Das Jurastudium kann Spaß machen!

Nun gut, manch einer wird mich angesichts dieses Claims für einen Masochisten halten oder über die Drogen informiert werden wollen, die mich zu dieser Einsicht gebracht haben. Wer mir nicht glaubt, darf diese ‚Fehlvorstellung‘ gerne auf die Übermüdung nach einer Tagung in Gießen schieben. Doch ehrlicherweise werde ich die Behauptung jederzeit wiederholen – auch nachdem ich mich ordentlich ausgeschlafen habe. Warum? Weil Jura und das Studium der Rechtswissenschaften wirklich Spaß machen können. In diesem Artikel möchte ich erklären, welche Bedingungen meiner persönlichen Meinung nach erfüllt sein müssen, um Freude an diesem Studium zu haben und welche Strategien dazu beitragen, diese Freude bis in die Examensvorbereitung mitzunehmen.

Wasser in den Wein

Doch bevor ich zu den Freuden des Studierendenlebens komme, muss ich ein wenig Wasser in den Wein gießen. Jura zählt zu den härtesten Studiengängen an deutschen Hochschulen. Nicht selten ohne Zugangshürden (Stichwort NC) werden auch sehr gute Abiturient:innen in den ersten Semestern häufig auf den ‚Boden der Tatsachen‘ zurückgeholt – die Notenvergabe ist strikt, der Lernaufwand hoch und das zu beackernde Feld reicht weiter als so mancher persönliche Horizont. Viele Studierende können sich mit ganzen Rechtsgebieten ihr Studium lang nicht anfreunden. Kommiliton:innen, die meinen, mit den Ellenbogen käme man weiter, können einem den letzten Nerv rauben. Keiner besteht ein juristisches Staatsexamen mit links und viele Studienanfänger:innen fallen durch oder brechen ab. Diese Schattenseiten des Fachs und seiner Studierenden möchte ich nicht unterschlagen. Im Gegenteil: Nicht alle, die das Studium aufnehmen, werden damit glücklich oder bestehen die Ochsentour der Prüfungen. Doch trotzdem glaube ich fest daran: Jura kann Spaß machen.

Grundbedingungen

Das gilt nicht für jede:n: Die Rechtswissenschaften sind ein spezielles Fach und weisen manche Eigenheit auf. Meines Erachtens muss einem Jura liegen. Was heißt das? Zum einen ist Jura eine Buchwissenschaft. Das heißt: Sprache wird Euer Werkzeug (so auch Prof. Schimmel) und wer lesen (und schreiben) kann, ist klar im Vorteil. Ihr werdet die nächsten 6-10 Jahre damit verbringen, den Wortlaut von Gesetzen zu erfassen, diesem einen Sinn zu entlocken und in ein großes Ganzes – eine Systematik – einzuordnen. Dafür müssen nicht nur Normtexte gelesen, sondern Kommentare gewälzt und Lehrbücher gefressen werden. Wer nicht gerne liest, für den ist Jura nichts. Ich will damit nicht sagen, dass auditive Lerner automatisch ausscheiden – ich selbst bestritt große Teile meines Studiums vorwiegend mit Vorlesungen. Doch ohne ein Gefühl für Sprache, die Wirkung von Worten und vor allem Sorgfalt und Genauigkeit bei der Verwendung ebenjener werden euch die höheren Weihen der Rechtswissenschaft vorenthalten bleiben.

Wer Jura nur des Geldes oder des Ansehens wegen studieren will, dem sei hiermit vehement abgeraten. Erwartungen der Familie oder eigene Wunschvorstellungen angesichts des ‚großen Geldes‘ sind nur schwache Motivatoren. Spätestens in der Examensvorbereitung werdet Ihr Eure Eltern und/oder Euch selbst verfluchen. Zudem gibt es auch in der Juristerei genügend schlecht bezahlte Jobs für Absolvent:innen mit weniger guten Examensnoten. Die beste Motivation ist am Ende: Spaß an der Wissenschaft.

Jura als Handwerk

Jura ist weit mehr ein Handwerk als viele empirische Studiengänge oder beispielsweise die Philosophie. Wir lernen Methodik der Gesetzesinterpretation, Entscheidungen der Obergerichte und Lehrauffassungen der Literatur, um sie in der Praxis anwenden zu können. Ziel des Jurastudiums ist heute noch regelmäßig, zwei Staatsexamina zu absolvieren und als Anwält:in oder Richter:in, bei der Staatsanwaltschaft oder in einem Unternehmen das Recht anzuwenden. In Jura ist nicht selten das Ergebnis von großer Bedeutung. Das kann manchmal stören – so ist nicht jede:r zur Mandantenvertretung geboren. Viel häufiger, so meine Erfahrung, ist es erfüllend zu sehen, welche Folgen die eigenen Überlegungen im realen Leben zeitigen. Die Bedeutung der zu treffenden Entscheidung, die Taktik hinter einem Prozessvortrag, die Auswirkungen gütlicher Streitbeilegung – all das sehen wir in unserer praktischen Arbeit tagtäglich. Auch wenn wir unser Ergebnis nicht anfassen können, wie beispielsweise ein:e Tischler:in: Was Jurist:innen produzieren hat reale Folgen.

