Bildung ist in Deutschland kostenlos. Zumindest in der Theorie. In der Praxis braucht man zum Leben (und Überleben) im nicht besonders kurzen Jurastudium allerdings mehr als nur Paragraphenwissen. Wonach man einen Nebenjob auswählen sollte, was der zum eigenen Career Capital beitragen kann, wie man einen solchen Job bekommt und was es neben der Arbeit noch für Möglichkeiten gibt, als Jura-Studi an Geld zu kommen – all das lest Ihr im Folgenden.
Wonach Du einen Nebenjob auswählen kannst
Die erste Frage, die sich auf der Suche nach einem Nebenverdienst stellt, betrifft die Absicht, die Du mit der Arbeit verfolgst. Soll es ein möglichst lukrativer Job sein, soll er neben dem anspruchsvollen Studium lieber so simpel wie möglich sein (eine Kombination aus beidem ist leider nicht so leicht zu finden), möchtest Du viel Neues lernen oder einfach mal etwas Ungewöhnliches ausprobieren?
Während eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft in einer Großkanzlei beispielsweise mit einem hohen Gehalt lockt, toppt in Sachen Einfachheit nichts den Job hinter der Bib-Theke, wo die größte Schwierigkeit häufig darin besteht, bis zum Feierabend wach zu bleiben. Wenn Du vor allem praktische Einblicke suchst, ist ein SHK-Job in einer Rechtsanwaltskanzlei ideal – je kleiner die Kanzlei, desto größer oft die Verantwortung und damit auch der Lerneffekt. Wenn es etwas Ungewöhnliches, fernab von den typischen Jura-Jobs oder dem Kellnern im Restaurant sein darf, dann überleg doch mal, ob ein Job über den Wolken, als Dolmetscher:in oder in der Lasertag-Arena etwas für Dich sein könnte!
Ist das Studium erst einmal überstanden, gibt es im Rechtsreferendariat noch deutlich mehr Möglichkeiten für einen Nebenjob. Denn immerhin hast Du jetzt bereits Dein erstes Staatsexamen in der Tasche. Damit kommt man im Ref dann auch mit den Justizberufen noch näher in Kontakt. Wusstest Du beispielsweise, dass Du den Sitzungsdienst für die Staatsanwaltschaft auch über die Strafstation hinaus übernehmen – und damit Geld verdienen – kannst? Auch die Tätigkeit als Richterassistent:in bzw. Justizassistent:in ist in einigen Bundesländern möglich. Du musst allerdings darauf achten, die strengen Vorgaben hinsichtlich eines Nebenjobs im Ref in zeitlicher und finanzieller Hinsicht nicht zu überschreiten, da Dir ansonsten die Unterhaltsbeihilfe gekürzt werden kann und andere negative Folgen drohen.
Was ein Nebenjob Dir bringt – außer Geld für den nächsten Urlaub
Neben dem zusätzlichen Geld für ein spaßiges Student:innenleben gibt es noch zahlreiche andere Gründe, einen Nebenjob anzufangen.
- Finanzielle Unabhängigkeit: Viele Studierende verdienen mit einem Nebenjob zum ersten Mal selber Geld und können sich somit unabhängig von ihren Eltern das eigene Leben finanzieren. Das bringt nicht nur einen enormen Ego-Boost, sondern legt auch den Grundstein, um den Rest des Lebens unabhängig von Partner:in und Staat zu verbringen.
- Berufserfahrung: Das Studium allein bereitet in der Regel nicht auf die praktische juristische Arbeitswelt vor, sondern lediglich auf das Lösen von fiktiven Fällen im Gutachtenstil. Beim Start ins Berufsleben können die Erfahrungen aus Studi-Jobs deshalb einen immensen Vorteil bieten.
- Berufswahl: In welche Richtung es karrieremäßig mal gehen soll, wissen manche schon vor Beginn des Studiums, andere finden es nach der Schwerpunktwahl heraus. Wenn Du noch nicht sicher bist, ob die Arbeit als Rechtsanwält:in, Richter:in oder In-House-Jurist:in etwas für Dich ist, dann kann ein Nebenjob im relevanten Bereich sehr aufschlussreich sein und mitunter mehr Einblicke bieten als ein kurzes Praktikum. Auch ein Aha-Moment („Das will ich mal nicht machen!“) ist wertvoll.
- Meet your hero: Hast Du einen Job gefunden, der Dir Spaß macht und zu Deinen Interessen passt, wirst Du automatisch jede Menge lernen und hast die Chance, von den Erfahrungen fortgeschrittener Jurist:innen zu profitieren. Solche Personen können Vorbilder werden und vielleicht sogar eine Mentor:innenrolle einnehmen – von so einer Individualbetreuung kann man im Studium nur träumen.
