Suche Person, die im Supreme Court Airpods trägt – biete 1,000,000 US-Dollar

Was zunächst klingt, wie eine weitere wilde Fantasie eines TechBros, ist, nunja, eine wilde Fantasie, die bald Realität werden könnte. Joshua Browder, Unternehmer und Gründer des sozialen Netzwerkes „DoNotPay“ twitterte, man wolle eine Million US-Dollar an die Person zahlen, die sich mit AirPods zum Supreme Court begibt und in einer mündlichen Verhandlung dort exakt das wiederholt, was ihr vorgegeben wird. Das Vorsagen übernimmt dabei nicht etwa ein:e zugelassene:r Anwält:in, sondern ein durch künstliche Intelligenz unterstützter „robot lawyer“.

DoNotPay ist ein 2015 von Joshua Browder gegründetes soziales Netzwerk für automatisierte Rechtsberatung und hat es sich zum Ziel gemacht, kostenlos und schnell mit Hilfe von künstlicher Intelligenz auf Rechtsfragen zu antworten. Recht und Rechtsberatung sollen durch den juristisch trainierten ChatBot für jeden zugänglich werden. DoNotPay ist nach eigener Aussage der weltweit erste Robot Lawyer und zählt zu den weltweit bekanntesten Legal Chatbots.

Die künstliche Intelligenz, die hinter dem Robot Lawyer steckt, ist das Sprachverarbeitungsmodell GPT-3 von OpenAI. Der KI-Algorithmus GPT-3 ist eine Vorgängerversion von GPT-3.5, dem Sprachverarbeitungsmodell, welches der virale Chatbot ChatGPT  nutzt. Browder und sein Unternehmen unterzogen es einem Jurastudium.

„We have upcoming cases in municipal (traffic) court next month. But the haters will say “traffic court is too simple for GPT”, postete Browder auf seinem Twitter Account. Browder will zeigen, dass sein juristisch trainierter Robot Lawyer mehr kann, als automatisiert Schriftsätze zu generieren. Streitigkeiten in Verkehrssachen, das ist ihm zu wenig. Er will es wissen – und seinen Robot Lawyer vor dem Supreme Court in Echtzeit argumentieren und verhandeln lassen.

Fantasie? – Ein reality check

Bei Browders Tweet handelt es sich um ein ernsthaftes Angebot Oder, um juristisch zu bleiben: um eine ernst gemeinte invitatio ad offerendum. Kritiker:innen brachten etwa an, dass  eine Million US-Dollar eine viel zu niedrig angesetzte Summe sei. Bei ernsthaftem Interesse am Abschluss einer solchen Vereinbarung müsste ein weitaus höherer Geldbetrag ausgezahlt werden. Browder entgegnete nur, man sei offen für Gegenangebote und Verhandlungen.

Die Summe dürfte am Ende das kleinste Problem sein. Ein Blick auf die Seite des Supreme Court of the United States bestätigt, was einige Personen bereits anführten: niemand wird es schaffen, im Gerichtssaal während einer Sitzung AirPods zu tragen. Derzeit ist es verboten, elektronische Geräte jeglicher Art mit in den Saal zu nehmen und bei sich zu führen. Die geltenden Ausnahmen erfassen einen derartigen Einsatzzweck nicht.

Sollte es gelingen, AirPods durch die Kontrollen zu bekommen, wird es wohl an der Bluetooth-Verbindung zum Smartphone scheitern, auf der die Software in Echtzeit mithören und reagieren soll. Eine Anfrage an den Supreme Court von „Gizmodo“, ob AirPods und ein KI-Anwalt im Gerichtssaal erlaubt werden könnten, blieb bisher unbeantwortet. Es wäre jedoch sehr überraschend, wenn es entgegen der bisherigen Handhabung zeitnah zu einer Aufhebung dieser Verbote kommen würde.

KI-Anwalt in Aktion

Wir müssen nicht darauf warten, ob der Supreme Court elektronische Geräte zulässt, auch nicht darauf, ob Browder eine Person und ein geeignetes Verfahren findet und einen Deal aushandelt. Bereits nächsten Monat wird der Robot Lawyer die Einlassung in einer mündlichen Verhandlung übernehmen. Details dazu sind bisher nicht bekannt, nur so viel: es geht um einen Strafzettel und darum, die ersten zu sein, die eine KI-unterstützte Software in einem Rechtsstreit verteidigen lassen.

Eine Kommerzialisierung dessen ist vorerst nicht realistisch. Kann DoNotPay allerdings zeigen, dass ihr Robot Lawyer auch im Gerichtssaal taugt, dürfte das jedoch für ein kleines Erdbeben in der Jurawelt sorgen und auch in Deutschland abermals Diskussionen über den Zugang zu Recht im Allgemeinen, künstliche Intelligenz in der Rechtsberatung und die Zukunft des Anwaltsberufs lostreten. In Zukunft könnte das heißen: ich sage nichts ohne meine KI-Anwalt:innen.

In den USA hat ChatGPT inzwischen sogar Teile des Bar Exam – vergleichbar mit unserer zweiten juristischen Staatsprüfung – bestanden (JURios berichtet).


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Aprilia Grabowski
Aprilia Grabowski
Die Autorin ist derzeit Rechtsreferendarin und interessiert sich für KI, juristische Expertensysteme, Wettbewerbsrecht und den Kampf gegen HateSpeech.

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