Als “Arbeiterkind” das Jurastudium bewältigen (Teil 2)

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Erst im November 2022 ist der Beitrag „Als Erstakademiker Jura studieren: Was erwartet mich als „Arbeiterkind“ im Studium?“ hier auf JURios erschienen. In diesem Beitrag berichte ich über meine Erfahrungen als “Arbeiterkind”, wobei ich insbesondere auf die finanziellen Nachteile eingehe und wie diese sich auf den gesamten Verlauf des Jurastudiums auswirken können. Es handelt sich hierbei um meine ganz persönlichen Erfahrungen. Wie der vorherige Beitrag zu dem Thema zeigt, können auch unter “Arbeiterkindern” die Erfahrungen ganz verschieden sein, da diese sehr von der persönlichen Situation abhängig sind. Dies ist meine Geschichte:

Tipps fürs Jurastudium

Ein Thema, dem zu wenig Aufmerksamkeit gegeben wird

Wer kennt es nicht, das Klischee des Jurastudierenden, der aus reichem Elternhause kommt und mit Anzug zur Vorlesung erscheint? Auch wenn das natürlich übertrieben ist, muss ich dieser Aussage im Kern zustimmen. Die meisten Jurastudierenden, die mir begegnet sind, kommen tatsächlich aus „gutem Hause“ und mussten sich über den Verlauf ihres Jurastudiums nie besonders große Sorge machen. Vor allem nicht aus finanzieller Sicht.

Deshalb habe ich mich in meinem Studium noch nie repräsentiert gefühlt, sondern eher als Außenseiterin gesehen. Ich habe mich oft allein und unverstanden mit meiner Situation gefühlt und mich letztlich auch dafür geschämt, da ich immer wieder mit Unverständnis und bösen Vorurteilen konfrontiert wurde. Beispielsweise, dass ich wegen meiner längeren Studienzeit faul sei. Und ich weiß, auch wenn ich leider kaum Kommiliton:innen kennenlernen durfte, die sich in einer ähnlichen Situation befunden haben, dass es sie gibt.

Ich bin daher der Meinung, dass diesem Thema viel mehr Aufmerksamkeit gegeben werden muss. Damit sich andere Studierende wie ich nicht mehr so allein mit ihrer Situation fühlen, damit andere Studierende, Dozent:innen und Arbeitger:innen Studierenden mit längerer Studienzeit nicht mehr mit Vorurteilen begegnen. Und damit sich hoffentlich das Studiensystem zukünftig ändert und das Jurastudium insbesondere für Studiere wie mich attraktiver wird. Damit sich am Ende unter den ausgebildeten (Voll)Jurist:innen nicht vorwiegend privilegierte Personen befinden, sondern sich auch hier verschiedene Schichten aus der Gesellschaften befinden und solche Klischees wie anfangs beschrieben der Vergangenheit angehören.

Ist Jura ein Studium für Reiche?

Auch wenn ich dem oben genannten Klischee im Grunde zustimmen muss, weiß ich natürlich, dass nicht alle Personen, die Jura studieren aus einer reichen Familie stammen. Für mich ist Jura jedoch trotzdem ein elitäres Studium, welches die Kluft zwischen Arm und Reich unschön aufzeigen kann und verdeutlicht, dass nicht jeder dieselben Bildungschancen hat. Als Arbeiterkind aus einem Haushalt mit Eltern, die weder ein Studium abgeschlossen, noch Abitur gemacht haben, war ich darauf angewiesen, mir das Studium überwiegend selbst zu finanzieren. Für mich hieß das zu Beginn des Studiums für 5,50 Euro die Stunde (ja, da gab es leider noch keinen Mindestlohnt) in der Gastronomie zu arbeiten. Neben seinem Studium arbeiten zu gehen, mag zwar nichts Ungewöhnliches sein, aber wie so oft macht die Menge das Gift und vor allem macht es einen Unterschied, ob man arbeiten geht, um sich sein Taschengeld aufzubessern, oder ob man arbeiten gehen muss, um sich seine Wohnung, sein WG-Zimmer und die sonstigen Lebenshaltungskosten finanzieren zu können.

