Die monatliche Kolumne über das Durchfallen im Staatsexamen von Frida Fortun.
Hier geht es zu Teil 1: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Die Erkenntnis”
Hier geht es zu teil 2: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Einsicht – kein Weg zur Besserung?!”
Hier geht es zu Teil 3: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Halbzeit”
Hier geht es zu Teil 4: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Ende des Ergänzungsvorbereitungsdienstes”
Hier geht es zu Teil 5: „Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Auf der anderen Seite“
Ich habe Angst. Versagensängste. Existenzängste. Zukunftsängste. Ich bekomme Herzrasen bei der Vorstellung, in nicht einmal 48 Stunden zu wissen, ob meine Klausuren diesmal gereicht haben und meine Leistungen nun in einer Ladung zur mündlichen Prüfung münden. Mit Familie und engen Freund:innen habe ich alle Szenarien durchgesprochen. Nicht, weil ich mich verrückt mache, sondern weil es mich aktuell beruhigt, zu wissen, wie mein weiterer Weg aussehen könnte und was für Optionen ich habe. Einerseits mindert das meine Ängste ein wenig.
Andererseits kann ich nicht sagen, ob ich wirklich in einen dritten Versuch gehen würde, wenn es wieder nicht für die mündliche Prüfung gereicht haben sollte. Stand jetzt will ich diesen Weg abschließen. Da mir der dritte Versuch möglich ist (das richtet sich in NRW nach § 59 Abs. 1 JAG NRW), wäre ein Nichtbestehen im Zweitversuch nicht das absolut endgültige Ende. Aber neben der formalen Option eines „Gnadenversuchs“ gehört auch die emotionale Seite dazu: Ich weiß nicht, ob meine Nerven und Psyche das mitmachen. Ob ich die mentale Stärke und Kraft aufbringen kann, wieder Übungsklausuren zu schreiben und die Klausurenwochen anzutreten. Denn zur Wahrheit gehört auch: die letzten Wochen habe ich zu viel Zeit mit Sorgen verbracht, und zu wenig Disziplin an den Tag gelegt.
Mein Plan für die „Schwebezeit“
Der Plan war gut: erst nur eine Stunde am Tag lernen, dann auf zwei Stunden erhöhen, Kurzfälle bearbeiten, dann (zunächst alleine) Aktenvorträge üben und mich dabei aufnehmen, um besser zu werden. Vor allem aber, wollte ich am Ball bleiben – und das auch so, dass ich kurzfristig wieder examensfit werden würde.
Die Umsetzung: ist nicht passiert. Der Plan ist kläglich gescheitert, meine Lernblockade hat ihn scheitern lassen. Immer und immer wieder habe ich versucht wieder anzufangen und war mit Emotionen konfrontiert, die ich nicht regulieren konnte. Immer wieder habe ich mir gesagt „Heute nicht, weil“, oder „Diese Woche nicht mehr, weil“. Das waren mehrheitlich Tage, an denen ich die Pause wirklich dringend benötigte. Ich will daher nicht streng mit mir sein, aber Mist, wie viel Zeit seines Lebens kann man verschwenden?!
Keine Zeitverschwendung war hingegen die Auszeit, in der ich verreist bin und auf andere Gedanken kam. Auch sämtliche Unternehmungen und Treffen bereue ich kein bisschen. Eben nur, dass ich nicht wenigstens eine Stunde am Tag Jura gewidmet habe. Es fühlt sich an, als würde ich in einer Beziehung stecken, die ich aufgegeben habe, nicht weil ich es wollte, sondern weil das das Beste für uns beide war. Jura war und ist meine Leidenschaft und ich habe gerne juristisch gearbeitet. Ich wünschte, ich hätte das in Prüfungen zeigen können. Ich traue mich nicht, laut zu hoffen, aber still und tief in mir drin lebt noch Hoffnung, dass ich in einer mündlichen Prüfung die Chance habe, zu zeigen, dass man mich als Volljuristin auf die Branche loslassen kann. Alle relevanten Unterlagen zur Vorbereitung auf die Mündliche habe ich bereits bei unserer Lernplattform für den Vorbereitungsdienst abgerufen und heruntergeladen. Sie warten geduldig in meiner Ordnerstruktur auf ihren Einsatz. Und ich warte aufgeregt, ob sie schon ganz bald meine neuen Begleiter werden, wenn es hoffentlich heißt: Lernen für die mündliche Prüfung.
Wieder Todeslisten-Zeit
Und wieder warte ich nervös, mir ist flau im Magen. Ich weiß, dass ich erleichtert sein werde, wenn ich (wieder) erfahre, was Stand der Dinge ist. So war es auch beim regulären Versuch. Ich will wissen, womit ich arbeite, einen Plan haben, was auf mich zukommt und dann das Beste aus der Situation machen.
Das Datum habe ich nur wenigen Leuten mitgeteilt und immer darum gebeten, erstmal von Fragen abzusehen. Meine Kennziffer kennen nur wenige Vertrauenspersonen. Mit meinem Partner habe ich den Tag der Veröffentlichung durchgesprochen. Möchte ich wieder selbst auf die Liste schauen? Möchte ich, dass das jemand für mich übernimmt? Soll er sich frei nehmen und an dem Tag mit mir Zuhause sein? Wollen wir an dem Tag überhaupt Zuhause sein? Je mehr Klarheit ich über die Dinge habe, die in meiner Kontrolle liegen, desto mehr habe ich ein Gefühl von Sicherheit. Das bringt etwas Ruhe in die Angelegenheit, auch wenn ich nicht wirklich ruhig bin.
Was wäre, wenn…?
Sollte ich tatsächlich erneut durchgefallen sein, werde ich sofort aus dem (Ergänzungsvorbereitungs-)Dienst und dem öffentlich-rechtlichen Ausbildungsverhältnis entlassen (§ 31 Abs. 1 JAG NRW), und muss mich arbeitslos melden. Ich kann, da ich die gesetzlichen Voraussetzungen erfülle, innerhalb von drei Monaten einen Antrag zur erneuten Wiederholung der Prüfung (Drittversuch) stellen. Ich würde dann erneut Klausureinsicht beantragen und wieder entscheiden, ob ich Widerspruch einlege und wie die Erfolgsaussichten einer Prüfungsanfechtung wären. Nach derzeitiger Einschätzung würde ich das Staatsexamen ein letztes Mal schreiben. Ich würde mir aber für die gesamte Zeit einen Job suchen müssen und mich parallel auf diesen Letztversuch vorbereiten.
Sollte ich diesmal bestanden haben, werde ich (wie es beim Bestehen im ersten Versuch der Fall ist) eine Ladung zur mündlichen Prüfung erhalten. Dass ich vorher im Ergänzungsvorbereitungsdienst war und erst im Zweitversuch bestanden habe, würde meines Wissens nach höchstens im Vorgespräch der mündlichen Prüfung thematisiert werden – grundsätzlich aber keine Rolle spielen. Danach steht mir jedoch kein Verbesserungsversuch zu.
Ich hoffe für alle meine Mitstreiter:innen und auch für mich selbst, dass wir eine Ladung zur Mündlichen erhalten. Ich drücke uns die Daumen, dass wir die erlösende E-Mail lesen, noch bevor wir überhaupt in der unangenehmen Situation sind, auf die Nichtbestehensliste schauen zu müssen. Und ich danke jedem von Euch, wenn ihr uns ebenso die Daumen drückt. 🍀


