Mehr Diversität wagen – Bundesfachschaft Jura für mehr Perspektivenvielfalt in der juristischen Ausbildung

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Die Juristerei in Deutschland ist nicht besonders für ihre Diversität bekannt. Über Jahrhunderte hinweg war das Recht eine Sache von weißen Männern. Das spiegelt sich dann natürlich in der juristischen Ausbildung wider. Erst ab 1922 durften Frauen im deutschen Reich Jura studieren. Der Frauenanteil an juristischen Lehrstuhlinhaber:innen liegt nach wie vor unter 20 Prozent. Und die Fälle, an denen Studierende lernen, reproduzieren nach wie vor teils sexistische oder klassistische Stereotype (JURios berichtet). Insbesondere die Rechtswissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sich das System ständig von außen abgrenzt: Interdisziplinarität, Pluralität der Perspektiven, Internationalität? Fehlanzeige! Kritik am System und vor allem am Personalbestand bleibt unerwünscht.

Allerdings steht das deutsche Justizsystem heutzutage vor einer Gesellschaft, die diverser und vielschichtiger ist denn je. Deutschland ist ein Einwanderungsland, das seine Stärke gerade durch seine Vielfalt und die unterschiedlichen Perspektiven zieht. Der Rechtsstaat muss dieser Diversität aber auch gerecht werden: Dazu gehört nicht nur, dass Jurist:innen für die Herausforderungen dieser offenen Gesellschaft sensibilisiert sind, es muss auch gewährleistet sein, dass alle gesellschaftlichen Gruppen Zugang zum Recht und zu juristischen Berufen haben. Dadurch schaffen wir die Perspektiven, die bislang nicht Teil der juristischen Debatte waren, und bringen Menschen in das Richer:innenamt oder die Anwalt:innenschaft, die die Herausforderungen und Realitäten großer Teile der Bevölkerung aus eigener Biografie oder Betroffenheit abbilden.

BRF verabschiedet Diversitätsresolution

Im Angesicht des sich immer weiter vergrößernden Fachkräftemangels können wir schließlich schlichtweg nicht auf diese vielen Stimmen verzichten! Um dieses Ziel umsetzen, bedarf es aber einer Ausbildung, die für Menschen aller gesellschaftlichen Schichten und Hintergründe inklusiv und attraktiv ist. Eine Ausbildung, die die Infrastruktur anbietet, dass auch Menschen, die bislang wenig mit Recht in Berührung geraten sind oder Recht im Einzelfall auch als „Unrecht“ wahrnehmen mussten, sich angesprochen fühlen und den Berufsweg für sich in Betracht ziehen.

Aus diesem Grund verabschiedete der Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. (BRF) auf seiner Frühjahrstagung in Halle (Saale) vom 01. – 03. März 2024 seine Diversitätsresolution. Der Resolution ging ein umfangreicher Prozess voraus.

Bereits auf den Zwischentagungen in Frankfurt am Main im Herbst 2021 und Kiel im Frühjahr 2023 beschäftigten sich die Mitglieder der Fachschaften mit den Querschnittsbereichen Feminismus, Antirassismus und Inklusion im Recht und der juristischen Ausbildung. Gleichzeitig bot der BRF im Umfeld der Tagung in Frankfurt im Herbst 2021 eine Veranstaltungsreihe mit Expert:innen, beispielsweise dem Deutschen Juristinnenbund e.V. (djb), dem Forum behinderter Juristinnen und Juristen oder der Antidiskriminierungsstelle des Landes Berlin, an.

Über diese Auseinandersetzungen mit dem Thema hinweg und der darauffolgenden Befassung im Verband werden nun zehn konkrete Forderungen aufgestellt, die Diversität im juristischen Studium fördern und steigern:

Zehn Forderungen

  1. Ein Jurastudium muss barrierefrei absolviert werden können.
  2. Allen Studierenden mit Diskriminierungserfahrungen muss ein Mentoringprogramm offenstehen.
  3. Zusätzlich zu den Gleichstellungsbeauftragen werden an allen Fakultäten auch Diversitätsbeauftrage eingesetzt.
  4. Studierenden muss eine diversitäts- und diskriminierungssensible Beratung offenstehen.
  5. Alle Studierende und das Lehr- und Verwaltungspersonal müssen mit Diversitätskompetenz aus- und fortgebildet werden.
  6. Prüfungskommissionen in mündlichen universitären und staatlichen Prüfungen müssen divers zusammengesetzt sein.
  7. Allen Studierenden muss unabhängig von ihrer sozialen Herkunft volle Teilhabe im Jurastudium möglich sein.
  8. Das Jurastudium muss für alle Hochschulzugangsberechtigten, unabhängig von Herkunft, sozialer Situation oder Schulort, eine Option sein.
  9. Allen Studierenden muss ein zeitnäherer und planbarer Zwischenabschluss zustehen. (bspw. ein integrierter LL.B.)
  10. Die Ellenbogenmentalität muss endlich Geschichte an den deutschen juristischen Fakultäten und Fachbereichen sein.

Der BRF wird die Forderungen nun in seine Tätigkeit aufnehmen und die Themen bei politischen Gesprächen, auf Podiumsdiskussionen oder in den einschlägigen juristischen Publikationen zur Sprache bringen. Wir laden alle ein, uns dabei zu unterstützen und ein Bündnis für eine diverse juristische Ausbildung zu schließen.

Die vollständige Resolution kann auf www.bundesfachschaft.de/diversitätsresolution abgerufen werden.

Organisationen für Perspektivenvielfalt

Wir möchten in diesem Zusammenhang auf weitere Organisationen aufmerksam machen, die sich bereits jetzt für eine größere Perspektivenvielfalt im Recht und der juristischen Ausbildung einsetzen. Dort können sich überall Studierende, Referendar:innen und (Voll-)Jurist:innen engagieren und so die juristische Debatte mitgestalten.

  • Deutscher Juristinnenbund e.V. (djb)

Der djb ist ein unabhängiger frauenpolitischer Verband, in dem Juristinnen, Volks- und Betriebswirtinnen für eine feministische Perspektive auf das Recht einsetzen. Bei den jungen Juristinnen vernetzen sich Jurastudentinnen und Rechtsreferendarinnen und besprechen aktuelle ausbildungspolitische Themen. Mehr Infos unter: https://www.djb.de/.

  • Postmigrantischer Jurist*innenbund (Pmjb)

Im PMJB haben sich Jurist:innen mit Migrationsgeschichte zusammengeschlossen, um Diversitätsdefiziten in Rechtswissenschaft und -praxis entgegenzuwirken. Es geht Ihnen um Vernetzung und Sichtbarmachung, sowie Förderung aktiv marginalisierter Jurist:innen. Mehr Infos unter: https://www.pmjb.de/.

  • Afro-Deutsche Jurist:innen e.V.

Der Verein Afro-Deutsche Jurist:innen wurde im Februar 2022 von einer Gruppe von Schwarzen Jura-Studierenden und Jurist:innen aus ganz Deutschland gegründet. Er hat zum Ziel, die Perspektive Schwarzer Menschen in die rechtliche Debatte mit einzubringen und somit zur Gleichberechtigung Schwarzer Personen in Deutschland beizutragen. Mehr Infos unter: https://afrodeutschejuristinnen.de/.

  • ALICE

ALICE vernetzt seit 2015 Kanzleien, LGBTIQ+ Aktivist:innen und über 700 Jurastudierende, Referendar:innen und Law Professionals miteinander. Die Organisation tritt für eine inklusive und diversitätsbejahende juristische Welt, Kanzleikultur und Gesellschaft ein. Mehr Infos unter: https://alice.lgbt/.

  • ArbeiterKind.de

ArbeiterKind.de ist eine gemeinnützige Organisation, die Schüler:innen aus nicht-akademischen Familien zum Studium informiert, ermutigt und während des Studiums bis hin zum Berufseinstieg unterstützt. Bundesweit engagieren sich viele Studierende in 80 lokalen Gruppen. Mehr Infos unter: https://www.arbeiterkind.de/.

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Jonathan Franz/ Emily Pollmeier
Jonathan Franz/ Emily Pollmeier
Jonathan Franz, Diplom-Jurist, Studium der Rechtswissenschaften an der HU Berlin und der Université Paris-Panthéon-Assas, ehemaliger Vorsitzender des BRF Emily Pollmeier, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität zu Köln, 1. Sprecherin des 67. Studierendenparlaments der Universität zu Köln, Vorständin für Tagungen im BRF

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