Rezension: „Criminal Women – eine Geschichte der weiblichen Kriminalität“

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2023 erschien unter dem vielversprechenden Titel „Criminal Women“ ein spannendes Buch, das sich mit der Geschichte der weiblichen Kriminalität befasst. Die Herausgeberinnen Jadwiga Kamola, Sabine Becker und Ksenija Chochkova Giese haben dazu die Beiträge mehrerer Autor:innen in einem 160-Seiten starken Büchlein zusammengefasst, das im Verbrecher Verlag erschienen ist.

Im Buch gehen die Autor:innen der bisher wenig beachteten Perspektive der Frau als tatsächliche und vermeintliche Täterin im 19. Und 20. Jahrhundert nach. Damit ist das Werk im Bereich der Kriminologie und der Kriminalgeschichte angesiedelt. Das Buch ist ein Begleitband für die gleichnamige Ausstellung, die noch bis Februar 2024 im Museum LA8 in Baden-Baden zu sehen ist. Das erklärt auch den zweiten Schwerpunkt des Buches: Die Darstellung krimineller Frauen nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst.

Wissenschaftliche und künstlerische Perspektive

Die Ausstellung ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Ausstellungsteil werden die Perspektiven der vornehmlich von Männern konzipierten Wissenschaften mit Fallbeschreibungen einiger krimineller Frauen wie Charlotte Corday oder Elisabeth Wiese kontrastiert. Im zweiten Teil wird die bisher wenig beachtete Perspektive der kriminellen Frauen herausgearbeitet. Es wird die Frage aufgeworfen, wie ein neuer Frauentypus im beginnenden 20. Jahrhundert in der Kunst der Moderne in Erscheinung tritt und wie dieser als gefährlich und latent kriminell wahrgenommen wird.

Dies Gliederung spiegelt sich auch im Begleitband wieder. In den ersten drei Beiträgen geht es um die Geschichte der weiblichen Kriminalität (Jadwiga Kamola), ihre Definition (Marcus B. Carrier) sowie um die Kriminelle Physiognomik (Jadwiga Kamola). Dem schließt sich ein Beitrag zu kriminellen Frauen bei der russischen Kriminologin Pauline Tarnowsky an (Jadwiga Kamola).

Diese Beiträge sind auch für Jurist:innen interessant. Wer sich noch überhaupt nicht mit Kriminologie befasst hat, erfährt hier viel Wissenswertes. So einerseits über die Geschichte der Kriminologie („Lehre vom Verbrechen“) beginnend im 19. Jahrhundert. Aber auch über ihre verschiedenen Ausprägungen – z.B. die sog. „klassische Schule“. Besondere Beachtung wird dabei der Tätertypologie von Cesare Lombroso beigemessen. Dieser liegt die (heute wiederlegte) Annahme zu Grunde, dass man Verbrecher:innen an bestimmten äußeren Merkmalen (wie Schädelform oder Augenstellung) erkennen könne.

Kleine Kriminalgeschichte mit Frauenbezug

Wer sich bereits im Jurastudium mit kriminologischen Themen beschäftigt hat, wird hier jedoch nicht viel Neues erfahren. Denn die kriminologische Einordnung bleibt eher oberflächlich. Der Bezug zur Kriminalität von Frauen ist zwar interessant, wird aber ebenfalls an den deutschen Universitäten gelehrt.

Den genannten Themen schließen sich ein Beitrag über die „biblische Judith“ (Bettina Uppenkamp) und zwei Beiträge zur weiblichen Kriminalität in der NS-Zeit an. Sabine Becker schreibt über die „kriminalisierte Künstlerin in der NS-Zeit“. Frauke Steinhäuser beschäftigt sich mit der „Kriminalisierung unpassend lebender Künstlerinnen in der NS-Zeit“. Beide Themen sind für Jurastudierende vor allem deswegen interessant, weil die NS-Zeit in der juristischen Ausbildung oft noch vernachlässigt und teils überhaupt nicht gelehrt wird. Andererseits ist die künstlerische Perspektive für juristische Leser:innen eher ungewohnt.

Im letzten Beitrag von Kerstin Wolff geht es um „Frauen als Verbrecherinnen wieder Wille“. Die Autorin beleuchtet die Regelungen zur Abtreibung in den letzten 150 Jahren. Zumindest die Grundzüge sowie die aktuellen Regelungen und ihre Reformdebatte dürften angehenden Jurist:innen bereits bekannt sein. Trotzdem ist der Streifzug durch die Geschichte nicht uninteressant.

Kein True Crime Buch, aber trotzdem spannend!

Wer in „Criminal Women“ eine Zusammenfassung der aktuellen kriminologischen Erkenntnisse über kriminelle Frauen erwartet, wird von diesem Buch enttäuscht sein. Denn mehr als ein Abriss erfolgt hier nicht. Auch die Beleuchtung der rechtsgeschichtlichen Entwicklung erfolgt (für Jurist:innen) lediglich bruchteilhaft. Das Buch versteht sich aber auch weder als Kriminologie-Lehrbuch noch als umfassende rechtsgeschichtliche Abhandlung. Vielmehr werden Einzelthemen der weiblichen Kriminalität herausgegriffen und erörtert.

Auch Leser:innen, die sich ein True Crime Werk erhofft hatten, werden enttäuscht. Zwar nennen die Autor:innen immer wieder reale Kriminalfälle und gehen kurz auf die Biografien krimineller Frauen ein, hier liegt jedoch ganz eindeutig kein Schwerpunkt des Buches.

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Trotzdem können auch angehende Jurist:innen durch die Lektüre noch viel lernen. Denn die Perspektive und Schwerpunktsetzung ist eine ganz andere als das, was uns im Studium beigebracht wird. Das dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass das Buch nicht von Jurist:innen, sondern von (Kunst)historiker:innen verfasst wurde.

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