Sprache trifft Recht –  Dolmetschen als Brücke zum gelebten Recht im Justizalltag

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Seit Beginn meines Jurastudiums arbeite ich nebenbei als Dolmetscherin für die kurdische Sprache – eine Tätigkeit, die für mich weit mehr als nur ein Nebenjob ist. Sie verbindet meine sprachlichen Fähigkeiten mit meiner juristischen Ausbildung und hat mir ermöglicht, das Recht nicht nur aus der Theorie, sondern auch in der praktischen Anwendung zu erleben – ein Nebenjob, der weit mehr für mich bedeutet als nur eine Einkommensquelle. Er verbindet meine sprachlichen Fähigkeiten mit meinem juristischen Interesse und gewährt mir praktische Einblicke in das, was oft erst nach dem Studium greifbar wird: echte Gerichtsverfahren, Behördenabläufe und das Funktionieren unseres Rechtssystems im Alltag.


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Schnittstelle zwischen Sprachen, Kulturen und Rechtsverständnis

Als Person mit Migrationshintergrund empfinde ich diese Tätigkeit als große Chance – beruflich wie persönlich. Einerseits unterstützt sie mich finanziell durch das Studium, andererseits eröffnet sie mir die Möglichkeit, meine Sprachkenntnisse auf hohem Niveau einzusetzen und gleichzeitig mein juristisches Verständnis zu schärfen – eine Fähigkeit, die in unserer diversen Gesellschaft oft unterschätzt wird. Besonders spannend ist es, das Recht aus einer anderen Perspektive zu betrachten: nicht nur als angehende Juristin, sondern als Schnittstelle zwischen Sprachen, Kulturen und Rechtsverständnissen. Besonders bei Einsätzen vor Gericht, bei der Polizei oder in Behörden konnte ich hautnah miterleben, wie essenziell präzise Kommunikation in mehreren Sprachen ist – nicht nur sprachlich, sondern auch rechtlich.

Dolmetscher:innen leisten einen enorm wichtigen Beitrag. Ihre Arbeit ist oft unsichtbar, aber essenziell – sie übertragen nicht nur Worte, sondern Inhalte, Nuancen, juristische Fachbegriffe und kulturelle Unterschiede – oft über Stunden hinweg, manchmal flüsternd, manchmal simultan, häufig unter körperlich und mental herausfordernden Bedingungen. Gerade während der Corona-Pandemie, mit Maske und Abstand, war das eine besondere Belastungsprobe.

Als Teil des Prozesses Verantwortung übernehmen

Ich selbst habe viele Stunden in Gerichtssälen verbracht – im Arbeitsrecht, Asyl- und Aufenthaltsrecht oder Strafrecht. Diese Erfahrungen haben mir nicht nur fachlich weitergeholfen, sondern auch persönlich viel gegeben. Als Dolmetscherin ist man Teil des Prozesses, man trägt Verantwortung – und man erlebt unmittelbar, was Recht für Menschen bedeutet. Der persönliche Kontakt, die Dankbarkeit derjenigen, denen man mit der eigenen Sprachkompetenz hilft, geben der Arbeit eine besondere Tiefe. Es ist Realität statt Theorie. Nähe statt Paragraphen. Und das tut gut – gerade in einem Studium, das oft abstrakt und weit weg vom echten Leben erscheint. Dabei wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass Menschen ohne ausreichende Deutschkenntnisse eine faire Chance bekommen, verstanden zu werden – und verstanden zu werden ist ein Grundrecht.

Das Auftreten im Gerichtssaal hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Es hat mir gezeigt, wie wichtig Haltung, Präsenz und Klarheit sind – Fähigkeiten, die man im Studium kaum lernt, aber später im Berufsleben unbedingt braucht. Auch das Reisen zu Verhandlungen in verschiedenen Städten und die Arbeit mit Richter:innen, Anwält:innen oder Verwaltungsmitarbeiter:innen war bereichernd.

Es gibt Fälle, die unter die Haut gehen. Und es gibt Momente, in denen einem Menschen durch die eigene Übersetzung ein Stück Gerechtigkeit widerfährt – das ist zutiefst erfüllend. Die Dankbarkeit, die mir dabei oft entgegengebracht wurde, motiviert mich bis heute.

Der Community etwas zurückgeben

Diese Erfahrungen ermöglichen nicht nur ein vertieftes Rechtsverständnis, sondern eröffnen auch neue Netzwerke – etwas, das gerade im Jurastudium von unschätzbarem Wert ist. Für mich ist diese Arbeit ein Weg, etwas zurückzugeben: meiner Community, aber auch dem Land, in dem ich leben und studieren darf. Es ist ein Privileg, das ich nicht als selbstverständlich betrachte – und genau deshalb möchte ich andere ermutigen, ihre Fähigkeiten ebenfalls mutig und selbstbewusst einzusetzen.

Mein Appell an alle Jurastudierenden mit sprachlichem Talent: Macht es! Nutzt eure Sprachkenntnisse, sammelt Praxiserfahrung, erweitert euren juristischen Horizont und wachst über euch hinaus. Es lohnt sich – fachlich, menschlich und beruflich. Ich kann allen Studierenden mit mehrsprachigem Hintergrund nur empfehlen, sich diese Tätigkeit einmal anzuschauen. Wer eine Sprache auf hohem Niveau spricht und sich für das Recht interessiert, bekommt hier eine einmalige Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln, Netzwerke aufzubauen und ganz nebenbei das eigene Selbstbewusstsein und Auftreten im Gerichtssaal zu stärken.

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