Kennst Du den Spruch „It’s not what you know – it’s who you know.”? Sei es ein Praktikum, ein Nebenjob oder ein Ref-Platz bei der Lieblingskanzlei: an jede dieser Positionen kommst Du leichter, wenn Du die richtigen Kontakte hast. Früher hielt ich Vitamin B („B“ wie „Beziehungen“) für einen unfairen Vorteil privilegierter Jura-Studis, die in einem juristischen Elternhaus aufgewachsen sind oder sich von Freunden und Verwandten die Hausarbeiten haben schreiben lassen. Mittlerweile weiß ich: Netzwerken hat nichts mit Vetternwirtschaft zu tun – und es ist eine Fähigkeit, die man lernen kann. In Sachen Career Capital ist Dein Netzwerk neben dem juristischen Fachwissen oftmals unabhängig vom Background Dein größter Vorteil. Also: wozu solltest Du netzwerken und wie funktioniert das?
Warum Du schon im Studium ein professionelles Netzwerk aufbauen solltest
Wenn Du nicht das Glück (oder Pech?) hast, aus einer Jurist:innenfamilie zu kommen, ist vor allem der Start ins Studium meist ziemlich überfordernd. Plötzlich sollen Klausuren, Hausarbeiten und Seminararbeiten geschrieben werden, die mit den Aufsätzen aus Schulzeiten kaum vergleichbar sind. Da kann es ein enormer Vorteil sein, sich in den ersten Wochen mit fortgeschrittenen Studis oder sogar wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen zu vernetzen, die einem zu gegebener Zeit mit Tipps und Tricks zur Seite stehen und den Weg durch Paragraphen-Dschungel und Hochschul-Chaos weisen.
Nach dem Studium kommt irgendwann der Berufseinstieg. Trotz des anhaltenden Jurist:innenmangels sind die begehrtesten Jobs oft hart umkämpft. Die Konkurrenz zwischen Jurist:innen endet schließlich nicht mit der letzten Hausarbeit und dem letzten versteckten Buch. Um beim Karrierestart zu punkten, reicht es heutzutage nicht mehr, auf einen beeindruckenden Lebenslauf und gute Noten zu setzen – letztere bekommt in Jura ohnehin kaum jemand –, sondern neben dem rein fachlichen Wissen gewinnen Soft Skills und Kontakte zunehmend an Bedeutung. An beidem kannst und solltest Du schon während des Studiums arbeiten.
Wie funktioniert Networking?
Keine Sorge – Netzwerken heißt nicht, dass Du bei Sektempfängen den Anekdoten pensionierter Jurist:innen lauschen oder Visitenkarten jonglieren musst. Netzwerken beginnt im ersten Semester – in der Ersti-Gruppe, im Mentoring-Programm oder beim Kaffee nach der Arbeitsgemeinschaft. Wenn Du Dich mit anderen Studis gut verstehst, sind die Chancen schon mal höher, dass Du später weißt, an wen Du Dich wenden kannst, wenn Du an deiner ersten Hausarbeit verzweifelst oder eine Lerngruppe fürs Examen suchst.
In Seminaren, Summer Schools und Konferenzen hast Du oftmals die Möglichkeit, nicht nur Studis, sondern auch erfahrene Jurist:innen kennenzulernen. Beim Netzwerken gilt: Qualität über Quantität, also vergeude Deine Zeit nicht damit, Dich irgendwelchen Leuten vorzustellen, deren Jobs Dich in keinster Weise interessieren. Small-Talk oder eine hitzige Debatte über Dein Seminarthema mit jemandem aus einem Rechtsgebiet, für das Du selber brennst, können zu einem Gespräch werden, an das die Person sich erinnert, wenn sie irgendwann mal von einem Job hört, der für Dich interessant sein könnte. Zeig echtes Interesse und frag nach. Das bleibt hängen – nicht Dein perfekter Lebenslauf. Ein einfaches „Student:in XY hat sich mal damit beschäftigt, vielleicht wäre das ein gutes Match.“ kann im Bewerbungsprozess deutlich mehr bringen als 30 Initiativbewerbungen bei Unternehmen, die noch nie von Dir gehört haben.
