Stress im Doppelpack: Arbeiten und Jura studieren – ist das zu schaffen?

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Ich sitze in einer Vorlesung und ich schaue auf die Uhr. Es ist 12 Uhr mittags. Klasse, denke ich mir sarkastisch. Nach der Uni gehe ich arbeiten und dann ist in zehn Stunden endlich Feierabend. Obwohl ich erst Studienanfängerin bin, fühle ich mich oft unendlich erschöpft. Und diese anstrengende Doppelbelastung wird voraussichtlich noch viele Jahre andauern.

Dabei geht es mir wie 60-70 Prozent der Studierenden in Deutschland, die neben dem Studium jobben (faz berichtet). Nicht-Akademikerkinder müssen im Vergleich zu Akademikerkindern deutlich häufiger neben dem Studium arbeiten (SPIEGEL berichtet). Faktoren wie steigende Mietkosten und die Inflation begünstigen dieses Phänomen.

Dabei sind die Auswirkungen der Doppelbelastung gerade in einem anspruchsvollen und lernintensiven Studiengang wie Rechtswissenschaften nicht zu unterschätzen. Zumal das Jurastudium selbst eine nicht ganz unerhebliche psychische Belastung darstellen kann und am Ende vor allem die Examensnote für den Berufseinstieg maßgeblich ist.

Es ist nicht alles schlecht…

Am Arbeiten neben dem Studium ist aber natürlich nicht alles schlecht. Oder um es etwas fantasievoller auszudrücken: „Wenn du die Sonnenbrille abnimmst, kannst du den Regenbogen sehen“. Die positiven Aspekte eines Nebenjobs können variieren. Diese hängen vor allem davon ab, ob man auf Minijob-Basis oder als Werkstudent:in tätig ist.

Durch das sogenannte Werkstudenten“privileg“ sind arbeitende Studierende von der Arbeitslosen- und Pflegeversicherung befreit, soweit die Tätigkeit während der Vorlesungszeit nicht 20 Stunden pro Woche übersteigt und vor allem nicht zu Unterrichtszeiten stattfindet (vgl. u. a. § 6 Abs. 1 Nr. 3 SGB V und § 27 Abs. 4 SGB III). Es liegt nahe, dass das Werkstudenten“privileg“ arbeitende Studierende einerseits entlasten möchte. Andererseits ist aber auch klar, dass Wirtschaft und Politik so einen Anreiz schaffen möchten, neben dem Studium bereits arbeiten zu gehen. Dennoch sind Beiträge an die Rentenversicherung zu zahlen, wodurch schon während des Studiums etwas für die Rente getan wird.

Bei den meisten Studierenden wird der finanzielle Aspekt einer nebenberuflichen Tätigkeit während des Jurastudiums eindeutig im Vordergrund stehen. Im Zuge dessen kann es auch sehr attraktiv sein, von den Eltern bzw. Partner:in finanziell unabhängig und nach dem Studium schuldenfrei zu sein.

Auf persönlicher Ebene kann man durch die Arbeit auch schon erste berufliche Erfahrungen sammeln. Wenn man sich nach dem Examen um eine Stelle bewirbt, kann man so bereits Arbeitszeugnisse vorweisen. Weiterhin hat man so die Möglichkeit, sein Netzwerk entsprechend zu erweitern. Wenn man in einem Nebenjob mit juristischem Bezug arbeitet, kann man die Studieninhalte bereits anwenden bzw. wiederholen und schon früh praktische Erfahrungen sammeln.

Außerhalb dessen kann ein Nebenjob auch helfen, die eigenen beruflichen Interessen zu entdecken. Wer bei der (nichtjuristischen) Arbeit sich aufblüht, während die Lektüre von Lehrbüchern langweilig erscheint, sollte ernsthaft über einen Wechsel nachdenken.

Mir persönlich hat das Arbeiten geholfen, um reifer zu werden. Da ich überwiegend als Kundenberaterin gearbeitet habe, konnte ich so meine rhetorischen Fähigkeiten ausbauen und fundierte Menschenkenntnisse erlangen, die mir in meinem späteren juristischen Beruf sicherlich auch hilfreich sein werden.

… doch auch die Nachteile sollten nicht verschwiegen werden

Neben der psychischen Belastung des Jurastudiums stellt ein Nebenjob einen nicht ganz unerheblichen Stressfaktor dar. Wer während des Semesters neben den Vorlesungen und Prüfungsvorbereitungen durchschnittlich 20 Stunden in der Woche arbeitet, hat weniger Zeit und Kraft zum Nacharbeiten des Stoffs. Ebenso fehlt schlichtweg die Zeit für Familie, Freunde und Hobbys, um einen Ausgleich zu haben. Dies führt früher oder später dazu, dass sich die für das Studium wichtige Konzentrationsfähigkeit verringert.

