Berufsbegleitend Jura studieren im Teilzeit-Fernstudium – eine praktische Anleitung

Es gibt viele Gründe, nebenberuflich und/oder in Teilzeit studieren zu wollen: aufgrund von Pflegeverpflichtungen, finanziellen Hürden oder Krankheit, oder einfach, um sich beruflich neu zu orientieren und neue Möglichkeiten zu eröffnen. Alles sehr gute Gründe, um nicht in Vollzeit zu studieren. Gleichzeitig wird das Jurastudium an vielen Universitäten nicht in Teilzeit und erst recht nicht nebenberuflich angeboten und auch „einfach länger studieren“ ist aufgrund von Regelungen zur Zwischenprüfung oft nicht möglich. Eine Alternative kann das Studium an der Fernuni Hagen bieten.

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Die Fernuniversität

Die Fernuniversität Hagen ist die größte staatliche Fernuniversität Deutschlands und die Einzige, an der die staatliche Pflichtfachprüfung, also das erste Staatsexamen, absolviert werden kann. Im Sommersemester 2023 studierten etwas mehr als 70.000 Studierende an der Fernuni Hagen, davon entfielen 16,8 Prozent auf die rechtswissenschaftliche Fakultät. In Zahlen entspricht das über 11.000 Studierende. Zum Vergleich: An der LMU München, die im LTO Uni-Ranking immer wieder die oberen Plätze belegt, studieren weniger als die Hälfte, nur etwas über 4.000 Studierende. An der FU Berlin sind es sogar nur 2.300 Studierende.

Neben dem Staatsexamen besteht die Möglichkeit, auch einen LLB, also einen Bachelor of Laws, abzuschließen und anschließend einen LLM, also einen Master of Laws, mit ebenfalls guten Berufsperspektiven zu absolvieren.

Eine weitere Besonderheit der Fernuni Hagen sind die Veranstaltungszeiten: da das Angebot der Universität sich vorwiegend an Berufstätige richtet, finden die Veranstaltungen mit wenigen Ausnahmen am Abend und am Wochenende statt. Das hat Vor- und Nachteile. Der Tag ist frei für die eigentliche berufliche Tätigkeit, um Pflegeverpflichtungen nachzukommen oder sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Andererseits ist der Tag damit sehr lang. Wenn die Kolleg:innen Feierabend machen geht es für Studierende der Fernuni an den nächsten Schreibtisch und es stehen weitere 2-5 Stunden Arbeit an. Am Wochenende finden oft Blockveranstaltungen statt. Es braucht sehr viel Disziplin und Durchhaltevermögen, dieses Pensum über viele Jahre durchzuhalten, effektiv zu studieren, das eigene Arbeitspensum zu schaffen und nebenbei noch Zeit für ein Sozialleben und Hobbies zu haben. Ich habe meinen Urlaub meist für die Prüfungsvorbereitung genutzt – ein Opfer, das sich über die Jahre bemerkbar macht (einen kurzen Beitrag, wie man den Urlaub zum Arbeiten nutzen kann, ohne auszubrennen, habe ich auf meinem Instagram-Kanal gepostet: @vivianvomsee).

Die Motivation

Ich habe erst während meines Masterstudiums gemerkt, dass ich gerne Jura studieren möchte. Nach meinem Abschluss, der in den ersten Corona-Winter fiel, habe ich in Vollzeit angefangen zu arbeiten. Ein Studium in Teilzeit ist in meiner Stadt nicht möglich, eine Rückkehr zu einem Hiwi-Job war mit meinem Lebensstil (aka der Höhe meiner Miete) nicht mehr vereinbar. Entsprechend waren meine Möglichkeiten beschränkt. Die Fernuni bot mir die Möglichkeit, beides zu vereinbaren, mir das Jurastudium mit geringem Aufwand und Risiko anzuschauen und gleichzeitig mit meinem Masterabschluss den Berufseinstieg zu wagen.

