Das Rad der Zeit: Gesetzesauslegung mit den Aes Sedai

-Werbung-spot_imgspot_img

Wer bestimmt, wer das Oberhaupt der „Aes Sedai“ werden kann? Und muss man selbst Aes Sedai sein, um zur „Amyrlin“ gewählt zu werden? Wir begeben uns im Rahmen von „Law and Literature“ auf eine fantastische Spurensuche durch das „Rad der Zeit“ von Robert Jordan.

Unter dem Titel „Die Amyrlin“ erschien 1994 der fünfzehnte Band der Fantasy-Buchreihe „Das Rad der Zeit“ von Bestseller-Autor Robert Jordan. Das Fantasy-Epos beginnt im Dorf Emondsfeld in der Region Zwei Flüsse und begleitet das Leben der heranwachsenden Hauptcharaktere Rand al’Thor, Mat Cauthon, Perrin Aybara, Egwene al’Vere und Nynaeve al’Meara. Im Laufe der Serie stellt Rand fest, dass er der „Wiedergeborene Drache“ ist und damit als Einziger in der Letzten Schlacht (Tarmon Gai’don) das Böse besiegen kann. Egwene und Nynaeve können die weibliche Seite der Einen Macht (Saidar) lenken und lassen sich in der Weißen Burg zu „Aes Sedai“ ausbilden. Das Problem: Männer, die wie Rand die Eine Macht lenken können, werden früher oder später verrückt. Deswegen ist der Umgang mit dem Wiedergeborenen Drachen politisch hoch umstritten. So umstritten, dass es zu einem Bruch in der Weißen Burg kommt. Einige Aes Sedai krönen ein neues Oberhaupt zur sogenannten Amyrlin, während andere die Weiße Burg verlassen, um sich Rand anzuschließen.


Das könnte Dich auch interessieren: „Das Rad der Zeit – Gesetze und Regeln in der Fantasy-Welt der Aes Sedai“


Egwene’s Wahl zur Amyrlin

Wie der Titel des fünfzehnten Buches bereits verrät, dreht sich „Die Amyrlin“ um das Oberhaupt der Aes Sedai. Denn die Rebellen außerhalb der Weißen Burg beschließen, ein eigenes Oberhaupt zu wählen. Überraschend wird der gerade einmal 18-Jährigen Egwene der Titel angeboten.

Im Buch heißt es dazu: „»Ihr«, sagte Sheriam, »werdet der nächste Amyrlin-Sitz.« »Ich bin nicht einmal eine Aes Sedai«, sagte sie [Egwene] atemlos. Es mußte eine Art Scherz oder … oder … oder etwas sein. »Das kann umgangen werden«, sagte Sheriam entschlossen und zog ihre hellblaue Schärpe nachdrücklich fester.“

Denn bei der Wahl gibt es ein Problem: Egwene ist noch keine voll ausgebildete Aes Sedai, sondern lediglich eine „Angehende“. Steht das ihrer Wahl zur Amyrlin entgegen?

Hierfür haben die Rebellen, die sich im Dorf Salidar zusammengefunden haben, eine überraschende Antwort: nein! Auch wer noch keine voll ausgebildete Aes Sedai ist, kann zum Oberhaupt der Weißen Burg ernannt werden. In der Vergangenheit ist das jedoch nie vorgekommen, da grundsätzlich die Frau gewählt wird, die am stärksten in der Einen Macht ist.

Gesetzesauslegung mit dem Grauen Ajah

Die Begründung, wieso Egwene zur nächsten Amyrlin ernannt werden darf, ist dabei juristisch durchaus interessant. Und wird im Buch von Beonin Marinye, die dem Ajah der Grauen angehört, erklärt: „»Der Amyrlin-Sitz ist eine Aes Sedai – das Gesetz ist recht klar; es steht an mehreren Stellen geschrieben ‚der Amyrlin-Sitz der Aes Sedai‘, aber nirgendwo wird gesagt, daß man eine Aes Sedai sein muß, um die Amyrlin zu werden

Beonin beruft sich auf ein Gesetz der Weißen Burg, in dem die Ernennung der Amyrlin geregelt ist. In diesem heißt es, dass grundsätzlich nur eine Frau zur Amyrlin ernannt werden darf, und dass der Amyrlin-Sitz eine Aes Sedai sei. Welchen Status die Person zu dem Zeitpunkt haben muss, in dem sie gewählt wird, wird im Gesetzestext gerade nicht festgelegt. Es ist also nirgends vorgeschrieben, dass die Frau bereits zuvor Aes Sedai gewesen sein muss. Egwene als Frau und Angehende gehört also grundsätzlich zur Personengruppe derjenigen, die gewählt werden können. Das, was Beonin hier tut, ist unter Jurist:innen als „Auslegung nach dem Wortlaut“ bekannt.

Im Rad der Zeit-Universum gibt es sieben Ajahs. Die Grauen, zu denen auch Beonin gehört, werden als rational, nüchtern und gesetzesorientiert beschrieben. Sie haben sich der Diplomatie und der Verhandlung internationaler Verträge (z. B. zwischen Königreichen) verschrieben. Dementsprechend kennen sich Die Grauen besonders gut mit der Gesetzeslage aus. In unserer Welt würden Juristinnen also am ehesten dem Grauen Ajah angehören.

