Fast unbemerkt vor aller Augen: „Die Stille Gewalt“ des Staates und wie die Rechtsanwältin Asha Hedayati sie sichtbar macht
Viele Medien berichten erneut über den Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt im Jahr 2024. Erst im Februar dieses Jahres hat der Bundestag das Gewalthilfegesetz verabschiedet, das Betroffenen schneller und unkomplizierter Hilfe zukommen lassen soll. Wer verstehen will, warum dies bitter notwendig ist und welche Schicksale sich hinter diesen Zahlen verbergen, dem sei Asha Hedayatis im Herbst 2023 im Rowohlt- Verlag erschienenes Buch „Die stille Gewalt“ empfohlen. Auf 192 Seiten lernen die Lesenden in sechs Kapiteln mehr über patriarchale Gewalt und Kontrolle und wie diese auch staatliche Einrichtungen durchdringen.
„Männliche Gewalt beginnt nicht mit einem Faustschlag.“
In einem kurzen Abriss führt die Rechtsanwältin für Familienrecht die Leser:innen zunächst an den historischen Eckpunkten der Ehe in Deutschland vorbei. Sie arbeitet heraus, dass die männliche Verfügungsgewalt über das Schicksal der Ehefrau Züge einer eigentumsähnlichen Position trug bzw. trägt. Es gibt eine massive Diskrepanz bzgl. der Machtverteilung in einer Partnerschaft. So sind es „Männer, die über Zeit, den Körper und die Kraft zur Care-Arbeit von Frauen verfügen“.
Im zweiten Kapitel erfolgt eine Erläuterung der verschiedenen Formen der Gewalt. So eignen sich Partner physisch, psychisch und auch finanziell Macht an. Neben Beispielen aus ihrem beruflichen Alltag als Anwältin finden sich – wie in allen anderen Kapiteln auch – Statistiken und Zahlen in Hedayatis Text. Die Autorin ordnet diese ein und gibt ihnen damit einen wichtigen Kontext. Beispielhaft seien hier die Zahlen zu Gewaltopfern genannt: Die Zahl der 20% männlichen Opfer entstehe auch deshalb, weil, so die Erfahrung von Beratungsstellen, häufig die Partner eine Gegenanzeige bei der Polizei stellten. Das habe zum Ziel, dass sich das Bild eines gemeinschaftlichen Konfliktes des Paares ergibt.
Gaslighting und Isolation als Formen psychischer Gewalt sind dabei ebenfalls Mittel, die Partnerinnen zu kontrollieren. So wird nachgezeichnet, dass es keinerlei körperlicher Einwirkungen bedarf, um komplette Kontrolle über eine andere Person auszuüben.
Auch die teilweise seit den 50er Jahren nicht reformierten Steuerregelungen, wie das Ehegattensplitting, führen zu einem massiven Ungleichgewicht in Ehen. Das Leitbild ist eine Ehe, in der Einnahmen und Ausgaben fair zwischen den Parteien verteilt werden. Die Realität sieht aber häufig anders aus: Frauen haben kaum finanzielle Rücklagen, verdienen weniger oder fassen schlechter wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt. Diese Probleme halten Frauen häufiger in Beziehungen, weil sie sich eine Trennung nicht leisten können, oder aber sie stehen bei einer solchen ihren Ex-Partnern gegenüber, die zumeist über mehr Macht, Ressourcen und Privilegien verfügen.
Hedayati lenkt dabei auch immer wieder den Blick auf die noch gefährlichere Situation für schwangere, behinderte oder migrantische Frauen. § 31 AufenthG wird ebenso beleuchtet wie die immer geringer werdenden Möglichkeiten zur Abtreibung, da fehlendes Personal und anstehende Kosten diese für einige Frauen unmöglich machen.