Attraktiv war vor allem die hohe Flexibilität: es gibt einen Studienverlaufsplan, von dem jedoch (mit wenigen Einschränkungen) beliebig abgewichen werden kann. Zudem gibt es keine Mindest- oder Höchstanzahl an Kursen, die im Semester belegt werden müssen. Davon profitieren insbesondere Leute, die vielleicht zu einer Jahreszeit mehr arbeiten müssen und dafür an einem anderen Punkt Zeit haben, um mehr Kurse zu belegen. In den meisten Modulen gibt es ein virtuelles Mentoriat, welches aufgezeichnet wird. So kann der Stoff zu jeder beliebigen Zeit nachgearbeitet werden, eine Präsenz zu einem bestimmten Zeitpunkt ist nicht notwendig. Statt der klassischen Vorlesung verschickt die Fernuni Skripte, die im eigenen Tempo durchgearbeitet werden können. Die Skripte sind nicht so umfangreich wie ein Lehrbuch und bieten einen Einstieg in das jeweilige Thema, das durch die Mentoriate fallbezogen vertieft werden kann.

Die Realität

Mein gesamtes Studium über habe ich Vollzeit studiert und Teilzeit gearbeitet (die maximale Stundenzahl von 20 Stunden die Woche) und war sicher, dies auch mit umgekehrten Stunden gut zu schaffen. Die Realität ist erstmal ein Schock gewesen. Nach einem regulären Achtstundentag nochmal vier Stunden Jura zu lernen und zusätzlich den normalen Haushalt, ein Sozialleben und die eigene Gesundheit zu pflegen, ist eine größere Herausforderung gewesen, als ich mir hätte vorstellen können. Hier kam mir jedoch auch die Corona-Zeit zu Hilfe: Sozialkontakte waren sowieso eingeschränkt und sowohl meine berufliche Tätigkeit als auch das Studium konnte ich vom heimischen Schreibtisch aus erledigen. Es entfielen also lange Pendelzeiten und der Haushalt ließ sich wenigstens rudimentär in der Mittagspause erledigen.

Dennoch habe ich gut eineinhalb Jahre gebraucht, um einen Rhythmus zu finden. Am Ende sah der so aus: Ich habe morgens direkt nach dem Aufstehen bereits ein bis zwei Stunden gelernt. Dann habe ich durch einen Gang mit meinen Hunden den Kopf freibekommen und mich auf meine Erwerbstätigkeit eingestellt. Im Anschluss habe ich meinen üblichen Tag absolviert mit Arbeit und Haushalt. Abends habe ich entweder Zeit für Sport oder Freund:innen gehabt, oder Univeranstaltungen besucht. Die Tage waren lang und erforderten viel Disziplin.

Die Kritik

Erstmal ist das Jurastudium ganz anders, als mein vorheriges Studium es gewesen ist. Jura ist ein Fach, das in den ersten Semestern wenig Kreativität erlaubt. Auch die Herangehensweise an die Wissensaneignung ist anders, genau wie die juristische Arbeitsweise generell. Und ein Fernstudium hat nun mal seine ganz eigenen Tücken:

Am schwersten fiel es mir, soziale Kontakte zu knüpfen und Weggefährt:innen zu finden. Die Online-Mentoriate der Fernuni sind, wie Online-Veranstaltungen es an sich haben, sehr anonym. Ein Austausch über die Moodle-Lernumgebung ist zwar möglich, aber oft oberflächlich und auf ein einzelnes Fach beschränkt. Da jede Person einen eigenen Rhythmus und Studienverlauf hat, ist das nächste Semester meist ein Neubeginn, was Bekanntschaften angeht. In den drei Jahren meines Studiums an der Fernuni habe ich nur drei Personen kennengelernt, mit denen ich intensiver Kontakt hatte und auch jetzt noch habe. Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen aus allen Teilen Deutschlands und der Welt kommen – ein persönliches Treffen ist daher meist nicht möglich. Zusammen in die Bibliothek gehen und dann eine gemeinsame Mittagspause zum Abschalten und Austauschen entfällt.

Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Kontakt zum Lehrpersonal recht schwierig ist. Die Mentor:innen sind alles externe Expert:innen – das ist einerseits natürlich schön, weil es sich um Praktiker:innen handelt, die eine eigene Herangehensweise und praktische Kniffe zeigen können. Andererseits können sie daher keine Fragen zu Klausuren, Einsendearbeiten oder sonstigen Anforderungen beantworten. Auch die Klausurkorrekturen sind mitunter schwer nachvollziehbar; eine Besprechung mit den Korrektor:innen ist nicht vorgesehen. Die Qualität der Lehrveranstaltungen ist damit auch sehr stark abhängig von der Motivation der Mentor:innen. Es ist teilweise frustrierend, damit alleingelassen zu werden.

Und dann gibt es Kleinigkeiten, die mich gestört haben. Das Studium ist verhältnismäßig teuer, es wird pro Modul gezahlt und nicht gerade wenig. Der Preis enthält kein Semesterticket, die Nutzung der Fernleihe verursacht zusätzliche Kosten. Damit ist das Fernstudium teurer als an den Präsenzuniversitäten. Auch ist die Fernuni von Corona ziemlich überrumpelt worden, die digitale Lehre hat oft nicht so gut funktioniert. Bei einer Fernuniversität hätte ich mehr Übung in solchen Dingen erwartet und qualitativ hochwertigere digitale Lehre erhofft (was nicht bedeutet, dass sich nicht viele Mentor:innen sehr viel Mühe gegeben haben!).

Das Fazit zur Fernuni

Nach drei Jahren nebenberuflichem Fernstudium in Teilzeit habe ich daher beschlossen, den Schritt zurück an die Präsenzuni zu wagen. Erstmal liebe ich studieren einfach und an einer Präsenzuni macht es so viel mehr Spaß. Durch meine Zeit an der Uni Hagen konnte ich außerdem genug abgeschlossene Klausuren vorweisen, um mir die Zwischenprüfung an der Uni in meiner Stadt anerkennen zu lassen. Ein Teilzeitstudium ist offiziell hier zwar nicht möglich, aber durch die anerkannte Zwischenprüfung habe ich keinen Druck mehr, in einer vorgegebenen Zeit bestimmte Veranstaltungen abzuschließen. Nun liegt es an mir, wie lange das Studium noch dauert. Ich muss zwar auf den Freischuss verzichten und da es sehr viel Länderrecht gibt in einige Bereiche neu einarbeiten. Dafür habe ich jetzt schon sehr viele Kontakte geknüpft aus verschiedenen Semestern und werde mich außerdem, soweit es meine Zeit zulässt, an weiteren freiwilligen Aktivitäten beteiligen, wie zum Beispiel Moot Courts oder der studentischen Rechtsberatung.

Einziges Manko: der integrierte Bachelor ist an der Uni Kiel noch nicht vorgesehen. Hier hoffe ich darauf, dass bald nachgebessert wird, um Jurastudierenden mehr Flexibilität zu bieten und eine Perspektive für die Studierenden, die das Staatsexamen aus welchem Grund auch immer nicht schaffen.

Ich bin sehr froh, dass es die Fernuni Hagen gibt. Sie hat mir ermöglicht, das Jurastudium als Zweitstudium zu beginnen, in das Fach reinzuschnuppern, mich nebenberuflich mit den Themen und Chancen zu beschäftigen. Noch mehr freue ich mich nun aber, wieder in Präsenz zu studieren – auch wenn ein nebenberufliches Studium an einer Präsenzuni ganz andere Tücken hat. Aber das ist eine andere Geschichte.


Informationen zu einem Jurastudium an der Fernuni Hagen, Zugangsvoraussetzungen, Studienverlaufsplänen und allem weiteren findest Du hier:

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Vivien Duntze
Vivien Duntze
Vivien ist gebürtige Berlinerin, hat die Heimat jedoch zum Masterstudium gen Norden verlassen. Durch ihr Studium der internationalen Politik und des internationalen Rechts an der Uni Kiel entdeckte sie ihre Begeisterung für Jura und studiert nun nebenberuflich. Zum Ausgleich geht sie viel mit ihren beiden Hunden spazieren und treibt Sport. Über ihr nebenberufliches Studium berichtet sie unregelmäßig auf Instagram unter @vivianvomsee (ansonsten gibt es da viel dog content).

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