Im Buch heißt es dazu: „Jede Aes Sedai war mit dem Burgrecht vertraut, aber die Grauen mußten als Vermittler die Gesetze jedes Landes kennen, und Beonin nahm einen belehrenden Tonfall an, als wollte sie etwas erklären, worüber niemand so gut Bescheid wüßte wie sie. »Das Gesetz, das bestimmt, wie die Amyrlin gewählt werden soll, beinhaltet nur ›die Frau, die berufen wird‹ oder ›sie, die vor dem Saal steht‹ oder ähnliches. Die Worte ›Aes Sedai‹ werden von Anfang bis Ende nicht einmal erwähnt. Niemals.“

Berücksichtigung des Gesetzgebers?

Was aber, wenn der Wortlaut uneindeutig ist? Oder wenn der reine Gesetzestext sogar im Widerspruch zu anderen Prinzipien steht? Deutsche Jurist:innen berufen sich in diesem Fall auf die Gesetzesauslegung nach Friedrich Carl von Savigny. Dieser hat neben der Wortlautauslegung noch drei weitere Auslegungsmethoden geprägt. Die systematische, teleologische und historische Auslegung.

Interessanterweise ziehen die Aes Sedai ebenfalls andere Arten der Auslegung heran. So erwägt Beonin auch die historische Auslegung in Form des Willens des Gesetzgebers. Im Buch heißt es dazu: „Manche mögen sagen, daß die Absicht der Begründer des Gesetzes bedacht werden müsse…« [, sagte Beonin].“

Die Aes Sedai Carlinya unterbricht Beonin jedoch mit folgender Argumentation: „»Sie [die Begründer des Gesetzes] glaubten zweifellos, es würde soweit verstanden, daß keine Festschreibung notwendig sei. Folgerichtig bedeutet ein Gesetz jedoch, was es den Buchstaben nach besagt, was auch immer seine Begründer im Sinn hatten.«

Auch in unserer Rechtsordnung handelt es sich bei der historischen Auslegung um die schwächste Auslegungsmethode. Denn viele Gesetze sind sehr alt und grundsätzlich können sich Rechtsansichten und gesellschaftliche Normen im Laufe der Zeit ändern. Viel wichtiger als das, was sich der Gesetzgeber früher gedacht hat, ist also das Ziel des Gesetzes heute. Über die Wortlautgrenze des Gesetzes darf man sich aber natürlich trotzdem nicht hinwegsetzen.

Wahl zur Amyrlin muss angenommen werden

Auch wenn die Aes Sedai im Buch die restlichen Auslegungsmethoden leider nicht mehr heranziehen, sind sich am Ende alle einig: Egwene kann zur neuen Amyrlin gewählt werden, obwohl sie noch keine vollwertige Aes Sedai ist. Die Wahl zur Amyrlin zieht dann automatisch ihre Ernennung von einer Angehenden zur Aes Sedai nach sich.

Egwene fühlt sich damit jedoch überhaupt nicht wohl. Sie denkt nicht, dass sie bereit dazu sei, die Rebellen im Kampf gegen die Weiße Burg anzuführen. Außerdem macht sie sich Sorgen, dass sie zu jung ist, um die politischen Intrigen zu verstehen, welche die Aes Sedai, die oft auch Königshäuser beraten, umgeben. Egwene erwägt deswegen, die Wahl zur Amyrlin schlicht abzulehnen.

Diesbezüglich haben die anderen Aes Sedai jedoch schlechte Nachrichten für sie. Wer ernannt und gewählt wird, muss die Wahl annehmen.

„»Es ist lächerlich. Ich werde mich nicht vor allen zum Narren machen. Wenn der Saal mich deshalb berufen hat, dann lehne ich ab« [sagte Egwesen]. »Ich fürchte, diese Möglichkeit habt Ihr nicht«, seufzte Anaiya, während sie ihr Gewand glättete, ein erstaunlich gekräuseltes Kleidungsstück aus rosa Seide mit elfenbeinfarbener Spitze an jedem Saum. »Ihr könnt eine Berufung zur Amyrlin ebensowenig verweigern, wie Ihr eine Berufung vor Gericht verweigern könntet. Sogar die Formulierung der Berufungen ist die gleiche.«“

In „Die Amyrlin“ hat die Gesetzesauslegung für Egwene also weitreichende Konsequenzen. Sie wird (unfreiwillig) zur Amyrlin ernannt und lenkt damit die Geschicke der Aes Sedai in den kommenden Büchern.

Egwene Al’Vere als Aes Sedai by Alyarie (DeviantArt)
-Werbung-

Ähnliche Artikel

Social Media

10,950FollowerFolgen
3,146FollowerFolgen
Download on the App Store
Jetzt bei Google Play
-Werbung-spot_img
-Werbung-

Letzte Artikel

Datenschutz-Übersicht

Diese Internetseiten verwenden teilweise so genannte Cookies. Cookies richten auf deinem Rechner keinen Schaden an und enthalten keine Viren. Cookies dienen dazu, unser Angebot nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer zu machen. Cookies sind kleine Textdateien, die auf deinem Rechner abgelegt werden und die dein Browser speichert.

Die meisten der von uns verwendeten Cookies sind so genannte „Session-Cookies“. Sie werden nach Ende deines Besuchs automatisch gelöscht. Andere Cookies bleiben auf deinem Endgerät gespeichert, bis du diese löschst. Diese Cookies ermöglichen es uns, deinen Browser beim nächsten Besuch wiederzuerkennen.

Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung: Mehr erfahren