Die Probleme fingen an in Hausarbeitsphasen oder in Zeiten, zu denen ich die Pflichtpraktika ablegen musste. Beides war nur schwer mit 20 Stunden Arbeitszeit pro Woche zu bewältigen. Da ich auch keine flexiblen Arbeitszeiten hatte und auf das Geld angewiesen war, musste ich nicht selten an Tagen, an denen ich eigentlich eine Vorlesung gehabt hätte, arbeiten gehen. Und das über mehrere Semester hinweg. Das größte Problem war daher, dass ich dadurch viel Stoff verpasst habe, was wiederum zu Wissenslücken geführt hat. Diese Wissenslücken konnte ich auch bis zum Abschluss des universitären Teils des Studiums nicht wirklich schließen, weil sich die Arbeitssituation nicht verändert hat und einfach keine Zeit blieb, um den Stoff großartig nachzuarbeiten. Die Semesterabschlussklausuren ließen sich trotzdem einigermaßen gut bewältigen. Aber da es sich bei dem Jurastudium nicht um einen Bachelor- oder Masterstudiengang handelt, hat man von seinen bestandenen Semesterabschlussklausuren am Ende herzlich wenig.

Denn dann kommt der große Brocken: die Examensvorbereitung. Und das „Problem“ an Studiengängen mit einer umfangreichen Prüfung über den gesamten Stoff des Studiums ist eben genau das, was hier vielleicht den entscheidenden Unterschied für “Arbeiterkinder” in einem Fach wie Jura oder einem Studium mit Bachelor- und Masterabschluss macht. Ich möchte hiermit keine Studiengänge mit Bachelor- oder Masterabschluss schlecht machen, bitte nicht falsch verstehen. Aber im Gegensatz zum Staatsexamen zählen hier die Semesterabschlussklausuren etwas und meistens am Ende summiert sogar deutlich mehr als die Bachelor- oder Masterarbeit selbst. Auch wenn es nicht Sinn und Zweck eines Studiums ist, kurz vor den Klausuren so viel wie möglich auswendig zu lernen, ist es mit solchen Methoden möglich, einen guten oder sogar sehr guten Bachelor-/Masterabschluss zu erreichen. Genau das bringt im Jurastudium allerdings gar nichts.

Ich bin überzeugt davon, dass das Bestehen und die Note im Jurastudium vor allem mit der Zeit zusammenhängen, die man am Ende in sein Studium investieren kann. Es kommt gerade im Jurastudium darauf an, den Stoff regelmäßig zu wiederholen, um gegen das Vergessen der Stoffmenge anzukämpfen. Es kommt darauf an, sich mit dem behandelten Stoff wirklich auseinanderzusetzen. Und das kann man, wenn man die Zeit dafür investiert. Aber wie soll das gehen, wenn man die Zeit überwiegend mit Arbeiten verbringen muss, wenn ein Vollzeitstudium faktisch nicht möglich ist? Ich würde daher zwar nicht sagen, dass das Jurastudium ein Studium für Reiche ist, aber ich bin mir sicher, dass Studierende, die entweder gar nicht oder in einem überschaubaren Maße arbeiten, aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden (Mehr)Zeit bessere Chancen im Jurastudium haben.

Verschulden oder nicht verschulden, das ist hier die Frage

Das Jurastudium kann sehr teuer werden. Zum einen sind da die Kosten für Lehrmaterialien und Gesetzestexte. Wenn man sich zur Examensvorbereitung dann für ein kommerzielles Repetitorium entscheidet, kann man auch dafür nochmal mit knapp 2000 Euro rechnen. Dasselbe gilt für das Referendariat und die Vorbereitung auf das zweite Staatsexamen. Auch ein LL.M oder Auslandserfahrung wird nicht von wenigen Arbeitgeber:innen gefordert.

