Der 2001 in Stuttgart-Bad Cannstatt geborene Bundestagsabgeordnete Luke Hoß ist nicht nur der jüngste Abgeordnete im 21. Deutschen Bundestag, sondern auch noch Jurastudent. Nach seinem Abitur in Fellbach begann Luke Hoß 2021 sein Studium der Rechtswissenschaften in Passau. Ab 2023 erhielt er ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung und trat der Partei Die Linke bei, für die er 2025 aus dem Bundestagswahlkreis Passau über die Landesliste in den Bundestag einzog.
Wie lassen sich Bundestagsmandat und Jurastudium vereinbaren? Und inwiefern hilft eine rechtswissenschaftliche Vorbildung bei der Tätigkeit als Abgeordneter? Im Intervier steht Luke Hoß uns Rede und Antwort.
Wie kam es dazu, dass Du Dich für ein Jurastudium entschieden hast? War es eher das Thema Gerechtigkeit oder doch die Motivation mehr über unseren Staat zu lernen und Dir „Herrschaftswissen“ anzueignen?
Luke Hoß: Zum einen hat es mich geprägt, wie meine alleinerziehende Mutter den Alltag mit mir und meinem Bruder ohne materielle Sicherheit wuppen musste. Und das Jura- Studium geht eben nicht nur mit gesellschaftlicher Anerkennung einher, sondern auch mit der Perspektive von finanzieller Stabilität. Mittlerweile schätze ich vor allem die emanzipatorischen Aspekte, die das Recht neben dem „Herrschaftscharakter“ hat. Es befähigt uns, unsere Gesellschaft voranzubringen. Auch wenn es pathetisch klingt – ich möchte mich für die Rechte derer einsetzen, die vom Gesetz oft benachteiligt und in die Ohnmacht gedrängt werden.
Du warst zunächst Mitglied bei den Grünen und bist dann zur LINKEN gewechselt? Was waren Deine Gründe dafür?

Luke Hoß: Ich habe bald gemerkt, dass die Grünen für mich keine Verbündeten mehr sind. Das gilt für den Kampf gegen die Klimakrise, wie wir bei Lützerath gesehen haben. Auch beim Thema Migration sind die Grünen zu weit nach rechts gerückt. Und anders als die Grünen setzt sich Die Linke konsequent für die Überwindung kapitalistischer Strukturen und eine demokratisch-sozialistische Gesellschaftsordnung ein. Wir wollen ein gutes Leben für Alle, indem alle genug zum Leben haben und es keine derartigen Unterschiede zwischen Arm und Reich gibt.
Als Du in den Bundestag gewählt wurdest, warst Du gerade im 7. Semester Deines Jurastudiums. Wie gehst Du mit der Doppelbelastung um? Pausiert Dein Jurastudium gerade? Willst Du es später wieder aufgreifen?
Luke Hoß: Für dieses Semester pausiert mein Studium, um mein Büro und alle anderen Strukturen aufzubauen. Aber ab dem nächsten Semester möchte ich in kleinem Umfang nebenbei weitermachen. Ich habe meinen Schwerpunkt schon hinter mir und bin im Prinzip schon in der Examensvorbereitung. Deshalb kann ich auch von überall aus lernen.
Hast Du Dich schon früh für Politik interessiert? Inwiefern hilft Dir das Wissen aus dem Jurastudium jetzt bei Deiner Tätigkeit als Abgeordneter?
Luke Hoß: Mit meinem Umzug nach Passau bin ich politisch aktiv geworden und war es während dem gesamten Studium. Mein juristisches Wissen konnte ich schon damals gut für politische Herzensangelegenheiten nutzen. Für die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) habe ich beispielsweise Vorträge zum Tarifrecht gehalten.
Im Rechtsausschuss, wo ich Mitglied bin, wird mir allerdings das Durchprüfen einer a.l.i.c. (actio libera in causa) mit verschwindend geringer Wahrscheinlichkeit über den Weg laufen. Aber das Verständnis von Recht und wissenschaftlichem Arbeiten, das ich insbesondere im Schwerpunkt gelernt habe, hilft in jedem Fall.
Du hast Dich in der Refugee Law Clinic Passau engagiert. Sind Flüchtlinge/Asylsuchende auch ein Thema, für das Du Dich im Bundestag besonders einsetzt?
