Zwischen Pflichtfachstoff und Passion – Vom Generalisten zum Profil

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Kaum ein Studium ist so vollgestopft mit Prüfungsstoff wie das Jurastudium. Von A wie a.l.i.c. bis Z wie Zwangsvollstreckung soll alles sitzen – in jedem Rechtsgebiet. Examenskandidat:innen werden zu wandelnden Kommentaren ausgebildet. Nur: Mit der juristischen Realität hat das wenig zu tun.

Frag mal eine Strafverteidigerin mit 30 Jahren Berufserfahrung, wie viele Klausurprobleme aus dem Immobiliarsachenrecht sie noch kennt. Wenn dieses Rechtsgebiet nicht zufällig ihr guilty pleasure ist, zu dem sie sich abends vorm Einschlafen beliest, dann wird ihr Wissensstand hier dürftig sein. Und das zu Recht: ihrer Mandantschaft würde es schließlich nicht weiterhelfen. Die erwarten von ihr dafür vertiefte Kenntnisse im Straf(prozess)recht, um in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation ein brauchbares Argument für die Angeklagten zu finden.

Warum es sich unter Umständen lohnt, schon im Studium über eine Spezialisierung nachzudenken, liest Du im Folgenden.

Pflichtfach-Allrounder vs. Spezialisierung – ein Dilemma

Sogenannte Wald- und Wiesenanwält:innen gibt es zu Hauf. Sie beraten und vertreten in allen möglichen Rechtsgebieten, können jedoch wegen der Breite ihres Angebots oftmals keine besonders ausgeprägte Expertise im jeweiligen Bereich anbieten. Diese Generalist:innen haben zu Unrecht ein verstaubtes Image. Schließlich sind sie gerade in ländlichen Regionen oft die einzigen Anlaufstellen für rechtliche Probleme – vom Mietvertrag bis zum Scheidungsrecht. Besonders in strukturschwachen Gegenden gibt es deutlich weniger Jurist:innen und die sollten ihre Mandantschaft möglichst in mehr als nur einem Rechtsgebiet beraten können. Wer breit aufgestellt ist, hat außerdem gerade in heutigen Zeiten gute Chancen, schnell umschwingen zu können, wenn ein Rechtsgebiet wegbricht oder ein neues aufkommt. Man denke beispielsweise an abnehmende Bußgeldsachen durch mehr autonomes Fahren oder an neue Herausforderungen durch den Einsatz von KI.

Abgesehen davon ist Jura jedoch ein hoch kompetitives Gebiet. An die begehrtesten Positionen kommt man mit bloßem „juristischen Allgemeinwissen“ selten ran – selbst Prädikatsexamina sind hier keine Garantie mehr. Was Dich wirklich von der Masse an Berufseinsteiger:innen abhebt, sind fundierte Kenntnisse in einem bestimmten Bereich, die du bestenfalls mit Zusatzqualifikationen nachweisen kannst. Deutschland liebt Zertifikate – und besonders in der Juristerei gelten Titel, Nachweise und Urkunden oft als Karriere-Booster.

Noch im Studium den Fokus finden

Eine Spezialisierung in einem bestimmten Fachbereich kann ein ausschlaggebender Punkt für Deinen beruflichen Werdegang sein – und beginnt nicht erst mit dem Fachanwaltstitel nach der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft (sowie entsprechender Lehrgänge und Praxiserfahrung), sondern schon im Studium. Neben den üblichen Pflichtfächern kann schon die Wahl Deines Schwerpunktbereichs ein erster Schritt sein. Von Medizinstrafrecht bis Nachhaltigkeit bieten Unis eine breite Palette an Vertiefungsmöglichkeiten an. Und auch über die regulären Vorlesungen hinaus halten viele juristische Fakultäten diverse Vertiefungsmöglichkeiten für Studierende bereit – seien es Seminare, Moot Courts, Schlüsselqualifikationen oder interdisziplinäre Projekte. Ich selbst habe früh das Völkerrecht und einen menschenrechtlichen Schwerpunkt für mich entdeckt. Während des Studiums habe ich deshalb nicht nur an drei verschiedenen Moot Courts im Völkerrecht teilgenommen, sondern bin auch im Rahmen diverser Auslandsseminare mit entsprechenden thematischen Bezügen nach Spanien, Italien, Frankreich und sogar Indonesien gereist – alles auf Kosten der Uni oder durch die finanzielle Unterstützung der EU.

