„Messy Christmas“: Wie der „Weihnachts-Anwalt“ Jeremy Morris seine Nachbarschaft terrorisierte

Bereits 2021 erschien auf dem Streaming-Dienst Apple+ die Weihnachtsdokumentation „Messy Christmas“ (engl. “Twas The Fight Before Christmas”). In dieser dreht sich alles um den weihnachtsverrückten US-Anwalt Jeremy Morris, der seine Nachbarschaft damit terrorisierte, dass er bereits im Oktober sein ganzes Grundstück weihnachtlich dekorierte und jedes Jahr tausende Familien zu einer mehrtägigen feucht-fröhlichen Weihnachtsparty einlud. Der Fall landete schließlich vor einem Gericht in Idaho.

Als gläubiger Christ liebt der Anwalt Jeremy Morris das Weihnachtsfest ganz besonders – schließlich wird damit die Geburt Jesus Christus gefeiert. Doch das, was der US-Anwalt in den vergangenen Jahren in der Vorweihnachtszeit auf seinem Grundstück ablieferte, hat mit einem besinnlichen Fest wenig zu tun. Jeremy Morris dekorierte sein gesamtes Haus – sowohl Innen als auch Außen – mit hunderten Lichterketten. Mit der Hilfe eines Krans brachte er über 200.000 Glühbirnen an den Bäumen in seinem Garten an. In der Einfahrt zum Haus stellte er blinkende Weihnachtsmänner und Rentiere, mannshohe Weihnachtsmannfiguren, Nussknacker, Engel und aufblasbare Geschenke auf.

Weihnachtsdekoration auf der Facebookseite des Christmas Lawyer

Umzug in ein größeres Haus mit noch mehr Deko!

2014 beschloss Jeremy Morris, der seinen Abschluss an der Liberty University School of Law in Virginia gemacht hatte, gemeinsam mit seiner Frau Kirsty und seinen Kindern in ein größeres Haus zu ziehen – um noch mehr Platz für Weihnachtsdekorationen zu haben. Die Familie zog von North Idaho nach West Hayden Estates. Einem ruhigen, gehobenen Wohnviertel mit großen Grundstücken und eleganten Häusern, das von einer Wohnungseigentümervereinigung (HOA) verwaltet wird.

Und eben jene Wohnungseigentümervereinigung war von den Plänen des Weihnachtsfanatikers überhaupt nicht begeistert. Man fürchtete, dass das beschauliche Wohnviertel von Schaulustigen überrannt werden könnte. Die neuen Nachbar:innen schrieben Jeremy Morris deswegen einen Brief, in dem sie ihn darauf hinweisen, dass seine Weihnachtspläne an mehreren Stellen (Beleuchtung, Lärm, Verkehr) gegen das Regelwerk der Wohnungseigentümervereinigung verstoßen würden.

Weihnachtsshow mit tausenden Besucher:innen

Doch das war dem weihnachtsverrückten Anwalt egal. Er zog seine Weihnachtsshow 2014 trotzdem ab. Und auch in den darauffolgenden Jahren. Allen Nachbar:innen, die ihn dafür kritisierten, drohte er eine Klagewelle an. Der Wohnungseigentümervereinigung unterstellte er, dass sie ihn auf Grund seiner Religion diskriminieren würden. Um seinen Plänen Nachdruck zu verleihen, informierte er außerdem die regionale und überregionale Presse, welche West Hayden Estates daraufhin belagerte. Unter ihnen Fox News. Die Nachbar:innen erhielten auf den Sozialen Netzwerken daraufhin sogar Morddrohungen. Doch Jeremy Morris sah das alles genau andersherum. Die gesamte Nachbarschaft würde ihn diskriminieren und bedrohen, so der Anwalt. Er wolle lediglich möglichst viele Familien mit seiner Weihnachtsshow glücklich machen.

Die Feierlichkeiten bewarb der Anwalt auch in den Sozialen Netzwerken – und lud auf diesem Weg tausende Familien zu sich ein. An acht Tagen veranstaltete er außerdem eine Spendenaktion für krebskranke Kinder, lud zum gemeinsamen Singen von Weihnachtsliedern ein und verteilte kostenlosen Kakao und Zuckerwatte. Sogar ein Weihnachts-Kamel und einen Schauspieler, der den Weihnachtsmann verkörperte, bereicherten das festliche Spektakel.