Doch auch abseits vom Pflichtprogramm bietet die Studienzeit zahlreiche Möglichkeiten, sich mit Menschen zu vernetzen, die in dem Bereich tätig sind, in dem Du mal arbeiten möchtest oder die vielleicht jemanden kennen, der/die jemanden kennt… Praktika, Ref-Stationen, Nebenjobs, Stiftungen, Interessen- und Hochschulgruppen, Auslandsaufenthalte, Masterstudiengänge – all das sind Möglichkeiten, mit neuen Menschen in Kontakt zu treten, wertvolle Beziehungen aufzubauen und in den Austausch zu gehen. Im Zeitalter von Social Media sind Plattformen wie LinkedIn und Xing, aber auch Instagram und Co. nicht zu unterschätzen. Viele denken, dass LinkedIn nur was für (mittel-)alte Unternehmer:innen ist, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als mit ihren beruflichen Erfolgen anzugeben. Und diese Leute gibt es auch. Davon abgesehen ist es aber vor allem eine Plattform, die dazu einlädt, neue Kontakte zu Menschen mit ähnlichen beruflichen Zielen zu knüpfen, diese zu pflegen und sich gegenseitig im professionellen Rahmen zu unterstützen. Und zwar auch schon zu Studienzeiten! Ein gutes LinkedIn-Profil hilft dabei, sichtbar zu bleiben – und Gespräche über Events hinaus fortzusetzen.
Beispiele für wertvolle Networking-Erfahrungen
Klingt bisher alles noch ziemlich öde und Du bist nicht überzeugt, dass Du Dir jetzt schon Gedanken um so ein Thema machen solltest? Dann kommen hier ein paar meiner persönlichen Erfahrungen, die ich ohne mein Netzwerk nicht hätte machen können.
- Georgisch-Übersetzerin gesucht! Bei einer Summer School habe ich eine Masterstudentin kennengelernt, mit der ich mich auf Anhieb gut verstanden habe, weil sie aus Georgien kam, wo eine Bekannte von mir lebt. Wir wurden Facebook-Freunde (ja, Facebook gibt’s immer noch!) und zwei Jahre später saß ich während meines Praktikums in einer Anwaltskanzlei an einem Fall, bei dem wir ein Schreiben an ein georgisches Gericht schicken mussten, welches ausschließlich Post in Georgisch akzeptierte. Ich schrieb kurzerhand der Georgierin, die mittlerweile Rechtsanwältin war und mir wenige Minuten später den Kontakt eines befreundeten Übersetzers weiterleiten konnte. Meine Chefin hat nicht schlecht gestaunt!
- Von der ersten Veröffentlichung zum LL.M.-Studienplatz: Eine andere Summer School führte mich an die Uni, an der ich mittlerweile zwei LL.M.s absolviere, nachdem ich Insider-Tipps von einer PhD-Studentin erhielt, die mich nach besagter Summer School dazu ermuntert hatte, einen Beitrag für den dortigen Studierenden-Blog zu schreiben. Ich bin ziemlich sicher, dass dieser ein Pluspunkt war, als ich mich um den Studienplatz beworben habe!
- Mediationsausbildung – for free! Während meiner Zeit als wissenschaftliche Hilfskraft in einer Rechtsanwaltskanzlei stellte meine damalige Chefin mich regelmäßig wichtigen Menschen aus ihrem professionellen Netzwerk vor. Durch den Kontakt zur Vorsitzenden eines internationalen Mediationsnetzwerks erhielt ich dort nicht nur einen Praktikumsplatz, sondern durfte auch eine Mediationsausbildung absolvieren, für die andere einen nicht unerheblichen Preis zahlen mussten. In Sachen Career-Capital war das auf mehreren Ebenen ein großartiger Gewinn.
- Vom Moot Court zum Fachjournal: Die erfolgreiche Teilnahme an einem internationalen Moot-Court-Wettbewerb brachte mir nicht nur jede Menge neue Kontakt zu jungen Jurist:innen mit ähnlichen Interessen ein, sondern auch eine Mitgliedschaft in einer führenden Institution des Fachgebiets, die kurzerhand einen meiner Beiträge in ihrem Fachjournal veröffentlichte. Warum es sich lohnt, schon während des Studiums zu veröffentlichen, kannst Du übrigens hier lesen.
In der Jura-Welt gibt es zahllose fachliche Veranstaltungen zu jedem nur erdenklichen Themengebiet. Hast Du etwas gefunden, wofür Du brennst oder wo Du Dir später einen Berufseinstieg vorstellen kannst, dann sind solche Events nicht nur fachlich interessant, sondern auch menschlich. Wo sonst kommen so viele Personen zusammen, die sich für Dein Thema interessieren? Geh auf sie zu, stell Dich vor und schau, was passiert. Netzwerken bedeutet nicht, den perfekt einstudierten Elevator-Pitch in Bestzeit herzubeten, sondern spannende Menschen kennenzulernen und voneinander zu lernen. Und wenn das Gespräch in awkwardem Schweigen endet? Dann passt es menschlich vielleicht einfach nicht und Ihr müsst Euch hoffentlich nie wieder sehen!
Hier findest Du einige spannende Netzwerke, in denen Du Jura-Studierende mit ähnlichen Interessen und Hintergründen kennenlernen kannst.


