passiven Rolle der Schulzeit hinausfinden in eine Rolle, die zur Universität passt und deren Besonderheiten berücksichtigt. Fachliche Fehler wird man tausendfach machen – und das ist gut so, wenn man daraus lernt. Aber Fehler in der Art, wie man die Dinge angeht (und mit welchen Haltungen), sind oft fatal.

Ein Wort am Schluss noch: Wer die die Chance bekommt, an einer Universität zu studieren, sollte das Studium mit Dankbarkeit und Demut angehen. Denn viele Gleichaltrige im In- und Ausland haben trotz höchster Begabungen diese Chance nicht. Vergessen Sie das nicht und nehmen Sie es vielleicht auch ein wenig als Verpflichtung, die zusätzlich antreibt und hilft, immer wieder aufzustehen, nicht nur allmorgendlich, sondern auch nach kleinen und großen Rückschlägen und Enttäuschungen.


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Der Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung von Kap. 11 aus:

Jörn Griebel / Roland Schimmel (Hrsg.), “Warum man lieber nicht Jura studieren sollte – und trotzdem: Eine Ermutigung” das im Oktober 2022 im utb-Verlag erschienen ist.

Drei Exemplare des Buches gibt es bis zum 10. Oktober auf unserem JURios-Instagram-Account @jurios.de zu gewinnen. Wie Du im Lostopf landest, erfährst du hier!

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