Typisch Jura-Ersti: Was ich rückblickend anders gemacht hätte

Es ist der 29. Januar 2021, ich sitze total desillusioniert in meinem Zimmer. Meine erste Klausurenphase nähert sich, Tag für Tag, immer schneller. Wie soll ich die ersten Klausuren nur bewältigen???

Jedes Semester ist anspruchsvoll. Das gebe ich auch, als kommender 5. Semester, zu. Doch dies gilt besonders für das erste Semester. Noch keine Klausur geschrieben. Noch nie für eine Hausarbeit recherchiert. Wie soll ich mich nur dem „Lernstil“ der Uni anpassen? Rückblickend hätte diese Zeit viel angenehmer sein können, mit lediglich vier wertvollen Hinweisen an mein Ersti-Ich…

1. Tipp: Fälle, Fälle, Fälle!

Der erste Tipp bezieht sich ganz konkret auf das Lernen. Ich erinnere mich noch ganz konkret an meine ersten beiden Studienwochen. Ständig habe ich mich gefragt: Wie lerne ich jetzt nur? Meinen Brox-Walker zusammenfassen? Die 100 Seiten Folien vom Prof kopieren? NEIN! Nur Lehrbücher lesen oder die Folien vom Professor zu kopieren, reicht nicht! Es blieb nichts haften! Selbstverständlich hat jede Person ihren ganz individuellen Lerntyp und es ist empfehlenswert, mit verschiedenen Lernmethoden am Anfang des Studiums zu experimentieren. Doch am Ende des Ersten Semesters kam ich immer wieder zur selben Erkenntnis: Ich hätte viel mehr Fälle lösen müssen! Seien es die Vorlesungsfälle oder Fälle aus einem Fallbuch. Fälle sind das A und O für die Klausur. Wer viele Konstellationen kennt und diesen begegnet ist, wird für die Klausur gut gerüstet sein. Am Ende des Tages wird eine Fallklausur drankommen und kein „Besinnungsaufsatz“, wie meine Professorin uns einhämmerte. Erfahrung ist eben auch bei Jura essentiell! Hätte ich diesen Hinweis beachtet, wäre ich wohl in der BGB AT-Klausur auf das Hauptproblem gem. § 174 BGB gekommen. In meinem unberührten Fallbuch war es nämlich drin…

2. Tipp: Hinsetzen und ausschreiben!

Schreiben ist ein leidiges Thema. Das weiß ich. Ob in der Schule oder im Studium. Sich mal eben zwei Stunden für einen Fall zu nehmen und ihn auszuschreiben, kostet Überwindung. Deshalb geht es bei meinem zweiten Tipp um das Schreiben. Es ist einer der am meisten unterschätzten Punkte im ganzen Studium! Besonders als Corona-Erstsemester fiel es mir schwer, zuhause handschriftlich mehrere Seiten Gutachten zu schreiben. Dabei hilft das Ausformulieren zur Rekapitulation des gelernten Stoffes. Auf einen Blick ist erkennbar, welche Definitionen nicht sitzen und wo Lücken bestehen. Wer die Zulässigkeit der verschiedenen Klagearten in Staatsorganisationsrecht problemlos runterschreiben kann, spart in der Klausur viel Zeit und ist vielen Kommiliton:innen überlegen. Wer den Gutachtenstil mehrfach durchexerziert hat, beherrscht in der Klausur schon die Grundlagen. Wo ich noch überlegt habe, konnten andere sofort loslegen! Das würde mir sicherlich kein zweites Mal passieren.

3. Tipp: Jura kann Teamwork sein!

Bei meinem dritten Tipp geht es um die Kommiliton:innen. Wir alle kennen die Geschichten von Mitstudent:innen, welche die Bezeichnung „Kolleg:innen“ nicht verdienen. Sie reißen Seiten aus den Lehrbüchern oder verschweigen bewusst Informationen. Doch trotz der abschreckenden Beispiele, muss der Grundsatz gelten: Arbeite mit deinen Kommiliton:innen zusammen! Ja, ganz richtig. Bitte lasse Dich nicht abschrecken. Es gibt auch wahnsinnig viele sympathische und hilfsbereite Menschen! Nicht alle denken nach dem Ellenbogenprinzip! Suche Dir eine Handvoll verlässlicher Leute und Du wirst dich wundern, was daraus entstehen kann. Ich sage immer, Jura besteht auch aus Teamwork. Sich alleine vor eine Hausarbeit zu setzen, ohne mögliche Denkansätze auszutauschen, ist grob fahrlässig. Meine viel gepriesenen Fälle lernen sich besonders gut in Gruppen. So können ebenfalls Wissenslücken von anderen geklärt und die Lücken deiner Kommiliton:innen durch Dich geschlossen werden. Eine Lerngruppe ist sowohl zur Aufgabenbewältigung als auch zur psychischen Unterstützung vorteilhaft.

Es werden Momente im ersten Semester kommen, in denen man am Verzweifeln ist. Das ist nichts Ungewöhnliches. Aber eine Gruppe unterstützt Dich in diesen Situationen. Mir ist nur eine Eigenschaft wichtig zu betonen. In einer Lerngruppe kann selbstverständlich auch mal gequatscht werden. Aber sie sollte vor allem eine LERNgruppe sein. Dementsprechend ist es nicht immer sinnvoll, diese Gruppe mit den besten Freund:innen zu starten, in der dann nach 10 Minuten nur über die neuesten Freizeitbeschäftigungen gesprochen wird. Suche Dir Leute, mit denen Du arbeiten kannst. Eine solche Gruppe ist Gold wert und erspart einem viel Leid! Denn jeder weiß: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

4. Tipp: Friends!

Den letzten Tipp gebe ich vor allem meinem Corona-Erstsemester-Ich. Lerne früh genug Menschen kennen! Gehe auf neue Leute zu. Knüpfe Verbindungen. Damals war die Zeit sehr schwierig und auch einsam. Viele Geschäfte waren noch geschlossen und wir hatten keinen Präsenzunterricht. Es bestand kaum die Möglichkeit, neue Leute zu treffen. Aber genau in dieser Lage ist es wichtig, in der Uni anzukommen. Schreibt Leute im Zoom-Chat an. Verabrede Dich zu zweit zum Lernen. Geht zusammen in die Mensa. Oder im Zweifelsfall an der frischen Luft mit Abstand ein Eis essen. Es gibt viele Möglichkeiten, solche Verbindungen herzustellen. Die Uni ist eben auch eine Begegnungsstätte, egal ob für zukünftige Freunde:innen oder Partner:innen! Ich habe es später sehr bereut, einige Verbindungen nicht gepflegt zu haben. Einige Freunde:innen zogen weg oder fanden neue Menschen! Dieses Studium ist sehr lernintensiv und es kann mitunter sehr vereinsamen. Doch genau diese Zeit sollte man nicht alleine verbringen.

Das Studium geht sehr lange und mit tollen Freund:innen kann dieser lange Weg eine besonders schöne Reise werden.

Bijan Khodadadeh
Bijan Khodadadeh
Fortgeschrittener Jurastudent der Universität Hamburg.

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