„Es gibt wenig, das so radikal und mutig ist, wie eine Frau, die in einer gewaltvollen Beziehung Nein sagt, aufsteht und geht.“
Das dritte Kapitel „Macht und Kontrolle“ klärt auf, wie Mütter immer noch weit überwiegend für Care-Arbeit zuständig sind. 60% aller Väter beantragen keinen einzigen Monat Elterngeld in Deutschland. Während Männer nach der Trennung häufig einfordern, die Kinder auch zu betreuen, weil man sie ihnen sonst vorenthalten würde, sind es oft diese Väter, die während der Beziehung nicht ansatzweise dieses Maß an Care-Arbeit geleistet oder Interesse daran bekundet haben.
Dem Staat begegnen Leser:innen erstmals im vierten Kapitel, wenn von Polizei und Jugendämtern berichtet wird. Hedayati führt aus, dass das Patriarchat auch in staatlichen Einrichtungen zu finden sei und erläutert, dass das Hauptproblem immer noch sei, dass Partnerschaftsgewalt als Privatsache gedeutet werde.
Je weiter man in der Lektüre fortschreitet, desto unbekannteres Terrain dürfte man als Durchschnittsleser:in betreten. Die Türen von Familiengerichten bleiben meist für die Bevölkerung verschlossen. Um diese Verfahren ranken sich vielleicht auch daher so viele Mythen. Genannt seien die Bilder von der „rachsüchtigen Ex-Partnerin“ und der „Übermutter“, der grundsätzlich immer das Sorgerecht zugesprochen wird und die leichterhand dem Ex- Partner den Umgang mit den Kindern versagen kann.
Während Frauen nach der Trennung also unterstellt wird, ihre geleistete Betreuung zu instrumentalisieren, wird sie zuvor als natürliche Aufgabe von ihr in dieser Gesellschaft gesehen. Aus „Dankbarkeit“, scheint es, führen Frauen Care-Arbeit aus. Natürlich ist das Humbug, aber für Hedayati steht fest, dass die kapitalistische Gesellschaft nur funktioniert, weil sie auf dieser unsichtbaren, unbezahlten Care-Arbeit fußt.
„Rassismus und Sexismus gehen mit den Menschen hinein in Behörden, Ämter und Gerichte.“
Besonders sprachlos machen die Beispiele der Rechtsanwältin, wenn sie z.B. berichtet, wie Gerichte äußern, dass die Gewalt gegen die Mutter nicht das Kind beträfe oder schlechte Partner keine schlechten Väter seien. Man fragt sich als Leser:in, wie man im Angesicht von Gewalt diese Sachen trennen will. Absurder werde es dann, so Hedayati, wenn das Gericht Saalschutz wegen des Vaters verlange, die Mutter aber weiterhin bei der Übergabe der Kinder dem Mann alleine ausgesetzt sei. Eine Trennung aus einer Gewaltbeziehung geht mit einem eklatanten Kontrollverlust für den Mann einher und diesen versucht er häufig danach wieder auszugleichen. Gerade daher ist die sog. Nachtrennungsgewaltfür die betroffenen Frauen gefährlich.
Die von Vorurteilen geprägte Ausgangslage vor Gericht würde also besagen, dass Väter geschützt werden müssen und ihnen dort ihre Rechte genommen werden. Dem gegenüber steht die Statistik, dass 90% aller Alleinerziehenden Frauen sind und jede zweite keinen Kindesunterhalt erhält. So wurden 2024 alleine 3,2 Milliarden Euro Unterhaltsvorschuss vom Staat gezahlt.
Besonders interessant wird es dann gegen Ende des Buches beim Unterkapitel über Verfahrensbeistände und Gutachter:innen. Erstere sollen für die Kinder deren Willen und Bedürfnisse ermitteln und zwar ohne Rücksicht auf die Positionen der Eltern. Die Autorin erläutert, wie der Besuch der Beistände erfolgt: Zumeist gibt es nur ein Treffen mit jedem Elternteil, es findet keine Dokumentation der Befragung statt und es gibt keine Zeug:innen. Noch sprachloser wird man, wenn man erfährt, dass erst seit 2022 ein Mindestanspruch an Qualifikation für diese Position erwartet wird.
