Interview: Von der Rechtsanwaltsfachangestellten zur Rechtsanwältin

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Juristische Berufserfahrung aus erster Hand: Im Interview mit der Refa, Rechtsfachwirtin und Strafverteidigerin Jana Gieren

RAin Jana Gieren hat in Tübingen zunächst Jura studiert. Nach nicht bestandener erster Staatsprüfung hat sie sich dazu entschieden, ihren Traum einer Juristenkarriere in Österreich zu verwirklichen. Noch im Studium schloss sie zudem ihre Ausbildung zur geprüften Rechtsfachwirtin bei der Rechtsanwaltskammer Stuttgart ab. Nach erfolgreicher Absolvierung des Rechtsreferendariats in Ellwangen und Absolvierung der zweiten juristischen Staatsprüfung im ersten Anlauf ist sie nun Volljuristin und in eigener Kanzlei als Strafverteidigerin in Karlsruhe tätig.

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Sehr geehrte Frau RAin Gieren, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Wissenswertes über Ihren ungewöhnlichen Karriereweg mit uns zu teilen. Wie kam es dazu, dass Sie zunächst eine Ausbildung zur Rechtsfachwirtin begannen?

Antwort: Da ich in Österreich mein Jurastudium mangels Anerkennung des deutschen Studiums komplett von vorne beginnen musste und in den Semesterferien immer wieder Leerlauf hatte, habe ich beschlossen, eine zusätzliche Ausbildung zur Rechtsfachwirtin zu absolvieren. Ich habe während meines Studiums in verschiedenen Anwaltskanzleien als Assistentin gearbeitet, sodass mir die Ausbildung zur Rechtsfachwirtin eine große Unterstützung dahingehend war. Zudem hatte ich nach nicht bestandener erster Staatsprüfung in Deutschland Sorge, es in Österreich ebenfalls nicht schaffen zu könne, sodass ich in jedem Fall einen „Plan B“ in der Tasche haben wollte.


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Hat ihr Entschluss, es in Österreich doch nochmal mit einem Jurastudium zu probieren, etwas mit Ihrer Tätigkeit als Rechtsfachwirtin zu tun? Hat Ihnen der Job nicht gefallen – oder umgekehrt: Hat die Arbeit in der Kanzlei so viel Spaß gemacht, dass Sie unbedingt „mehr“ Jura wollten?

Antwort: Ich habe das Pferd quasi „von hinten aufgezäumt“. Bereut habe ich es nie, da mir die Arbeit als Rechtsfachwirtin immer sehr viel Spaß gemacht hat. Dennoch bin ich froh, nun selbst Volljuristin zu sein und meine eigenen Entscheidungen treffen zu können, sodass ich auf keinen Vorgesetzen mehr angewiesen bin. Die Ausbildung als Rechtsfachwirtin hilft mir im Kanzleialltag enorm, da ich weiß, wie „der Hase läuft“, was andere Berufseinsteiger unter Umständen nicht wissen. Ebenfalls bearbeitet meine Kanzlei Mandate aus dem Forderungsmanagement und der Zwangsvollstreckung. In diesem Rahmen ist mein Wissen als Rechtsfachwirtin von großem Wert.

Viele nichtjuristische Mitarbeitende in Anwaltskanzleien klagen über ihren Job und ihre Chefs: Schlechte Bezahlung, Überstunden, cholerische Vorgesetzte. Wie war das bei Ihnen?

Antwort: Ganz verschieden. Ich war in verschiedenen Kanzleien tätig. Ich hatte nette Chefs, mit denen ich heute noch kooperiere und Kontakt halte und die sich freuen, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte.

Dann hatte ich aber auch solche, die mir meinen Erfolg nicht gönnen und sicher fast vom Stuhl fallen, falls sie dieses Interview lesen. Für diese werde ich immer die „kleine Rechtsfachwirtin“ bleiben. Das macht mir aber nichts aus. Ich finde so etwas nur sehr schade.