Luke Hoß: Ja und Nein. Die Rechte von marginalisierten Gruppen liegen mir besonders am Herzen. Geflüchtete sind die wohl schwächste Gruppe in unserer Gesellschaft mit der kleinsten Lobby. An ihrer zunehmenden Entrechtung sehen wir beispielhaft, wie es zukünftig auch anderen marginalisierten Gruppen gehen soll. Zum Beispiel Rentner*innen oder Bürgergeldempfänger*innen. Allerdings werden diese Themen hauptsächlich in anderen Ausschüssen behandelt. Im Rechtsauschuss werden wir zu diskriminierenden Regelungen im Strafrecht arbeiten, wie etwa dem Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, der Bestrafung von Bagatelltaten wie dem Erschleichen von Leistungen (§ 265a StGB) sowie der Ersatzfreiheitsstrafe (JURios berichtet). Eine hohe Priorität in unserer Arbeit hat aktuell die rechtswidrige Auslieferung von Maja T. von Deutschland nach Ungarn (JURios berichtet). Die Haftbedingungen in Ungarn verstoßen gegen die Menschenwürde und europäische Strafvollzugsgrundsätze. Wir setzen uns mit Hochdruck dafür ein, dass die Bundesregierung Maja T. zurück nach Deutschland holt.
Die Juristische Ausbildung ist reformbedürftig – das sehen inzwischen alle ein. Machst Du Dich im Bundestag auch für eine Reform von Jurastudium und Referendariat stark? Auf welche Hürden stößt Du dabei?
Luke Hoß: Ich habe mich erst kürzlich mit Engagierten der Bundesfachschaft und der Refugee Law Clinic Deutschland getroffen, um genau darüber zu sprechen. Die Fakten sprechen für sich, das Jura-Studium muss reformiert werden. Der Ausbildungsstoff nimmt seit Jahren zu; die Abfrage von Wissen unter enormen Druck in fünfstündigen Klausuren nach jahrelanger Ausbildung ist kaum geeignet, juristische Fähigkeiten abzuprüfen. Die größte Hürde für eine Reform der Jurist*innenausbildung ist derzeit die CDU/CSU. Dort besteht kaum Bereitschaft, die Inhalte der Ausbildung selbst anzufassen.
Die Neue Rechte wird überall in Europa immer stärker. Siehst Du auch in Deutschland den Rechtsstaat in Gefahr? Wie können und sollen wir einer starken AfD begegnen?
Luke Hoß: Die Entwicklung macht mir große Sorge, denn Angriffe auf den Rechtsstaat erleben wir nicht nur von ganz rechts außen. Aktuell setzt sich Innenminister Dobrindt, trotz einhellig herrschender Meinung zur grundsätzlichen Bedeutung des VG Beschlusses, über Europarecht hinweg und schürt subtil den Eindruck von „parteipolitisch beeinflusster Richter*innen“. Das ist brandgefährlich. Eines ist klar: Der wachsenden Gefahr der AfD begegnen wir nicht, indem wir ihre Position umsetzten. Es braucht natürlich ein Verbotsverfahren (JURios berichtet), aber auch eine Politik, die die realen Abstiegsängste und -erfahrungen in den Mittelpunkt stellt. Deshalb setzen wir auf beides: eine starke Sozialpolitik und ein AfD-Verbotsverfahren.
Auch unter unseren JURios-Leser:innen gibt es bestimmt einige, die eine Karriere in der Politik anstreben. Möchtest Du ihnen etwas mit auf den Weg geben? Einen Ratschlag oder vielleicht auch eine Warnung?
Luke Hoß: Ich finde in die Politik sollte man nicht aus Karrieregründen, sondern weil man politisch etwas bewegen will. Sonst läuft man Gefahr, sich mehr um die Sicherung des eigenen Jobs zu kümmern als um die Interessen der Menschen, die einen gewählt haben. Bei meiner Partei nimmt der stetige Austausch mit den Menschen im Wahlkreis einen hohen Stellenwert ein. Das verhindert, dass wir – wie ich es bei vielen Abgeordneten anderer Parteien beobachte – denn Anschluss an die Basis verlieren.