- Selbstwirksamkeit: Vielleicht kennst Du das Gefühl ja auch: das Jurastudium zieht sich schon einige Jahre und zwischen Hausarbeiten und Klausuren fühlt es sich nicht besonders gewinnbringend an, von früh bis spät im Hörsaal oder in der Bib zu sitzen. Praktisches Arbeiten stellt da nicht nur eine willkommene Abwechslung dar, sondern kann auch sinnstiftender wirken als das ständige Pauken. Sei es Mandatsarbeit oder Nachhilfe für benachteiligte Kinder – es ist schön, am Ende des Tages zu wissen, was man geschafft hat.
Wie Du an einen Nebenjob kommst
Da mir ein Verweis auf einschlägige Job-Portale und der Hinweis auf die Vorteile persönlicher Beziehungen zu potentiellen Arbeitgeber:innen überflüssig vorkommen, möchte ich stattdessen ein paar (Um-)Wege teilen, über die ich in Studienzeiten zu meinen Nebenjobs gefunden habe.
Zu Beginn meines Studiums brauchte ich (wie die meisten Studierenden) dringend Geld. Bei einem nächtlichen Streifzug durch diverse Bars überredete mich ein betrunkener Bekannter dazu, mich bei einer Content-Plattform zu bewerben, weil er gehört hatte, dass ich zuvor längere Zeit gebloggt habe. Gesagt, getan – und in den nächsten Monaten schrieb ich jeden Abend Werbetexte für alle möglichen Unternehmen, vom Menü einer kleinen Pizzeria bis hin zu Beschreibungen der Luxusfahrzeuge von Mercedes. In späteren Jobs konnte ich auf diese Erfahrungen regelmäßig zurückgreifen, wenn Aufgaben im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit anfielen.
Einer meiner AG-Leiter erzählte mir mal, er habe als Student in der Bibliothek der Fakultät gearbeitet – dreimal darfst Du raten, wer sich ab dem folgenden Semester dafür hat bezahlen lassen, hinter der Theke zu sitzen und fleißig an Hausarbeiten zu schreiben oder für die nächste Klausur zu lernen!
Was auch gut funktionieren kann: mit klugen Antworten beim Prof Eindruck schinden (Tipp: einfach mal das nächste Kapitel seines Lehrbuchs lesen und bei der folgenden Vorlesung schon wissen, worauf er mit seinem Fallbeispiel hinaus will) und dann einen Job am Lehrstuhl angeboten bekommen. Blöd ist nur, wenn dann coronabedingt kurz vor Vertragsbeginn die neue Stelle weggekürzt wird…
Zu meinem lehrreichsten Nebenjob bin ich über ein Pflichtpraktikum gekommen, für das ich mich bei diversen kleineren Kanzleien in meiner Heimatstadt beworben hatte, die im Asyl- und Migrationsrecht tätig waren. Offenbar genau zur richtigen Zeit, denn von einer dieser Kanzleien kam einen Tag später ein Anruf, es folgte ein kurzes Bewerbungsgespräch und ich sollte noch in der gleichen Woche anfangen. Aus dem für drei Monate geplanten Praktikum wurde eine 2,5-jährige Anstellung als wissenschaftliche Hilfskraft, während der ich mehr lernte als in meinem ganzen Studium. Meine damalige Chefin wurde bald zu meiner Mentorin, nahm mich in ihr Netzwerk auf und eröffnete mir vielzählige Möglichkeiten, meine Potentiale zu entdecken und zu entfalten. Sie ermutigte mich auch immer wieder, meine Arbeit und Recherchen in Blogbeiträge zu verwandeln, sodass ich schon als Studierende veröffentlichen konnte.
Wie Du sonst noch an Geld kommen kannst
Berufserfahrungen sind schön und gut, aber Nebenjobs sind bei Weitem nicht der einzige Weg, an Geld zu kommen. Wer nicht das Hobby zur Einkommensquelle macht und abends als Musiker:in, Standup-Comedian oä auf Bühnen Honorare verdienen kann, hat vielleicht einen Anspruch auf BaföG. Alternativ dazu bieten sich auch Studienkredite an, die teilweise sehr flexible Laufzeiten und Rückzahlungs-Modalitäten haben.
Eine oft übersehene Möglichkeit ist daneben der Bezug eines Stipendiums. Hier lohnt es sich, früh zu suchen, denn bei vielen Stiftungen kann man sich nur in den Anfangssemestern selbst bewerben oder von Professor:innen vorgeschlagen werden. Ob parteinahe oder politisch unabhängige Stiftung, Talentförderungsprogramm oder Deutschlandstipendium: der Vorteil liegt bei Stipendien klar darin, dass man das erhaltene Geld nicht zurückzahlen muss und mitunter eine enorme ideelle Förderung sowie Zugang zu einem großen Netzwerk anderer engagierter Studierender erhält.
Ganz ohne Bewerbungsstress und Papierkram hat sich eine Studentin das Studium finanziert, die ich bei einem Austauschseminar in Frankreich kennengelernt habe. Ihre Geldquelle erklärte sie wie folgt: „My dad is my bank“. Schade, dass diese „Förderung“ nicht für jede:n verfügbar ist…
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