Auch die Bezahlung war je nach Kanzlei besser oder auch schlechter. Kann ich pauschal nicht sagen. Überstunden musste ich jedoch selten machen.

Wie ging es weiter? Haben Sie gekündigt und Vollzeit studiert? Oder das Studium neben dem Job betrieben? Wie haben Ihre Chefs reagiert, als es hieß „ich will auch Anwältin werden“?

Antwort: In Österreich gibt es die Möglichkeit, ein Multimedia Studium zu absolvieren. Das heißt, man kann sich die Vorlesungen vor Ort, in Echtzeit oder dann on demand ansehen. Das kam mir sehr entgegen, da ich so weiterhin Geld verdienen konnte aber auch mein Studium weiterführen konnte. Ich habe immer um die dreißig Wochenstunden gearbeitet und eben oft am Abend oder in der Nacht studiert.

Die Zeit war sehr hart aber am Ende hat es sich doch noch gelohnt.

Was war die größte Herausforderung an Studium und Referendariat? Haben Ihnen die Kenntnisse aus der Ausbildung geholfen? Oder mussten Sie trotzdem nochmal „bei Null anfangen“?

Antwort: Vor allem im Zivilrecht im Bereich Mahnverfahren und in der Zwangsvollstreckung kamen mir meine Kenntnisse als Rechtsfachwirtin sehr entgegen. Auch was die Kanzleigründung und Organisation anbelangt. Im Schwerpunkt hatte ich „Rechtsanwalt“ gewählt. Auch hier kannte man als Rechtsfachwirtin das Berufsrecht schon ganz gut. Für die anderen Gebiete hilft es jedoch nicht sehr viel.

Sie sind in der seltenen Situation, beide Seiten zu kennen: Was ist der größte Unterschied zwischen der Tätigkeit als Refa und der Tätigkeit als Anwältin?

Antwort: Man trifft als Rechtsanwältin eigene Entscheidungen, für die man dann auch grade stehen muss. Als Rechtsfachwirtin kann man sich natürlich immer noch in das Angestelltenverhältnis und den Chef „über einem“ verkriechen. Auch die Arbeitsweise ist eine ganz andere. Jedoch überschneiden sich beide Tätigkeiten in meinem Alltag, da ich ohne Sekretariat arbeite und daher auch Tätigkeiten einer Rechtsfachwirtin wie Abrechnung und Zwangsvollstreckung übernehme. Als Rechtsanwältin ist meine Arbeit zudem juristischer. Und ich bin viel mehr unterwegs und mit Menschen in Kontakt.

Was können Sie Refas mit auf den Weg geben, die sich beruflich ebenfalls verändern wollen: Was muss man für ein Jurastudium unbedingt mitbringen? Und wann sollte man sich lieber gegen ein Studium entscheiden?

Antwort: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Weg hart und steinig ist. Als Rechtsfachwirtin hat man natürlich ein paar Vorteile gegenüber anderen, da man die Kanzleiarbeit und auch einige Dinge im materiellen und prozessualen Recht bereits kennt. Dennoch ist es alles andere als ein Zuckerschlecken. Wenn man nicht bereit ist, viele Jahre hart zu arbeiten, seine Hobbies und Freizeit aufzugeben und sich in jeder freien Minuten ganz dem Studium zu widmen, dann sollte man es lieber sein lassen. Für ein Jurastudium bedarf es neben juristischem Talent noch sehr viel Fleiß und Durchhaltevermögen. Das ist nicht jedermanns Sache. Und auch als Rechtsfachwirtin gibt es sehr viele tolle Weiterbildungs- und Verdienstmöglichkeiten, sodass man es sich gut überlegen sollte, was man genau erreichen möchte. Manche Rechtsfachwirtin verdient in einer Großstadt mit Sicherheit mehr als ein Einzelanwalt.

Sehr geehrter Frau RAin Gieren, vielen Dank für Ihre spannenden Einblicke!

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JURios. Kuriose Rechtsnachrichten. Kontakt: redaktion@jurios.de

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