Eine weitere wichtige Rolle im familiengerichtlichen Verfahren spielen Gutachter:innen. 270.000 Gutachten bei Familiengerichten stehen insgesamt 30.000 Gutachten bei Zivil-, Arbeits-, Finanz- und Verwaltungsgerichten für das Jahr 2015 gegenüber. Man erfährt, wie es zu dieser Fülle an Gutachten kommt und welches Problem die Regelvermutung des §1626 III BGB im familiengerichtlichen Verfahren aufwirft.
Für wirksame Maßnahmen fehlt Geld für Prävention und für weitere 15000 nötige Plätze in Frauenhäusern. Mit dem Gewalthilfegesetz hat der Bundestag im Frühjahr 2025 beschlossen, dass erst ab 2032 Betroffene einen Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und Schutz haben sollen.
Es fehlt an Täterarbeit und genau dieser Mangel kostet die Gesellschaft: an direkten und indirekten Kosten durch häusliche Gewalt summieren sich jährlich 2,75 Milliarden Euro.
Die Autorin rückt gegen Ende ihres Buches die gesellschaftliche Prägung von Männern in den Fokus. Sie weist darauf hin, dass Männer häufig im beruflichen Kontext als Problemlöser auftreten müssen, ihnen dies im privaten aber nicht gelinge, und hat einen interessanten Erklärungsansatz dafür.
Auch einen Blick über die Grenze wagt Hedayati auf den letzten Seiten des Spiegel Bestsellers und rückt vor allem Spanien in den Fokus. Das Land hat es geschafft, schon 2004 geschlechtsspezifische Gewalt mit speziellen Gerichten und Prävention zu adressieren. Partnerschaftsgewalt wird dort deklariert als das was es ist: ein in der Gesellschaft verwurzeltes Problem.
Alle Beispielsfälle, entsprungen aus Hedayatis Tätigkeit als Rechtsanwältin und ihren Kontakt zu Frauenhäusern und Beratungsstellen, verbinden immer wieder Zahlen und Theorie mit der Realität. Vor allem durch diese ergeben sich mit fortschreitender Lektüre immer mehr Momente, in denen man kurz innehalten muss, um das Gelesene zu verdauen.
„Das perfekte Opfer ist tot.“
An einer Stelle zitiert Asha Hedayati die Schriftstellerin Jacinta Nandi mit dem Satz „Das perfekte Opfer ist tot.“ Und so sehr dieser Satz schockieren mag, er erschließt sich von Seite zu Seite mehr, denn Frauen sind steter Bewertung ausgesetzt. Sie sollen sich als Partnerinnen, Mütter und auch als Gewaltopfer verhalten wie es die Gesellschaft von ihnen erwartet.
Die Lektüre ist keine leichte Kost, sie hat gerade deswegen aber auch einen Mehrwert und lohnt absolut. Die betroffenen Frauen haben kaum Ressourcen, um für sich einzustehen, also braucht es andere, die ihre Interessen gesamtgesellschaftlich vertreten.
Es gelingt Asha Hedayati durch ihre eindringliche Wortwahl in kurzen Sätzen das Bild eines Staates zu zeichnen, der dem Leid vieler Frauen und Mütter wenig entgegensetzt. Es wird eingepreist, damit unsere kapitalistische, heteronormative Gesellschaft weiter funktioniert.
Es ist die wohl wichtigste Erkenntnis in dem Buch, dass Gewalt nicht nur hinter verschlossenen Türen passiert, sondern sich fortsetzt, weil der Staat nicht genug Geld in Prävention und Personal steckt und auch seine Institutionen nicht vor Rassismus und Misogynie gefeit sind. Leise und im Verborgenen wirkt sie, diese stille Gewalt, von der Hedayati berichtet.