Engagement statt Bequemlichkeit

Natürlich werden solche Veranstaltungen nicht in jedem Themenbereich und an jeder Uni angeboten. Doch auch neben dem Studium haben Studierende zahlreiche Möglichkeiten, ihren Horizont zu erweitern und sich in Themen zu spezialisieren, die ihnen besonders am Herzen liegen. Wenn Du nicht gerade von Gruppenpraktika bei Gericht träumst, dann empfehle ich, die ohnehin abzuleistenden Pflichtpraktika in einem Gebiet zu absolvieren, das Dich wirklich interessiert. Einen entsprechenden Platz zu bekommen, ist gar nicht so einfach, aber von den oft frustrierenden Bewerbungsprozessen kannst Du schon viel für den späteren Berufsstart lernen. Statt im Restaurant zu kellnern, kannst Du auch gezielt nach einem Nebenjob in Deinem Interessengebiet suchen und erste Berufserfahrungen sammeln, die Dir später einen echten Vorteil bieten.

Alles, was Du über Nebenjobs im Jurastudium wissen musst, kannst Du hier lesen.

Wenn Du eher ein Ehrenamt in Erwägung ziehst, dann könnte auch die Arbeit in einer Law Clinic was für Dich sein. Dort beraten Studierende ehrenamtlich ganz unterschiedliche Mandant:innen unter der Supervision erfahrener Jurist:innen. Von Ausländerrecht über Mietrecht bis hin zu feministischen Themen – die Bandbreite der Spezialisierungen wächst und bietet immer mehr Studierenden die Möglichkeit, praktische Erfahrungen in spannenden Gebieten zu sammeln und dabei noch Menschen zu helfen. Neben der Ausbildung zur ehrenamtlichen Rechtsberaterin kannst du auch Weiterbildungen absolvieren, z. B. in Mediation, Legal Tech oder Kommunikation.

Dir ist es wichtiger, erstmal fundiertes theoretisches Wissen anzuhäufen, bevor es in die Praxis geht? Dann könnten Summer Schools etwas für Dich sein. Dort kommen Studierende und erfahrene Expert:innen zusammen und beschäftigen sich über einen längeren Zeitraum mit spezifischen Themen aus allen erdenklichen Fachbereichen. Neben Vorlesungen steht oft auch das Netzwerken im Mittelpunkt. Denn wenn Du erst einmal weißt, was Dich thematisch interessiert, dann gilt es, Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen, die später vielleicht sogar Deine Kolleg:innen oder Vorgesetzten werden. Solche Events gibt es natürlich auch nach dem Studium noch – dann heißen sie Konferenzen und wirken nicht mehr ganz so entspannt und spaßig wie Summer Schools.

Noch tiefer graben: Ref., LL.M. und Co.

Ist das Studium vorbei, eröffnen sich Dir neue Möglichkeiten, Dich zu spezialisieren und von den künftigen Wald- und Wiesenanwält:innen zu unterscheiden. Zum Beispiel empfiehlt es sich, die Anwalts- und Wahlstationen im Referendariat spezifisch nach den eigenen Interessen auszuwählen. Alternativ (oder zusätzlich) kannst Du auch ein LL.M.-Studium absolvieren, um Dein Wissen weiter zu vertiefen. Wenn Du schon viel Spezialwissen in einem Themenbereich hast, kannst Du auch in Erwägung ziehen, am akademischen Diskurs teilzunehmen. Zwar können auch Studis veröffentlichen, aber mit dem ersten Examen stehen dann auch die Türen größerer Verlage und Fachzeitschriften offen. Und wem das alles nicht reicht, der:die kann natürlich auch eine Promotion in Betracht ziehen. Neben der fachlichen Vertiefung bieten Zusatzstudium und Dissertation natürlich auch noch den weiteren Vorteil eines Titels, der bei Arbeitgeber:innen mancher Branchen heutzutage oft ein ausschlaggebendes Kriterium ist.

Wald und Wiese oder Trampelpfad zum Wunschberuf?

Es gibt also zahllose Möglichkeiten der Spezialisierung. Die entscheidende Frage ist, welche die richtige für Dich ist. Du weißt noch nicht, wofür du brennst? Das geht im Studium vielen so. Der Spruch „Mit Jura stehen Dir alle Türen offen“ stimmt – nur zeigt Dir niemand, welche davon Du öffnen solltest. Mir hat es immer geholfen, ein (vages) Ziel vor Augen zu haben – anders hätte ich mich besonders während der Examensvorbereitung nicht motivieren können. Manche können so gut wie jedem Thema im Jurastudium etwas abgewinnen und möchten lieber breit aufgestellt sein. Anderen hilft es, verschiedene Bereiche auszuprobieren und mit der Zeit herauszufinden, welches das eine Thema ist, mit dem sie sich mehr beschäftigen wollen und was ihnen vielleicht überhaupt nicht liegt. Einige finden ihre Leidenschaft früh, andere erst im Ref, wieder andere auf vielen Umwegen. Es ist okay, wenn Dein Pfad noch nicht zu einem konkreten Ziel führt. Aber fang an, ihn zu gehen.

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Josephine Götze
Josephine Götze
Josephine Götze ist Diplomjuristin und absolviert zwei LL.M.-Studiengänge in International Human Rights Law und Legal Research an der University of Groningen.

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