Natürlich muss man hier nicht überall mitziehen. Ich habe meine Lehrbücher aber immer selber gekauft, weil die aktuellsten Auflagen in der Universitätsbibliothek entweder nicht existent oder ständig vergriffen waren. Ich habe auch ein kommerzielles Repetitorium besucht, weil das universitäre Angebot einfach nicht gut war. Ein LL.M. oder eine Station im Ausland während des Referendariats wird mir, falls ich mich nicht noch weiter verschulden möchte, aus finanziellen Gründen nicht möglich sein. Auch wenn ich diese Möglichkeit sehr gerne in Anspruch nehmen würde.

Natürlich gibt es finanzielle Hilfen für Studierende, angefangen bei BAföG. Aber wie viele Studierende gibt es, die kein BAföG erhalten, ihre Eltern sie aber trotzdem kaum finanziell unterstützen können? Zusätzlich ist der Bezug von BAföG zeitlich abhängig von der Regelstudienzeit, die zwar immerhin in NRW von neun auf zehn Semester erhöht wurde, die aber für Studierende wie mich, die viel arbeiten gehen müssen, nicht eingehalten werden kann. Auch das Kindergeld entfällt ab dem 25. Lebensjahr weg und zusätzlich ist man ab dem 25. Lebensjahr dazu verpflichtet, den studentischen Pflege- und Krankenkassenbeitrag selbst zu bezahlen. Der Druck arbeiten zu gehen, erhöht sich also gegebenenfalls noch mit steigender Semesterzahl, obwohl am Ende des Studiums die so wichtige Examensvorbereitung steht. Für viele mag auch ein Studienkredit die richtige Entscheidung sein. Hier müssen aber alle Studierenden für sich selbst entscheiden, ob es sich am Ende „gelohnt“ hat, sich für das Studium so sehr zu verschulden.

Mit Existenzängsten studiert es sich schlechter

Oft werde ich gefragt, ob ich nochmal Jura studieren würde. Mein erstes Bauchgefühl sagt mir dann „nein“. Wenn ich aber etwas länger darüber nachdenke, würde ich es eher zu einem „nicht unter diesen Bedingungen“ ändern. Ich mag Jura, was ich aber nicht mag, ist das Studiensystem. Über Jahrzehnte hinweg wurde kaum etwas am Jurastudium geändert und mein Eindruck ist teilweise, dass das auch gar nicht unbedingt gewollt ist. Mir scheint, dass das Argument hier häufig ist, dass alle vor uns es ja auch geschafft hätten. Deswegen müssen wir da jetzt auch durch. Das ist aber genau das Gegenteil von Fortschritt. Allein, dass ein integrierter Bachelorabschluss während des Jurastudiums so abgelehnt und abfällig als „Jodeldiplom“ und “Loser-Bachelor” bezeichnet wird, zeigt nur, aus welcher Welt diese Personen stammen. Und das ist nicht meine Welt und auch nicht die Welt vieler anderer Studierender. So ein Abschluss kann helfen, Existenzängste und den ohnehin hohen Druck im Jurastudium erleichtern. Und es ist traurig, dass dieser Bedarf und diese Studierenden scheinbar nicht gesehen werden.

Ein nicht endender Kreislauf?

Manchmal fühle ich mich wie ein Hamster im Laufrad, der nicht mehr rauskommt. Durch die viele Arbeit kann ich mich nicht wirklich auf das Studium konzentrieren, das bedeutet am Ende im schlimmsten Fall schlechtere Noten und schlechtere Jobs. Doch selbst wenn es am Ende gut ausgehen sollte, werde ich auf ein Studium zurückblicken, dass durch und durch mit Zweifeln durchzogen war, mit Existenzängsten, mit Vorurteilen, mit fehlendem Verständnis und mit unglaublich wenig Zeit für sein Leben außerhalb des Studiums und der Arbeit. Und selbst wenn ich eines Tages als Volljuristin arbeiten kann, werde ich Jahre lang meine Schulden abbezahlen müssen.

Deshalb kann ich nur hoffen, dass wenn ich eines Tages danach gefragt werde, ob sich das alles gelohnt hat, ich mit einem „ja“ antworten kann.


Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Beitrag aus unserer Serie “Arbeiterkind”. Teil 2 und 2 findet Ihr hier:

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