Während des Studiums kann diese spätere Arbeitspraxis aus dem Blick geraten. Beugt dem vor: Sucht euch ein Gericht eurer Wahl; besucht öffentliche Hauptverhandlungen und sprecht mit den Berufsjurist:innen vor Ort. In meiner Examensvorbereitung habe ich mir dafür einen Vormittag pro Woche reserviert. Das hat mich aus einigen Lerntiefs herausgerissen.

Jura als Argumentationswettstreit

Trotz allem Handwerkszeug arbeiten wir nicht mit den Händen, sondern mit dem Kopf. Knifflige Probleme stellen uns vor immer neue Herausforderungen, die wir mit strukturiertem Denken und methodischer Präzision angehen. Dabei liegt ein wesentlicher Reiz der Rechtswissenschaften in ihrer Uneindeutigkeit: „Zwei Jurist:innen, drei Meinungen“ ist eine Redewendung, die unseren Berufsstand treffend beschreibt. Das Schöne ist: Unsere Wissenschaft lässt diese Meinungspluralität zu. Verschiedene Menschen unterschiedlichster sozialer, ökonomischer und kultureller Herkunft interpretieren dasselbe Wort in ganz anderer Weise. Das ist nicht nur erlaubt, das ist sogar gewollt! Jura lebt vom Wettstreit der Meinungen. Wer in der Lage ist, seine Überzeugung methodengerecht zu begründen, der kann althergebrachte Dogmen immer neu in Frage stellen.

Das gilt nicht nur für Professor:innen und Richter:innen – das gilt schon im Studium. Wenn man sich traut, seine Meinung öffentlich zu verargumentieren und somit die Vorlesung nicht nur als Frontalbeschallung versteht, kann man im Für und Wider der Argumente unbegreiflich viel lernen. Begegnen sich Studierende (untereinander) und Forschende dabei mit Respekt und Offenheit, macht dieser Argumentationswettstreit großen Spaß.

Jura als sozialer Sprengstoff

Nicht zuletzt macht es Freude zu sehen, was man mit Recht alles erreichen kann. Klar: Recht kann missbraucht werden, was sich nicht zuletzt an Cum-Cum, Cum-Ex und vielen Fällen mehr plastisch zeigen lässt. Aber Recht ist auch das Fundament unserer Gesellschaft. Mit der Anwendung des Gesetzes kann man Menschen helfen; in ihrem Alltag, aber besonders häufig in außergewöhnlichen – gar bedrohlichen – Lebenslagen. Nicht erst als Anwält:in oder Richter:in hat man diese Chance: An vielen deutschen Universitäten haben sich Law Clinics (nach US-amerikanischem Vorbild) formiert. Dort können Studierende schon nach wenigen Semestern Wissen an praktischen Fällen anwenden und damit regelmäßig (bedürftigen) Menschen aus der Patsche helfen. Eine Win-Win-Situation. Jura hat sozialen Sprengstoff. Der Umgang mit dieser Bombe will geübt sein – meines Erachtens so früh wie möglich.

Und so schließt sich der Kreis: Wer früh lernt, Recht und Realität zu vereinen, der kann den Reiz der Praxis kennen lernen. Wer selbst Verantwortung für das Recht übernimmt, verinnerlicht nach meiner Erfahrung den Anspruch, Recht und Gerechtigkeit zusammenzubringen – eine Aufgabe, die enttäuschend und dennoch lebenserfüllend sein kann. Dann fällt auch das Pauken leichter, die Theorie sitzt besser und vielleicht entwickelt sich sogar die Freude an Dogmatik und Diskurs. Unterm Strich bleibt für mich: Wer das Jurastudium nicht als zweckmäßiges Erlernen eines trockenen Fachs begreift, sondern in der Lage ist, die alltägliche soziale Relevanz zu erkennen und sich für den Austausch von Argumenten sowie eine gewisse ‚Wortklauberei‘ zu begeistern, der kann das Studium der Rechtswissenschaften genießen.

Simon Pschorr
Simon Pschorrhttps://tinyurl.com/yj4j9fte
StA Simon Pschorr, Abgeordneter Praktiker im Strafrecht an der Universität Konstanz, Autor in Geis, Hochschulrecht in Bund und Ländern, Twitter: @PschorrSimon

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