Mir ging es lange Zeit im Studium so, dass ich mich unglaublich leer und erschöpft gefühlt hatte. Durch die Reizüberflutung von den Erlebnissen in der Uni und im Büro sank meine Aufnahmefähigkeit und ich konnte mir nichts merken. Durch den Stress habe ich zwischenzeitlich unregelmäßig und schlecht geschlafen, was dazu führte, dass ich mich schlecht ernährte. Diese Faktoren zusammen haben nicht nur meine Leistungen zwischenzeitlich erheblich gedrückt, sondern auch mein Wohlbefinden enorm geschädigt.

Lösungsvorschläge

Es ist nichts Neues, dass es viele arbeitende und nicht-arbeitende Studierende gleichermaßen entlasten würde, wenn BAföG unabhängig von dem Einkommen und Vermögen der Eltern angeboten werden könnte.

Weiterlesen: “Im Jurastudium BAföG erhalten – bin ich berechtigt?”

Dies ist ein Schritt, der jedoch nur von Seiten des Gesetzgebers umgesetzt werden kann, wenn entsprechender Druck ausgeübt wird. Ebenso sind Gesetzesänderung in der Regel zeitaufwendig, da viele Aspekte beachtet werden müssen.

Auf menschlicher Ebene hilft es den arbeitenden Studierenden, wenn Studienkolleg:innen und Angehörige Rücksicht nehmen und sämtliche Nebenwirkungen der Doppelbelastung nicht allzu streng bewerten. Auch Arbeitgeber:innen können es honorieren, wenn Berufseinsteiger:innen im juristischen Bereich bereits erste Arbeitserfahrungen mitbringen.

Daher empfiehlt es sich für alle Betroffenen, etwas an der eigenen Situation zu ändern. Das kann entweder durch die Aufnahme eines KFW-Studien- bzw. Bildungskredits während der kritischen Examensvorbereitung geschehen, um das Arbeitspensum reduzieren zu können. Oder man bemüht sich um einen Nebenjob, bei dem die Doppelbelastung nicht ganz so stark ist. Beispielweise eine Tätigkeit an einem Lehrstuhl im Umfang von lediglich 10 Wochenstunden, bei der man gleichzeitig etwas für das Studium lernt.

Aber auch anderweitig kann man sich von seinem Arbeitgeber dabei unterstützen lassen, Nebenjob und Studium zu vereinbaren. Beispielsweise durch den Verzicht auf Schicht- sowie Nachtarbeit oder flexible Arbeitszeiten.

Letztlich habe ich persönlich in meiner Examensvorbereitung im Homeoffice gearbeitet. Das habe ich als deutlich weniger stressig empfunden, da ich mir den zeitaufwändigen Arbeitsweg gespart und potenzielle Konflikte im Büro gemieden habe. Dadurch konnte ich mich deutlich besser auf das Lernen konzentrieren. Weiterhin habe ich aufgehört, mich über die Situation zu beschweren und mich auf die Gründe meiner aktuellen Situation konzentriert. Darüber hinaus habe ich versucht, beim Arbeiten Spaß zu empfinden, um nicht weiter Kraft zu verlieren. Ebenso habe ich im Laufe des Studiums herausgefunden, welche Tagesabläufe für mich funktionieren und wie ich meinen Lernalltag möglichst effizient gestalte. Ich habe meine Zeit mit Terminkalender und Lernplänen vorab fest verplant. Außerdem habe ich mir angewöhnt, jeden Tag eine große Runde im Park spazieren zu gehen und bewusste Pausen einzulegen. Somit konnte ich ausreichend schlafen und auf eine gesunde Ernährung achten. Dadurch ist mein allgemeines Stresslevel gesunken. Als Folge dessen war es mir möglich, mich beim Lernen wieder zu fokussieren und Freude in allen Lebensbereichen zu empfinden.

Fazit

Das Dilemma rund um die Doppelbelastung von arbeitenden Studierenden ist bekannt und eine BAföG-Reform dringend notwendig. Gleichwohl haben es arbeitende Studierende aber auch selbst in der Hand, diese Herausforderung in den Griff zu bekommen, indem sie eine passende Stelle wählen, sinnvolle Routinen entwickeln und eine positive Grundeinstellung wählen.

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Julia Schmidt
Julia Schmidt
Die Autorin hat an der Universität Leipzig Jura mit Schwerpunkt internationalen Privatrecht studiert.

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