Juristische Texte wie Gesetze und Verträge sind oft schwer verständlich, selbst für Juristinnen und Juristen. Kognitionswissenschaftler des MIT haben untersucht, wieso gerade die Juristensprache (legalese) so kompliziert ist. Mit einer überraschenden Entdeckung: Juristensprache vermittelt eine gewisse Autorität – ähnlich wie Zaubersprüche, die durch ihren speziellen Klang und ihre altertümliche Wortwahl Macht symbolisieren.
Die MIT-Studie wurde Ende 2024 in Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Sie zeigt, dass sogar juristische Laien auf die juristische Sprache zurückgreifen, wenn sie gebeten werden, Gesetze zu formulieren. „Menschen verstehen anscheinend, dass es eine unausgesprochene Regel gibt, dass Gesetze so klingen sollen, und sie schreiben sie dann genau so“, erklärt Edward Gibson, Professor für Gehirn- und Kognitionswissenschaften am MIT und einer der Autoren der Studie.
Der Ursprung der juristischen Sprache
Der Ursprung der besonderen Sprachstruktur von Juristinnen und Juristen liegt dabei möglicherweise weiter zurück als erwartet. In einem der ersten Experimente, das 2022 durchgeführt wurde, analysierten Gibson und seine Kolleg:innen rund 3,5 Millionen Wörter aus juristischen Verträgen und verglichen sie mit anderen Textsorten wie Drehbüchern, Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Arbeiten. Sie fanden heraus, dass juristische Texte häufig lange Definitionen inmitten von Sätzen einfügten – ein Merkmal, das als „Centre Embedding“ bekannt ist.
„die Juristensprache hat sich irgendwie so entwickelt, dass Strukturen in andere Strukturen eingefügt werden, was nicht typisch für menschliche Sprachen ist“, sagt Gibson. Diese Struktur erschwert das Verständnis erheblich, da die Leser:innen sich ständig merken müssen, was im äußeren Satz passiert ist, während sie gleichzeitig den inneren Satz verstehen müssen.
In einer Folgeuntersuchung aus dem Jahr 2023 fanden die Forscher:innen heraus, dass diese komplexe Sprache sogar für Jurist:innen schwer verständlich ist. Viele Anwält:innen bevorzugen „Plain English“-Versionen von Dokumenten. „Anwältinenn und Anwälte finden juristische Sprache ebenfalls unhandlich und kompliziert“, sagt Gibson. „Anwält:innen mögen sie nicht, Laien mögen sie nicht, und deshalb wollten wir herausfinden, warum diese Texte trotzdem so verfasst werden.“
Die „Magic-Spell“-Hypothese
Die Forscher:innen hatten verschiedene Hypothesen, warum juristische Texte so komplex sind. Eine der ersten war die „Copy-and-Edit“-Hypothese. Diese besagt, dass juristische Dokumente in der Regel mit einer einfachen Grundlage beginnen und dann zusätzliche Informationen und Definitionen in bereits bestehende Sätze eingefügt werden. „Wir dachten, es sei plausibel, dass ein anfänglicher Entwurf einfach ist und dann später zusätzliche Bedingungen eingefügt werden, die es rechtfertigen, diese Sätze zu erweitern und in komplexe Strukturen zu verpacken“, erklärt Eric Martínez, Dozent an der Universität Chicago.
Die Ergebnisse deuteten jedoch auf eine andere Hypothese hin: die sogenannte „Magic Spell“-Hypothese. Genau wie Zaubersprüche eine besondere Sprachstruktur besitzen, die sie von der Alltagssprache abhebt, könnte auch die Juristensprache eine spezielle Autorität und Macht signalisieren. „In der englischen Kultur wissen die Menschen, dass ein Zauberspruch durch viele altmodische Reime erkennbar ist“, erklärt Gibson. „Wir denken, dass vielleicht das Centre-Embedding in der Juristensprache ähnlich funktioniert.“

Das Experiment: Das Schreiben von Gesetzen
Um diese Hypothesen zu testen, baten die Forscher:innen etwa 200 Laien, zwei verschiedene Textarten zu verfassen: Zunächst sollten sie Gesetze über Delikte wie Trunkenheit am Steuer, Einbruch oder Drogenhandel schreiben. Danach wurden sie gebeten, Geschichten über diese Verbrechen zu schreiben.
Die Ergebnisse zeigen, dass alle Teilnehmer:innen beim Schreiben der Gesetze Center-Embedded-Konstruktionen verwendeten, unabhängig davon, ob sie den Text auf einmal schrieben oder später bearbeiteten. Wenn sie jedoch Geschichten über diese Gesetze schrieben, verwendeten sie eine weitaus einfachere Sprache, die keine komplexen Satzstrukturen enthielt.
In einer weiteren Reihe von Experimenten sollten etwa 80 Teilnehmer:innen Gesetze verfassen sowie Erklärungen zu diesen Gesetzen für Tourist:innen schreiben. Auch hier verwendeten die Teilnehmer für die Gesetze komplexe Strukturen, nicht jedoch für die Erklärungen.
Warum bleibt die Juristensprache unverändert?
Obwohl es in den USA seit den 1970er Jahren immer wieder Versuche gab, juristische Texte in verständlicherer Sprache zu verfassen – angefangen bei Richard Nixons Deklaration, dass Bundesvorschriften in „Laienbegriffen“ verfasst werden sollten – hat sich die juristische Sprache kaum verändert. Der Grund dafür, so glauben die Forscher:innen, liegt in der tief verwurzelten Wahrnehmung, dass Gesetze auf eine bestimmte Weise formuliert werden müssen, um ihre Autorität und Macht zu bewahren.
„Wir haben erst vor kurzem herausgefunden, was die juristische Sprache so kompliziert macht. Daher bin ich optimistisch, dass wir sie in Zukunft ändern können“, sagt Gibson.
Die Forscher untersuchen nun die Ursprünge des Centre Embedding in Juratexten und wollen untersuchen, ob diese Struktur bereits in den frühen britischen Gesetzen oder sogar im Codex Hammurabi, dem ältesten bekannten Gesetzestext aus dem Jahr 1750 v. Chr., zu finden ist.
„Es könnte sein, dass es sich einfach um eine stilistische Eigenheit handelt, die in der frühen Gesetzgebung als erfolgreich galt und deshalb in anderen Sprachen übernommen wurde“, so Gibson.
Die „Magie“ der Juristensprache zu enthüllen, kann deswegen einen entscheidenden Schritt in Richtung einer klareren, verständlicheren und dennoch autoritären juristischen Sprache darstellen.
Fundstelle: https://findanexpert.unimelb.edu.au/
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