Weihnachtskamel “Dolly”

Interessierte Bürger:innen aus Nah und Fern ließ er mit eigens dafür angemieteten Partybussen anreisen. Das beschauliche Wohnviertel platzte daraufhin aus allen Nähten. Es kam zu Verkehrsstaus, zertrampelten Gärten, Menschenaufläufen, Lärm und Müll. Die Weihnachtsshow wurde außerdem von bewaffneten Aktivisten „bewacht“, die der rechtsradikalen Gruppierung “Three Percenters” angehören und die Nachbarschaft weiter einschüchterten. Angeblich zur “Absicherung” der Feierlichkeiten.

Weihnachtsshow wird Fall für Gericht in Idaho

Doch damit nicht genug. Der Anwalt ging auch gerichtlich gegen seine Nachbar:innen vor. 2017 reichte er eine Klage gegen die Wohnungseigentümervereinigung ein und forderte Schadensersatz für die öffentliche Demütigung, die Unannehmlichkeiten und den wirtschaftlichen Verlust, den er und seine Familie erlitten hatten. Gleichzeitig begann er damit, seine Nachbarschaft zu stalken. Er terrorisierte seine Nachbar:innen mit hunderten Anrufen am Tag und zeichnete diese dann auf. Ausgerüstete mit seiner Handykamera patrouillierte er die Straßen des Viertels und versuchte, seine Nachbar:innen bei angeblichen Ordnungswidrigkeiten zu ertappen.

So zeigte er eine Nachbarin beispielsweise an, weil sie mit drei statt nur zwei Hunde gleichzeitig Gassi ging. Einen anderen Nachbarn zeigte er an, weil dieser ein Fußballtor in seiner eigenen Einfahrt installiert hatte – Jeremy Morris sah das Tor als „fest verbauten Gegenstand“ an und behauptete, seine Weihnachtsdekorationen wären ihm in seiner eigenen Einfahrt aus diesem Grund untersagt worden.

Im Jahr 2018 sprach eine Jury ihm und seiner Frau nach der Anhörung unzähliger Zeug:innen überraschenderweise 75.000 US-Dollar zu.

Richter hebt Jury-Entscheidung auf

Doch nur ein Jahr später hob Richter B. Lynn Winmill des Bezirksgerichts Idaho diese Juryentscheidung auf. Die Wohungseigentümervereinigung befände sich im Recht. Die Jury-Entscheidung sei grob falsch gewesen. Das neue Urteil verbietet Jeremy Morris das Äußere seines Hauses und sein Grundstück weihnachtlich zu dekorieren. Der Anwalt wurde außerdem verurteilt, die nicht unbeträchtlichen Anwaltskosten der Wohungseigentümervereinigung zu bezahlen. Jeremy Morris hat nach eigenen Angaben inzwischen über eine Million US-Dollar alleine für den seit über acht Jahren andauernden Rechtsstreit ausgegeben. Gleichzeitig verlangt der Anwalt aber auch ein Stundenhonorar von 300 US-Dollar. Wie er regelmäßig auf Facebook betont.

Auszüge aus dem Urteil können hier nachgelesen werden: https://www.inlander.com/

Die neue Gerichtsentscheidung ließ Jeremy Morris natürlich nicht auf sich sitzen. Er legte Berufung ein. Seitdem liegt der Fall beim 9. Bezirksberufungsgericht. Der Anwalt bezeichnete den Richter in seinem Fall als „korrupt“. Er selbst vergleicht sich mit einem christlichen Märtyrer, mit den Menschen, welche die Berliner Mauer einrissen und mit Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die trotz aller Widrigkeiten nicht aufgaben. Den „Verrat“ seiner Familie durch die Nachbarschaft verglich Jeremy Morris auf seiner Facebookseite mit dem Verrat von Anne Frank an die Nazis.

Anfang 2022 gab Jeremy Morris bekannt, dass seine Familie in einen „freieren“ Bundesstaat umziehen würde – eventuell nach Florida. Denn für den selbsternannten „Christmas Lawyer“ gibt es nichts Wichtigeres als seine persönliche Freiheit – zu der auch völlig übertriebene Weihnachtsdekorationen zählen. Und das alles unter dem Deckmäntelchen der christlichen Nächstenliebe. Dass auch seine Nachbar:innen gerne frei von seinem Irrsinn leben wollen würden – darauf kommt der Weihnachts-Märtyrer nicht.

Anwalts-Doku ganz ohne Weihnachtsstimmung

Auf seiner Website präsentiert sich Jeremy Morris trotzdem weiterhin als der freundliche „Christmas Lawyer“ von nebenan. Spätestens, nachdem man sich die Apple+-Doku angesehen hat, weiß man aber, dass Jeremy Morris nur eines ist: Ein rücksichtsloser Narzisst, der seine Zulassung als Anwalt ausnutzt, um seine Umwelt zu schikanieren.

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