Die monatliche Kolumne über das Durchfallen im Staatsexamen von Frida Fortun.
Hier geht es zu Teil 1: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Die Erkenntnis”
Hier geht es zu teil 2: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Einsicht – kein Weg zur Besserung?!”
Hier geht es zu Teil 3: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Halbzeit”
Hier geht es zu Teil 4: “Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Ende des Ergänzungsvorbereitungsdienstes”
Hier geht es zu Teil 5: „Zweites Staatsexamen, zweiter Anlauf: Auf der anderen Seite“
Hier geht es zu Teil 6: „Zweifel, Sorgen, Ängste“
Hier geht es zu Teil 7: „ICH HABE BESTANDEN!“
Hier ist es: Das happy-end dieser Kolumne, für das ich zu gerne eine Garantie gehabt hätte. Ich bin Volljuristin! Der Marathon mit Ehrenrunde, er ist vorbei. Ein kurzer Händedruck, drei Prüfer:innen die lächeln, gegenseitige Gratulationen, eine große Tür, die ins Schloss fiel und meine Liebsten, die auf mich warteten. Da war der Moment, auf den ich so lange hingearbeitet habe: Ich konnte auf mich selbst anstoßen, auf mein eigenes zweites Staatsexamen. Diesmal habe ich bestanden. Das kann mir keiner mehr nehmen.
Aber spulen wir erst einmal zurück.
Besuch einer mündlichen Prüfung
Im Monat vor meiner eigenen Prüfung habe ich im Justizministerium bei einer mündlichen Prüfung zugehört. Die Terminbuchung erfolgt über die Seite des Justizministeriums. Ich habe mir davon versprochen, die Abläufe besser kennen zu lernen und so entspannter in meine eigene Prüfung zu gehen. Durch das Zuhören bei einer mündlichen Prüfung verpflichtet man sich nicht dazu, selbst Zuhörer:innen dabei zu haben. Es kann einem unabhängig von der Teilnahme passieren, dass eine Gruppe mit im Raum sitzt und die Prüfung mitverfolgt. Wir konnten bis zur Notenverkündung anwesend sein und hörten uns die Aktenvorträge sowie die Prüfungsgespräche an. Von der Bekanntgabe der Noten mit kurzer Begründung wurden wir ausgeschlossen – sodass wir am Ende tatsächlich nicht richtig einordnen konnten, welchen Noten die Leistungen entsprachen, die wir gesehen haben. Was mir jedoch nachhaltig im Gedächtnis blieb, war, dass die Kanditat:innen bei den Aktenvorträgen, so unterschiedlich ihre Lösungen auch waren, immer etwas zu berichten hatten. Alle konnten den Sachverhalt einer vertretbaren Lösung zuführen und eine plausible rechtliche Würdigung vortragen.
Auch die Prüfungsgespräche nahmen mir etwas Angst: Hier zeigte sich ebenfalls, dass die Fälle und Fragen machbar waren und trotz Leistungsunterschieden niemand auf der Strecke gelassen wurde. Die Kommission von diesem Tag machte insgesamt einen wohlwollenden Eindruck. In Pausen ohne Beratungen durften wir den Prüfer:innen Fragen stellen. Ehe wir uns versahen war der Tag auch schon wieder vorbei – und alle Kanditat:innen (verbesserte) Volljurist:innen.
Ladung und Vorbereitung
Ich wartete nicht auf meine Ladung, um mit der Wiederholung zu beginnen. Doch statt der erhofften strukturierten Wiederholung von allem, was ich die letzten zweieinhalb Jahre gelernt habe, war es mehr ein nervöses Kreisen um meinen eigenen Kenntnisstand und Beruhigen meines Gewissens. Ich hatte einen Plan – erstellt mit JuraFuchs – um nochmal Stoff durchzuarbeiten und mich vor allem auf die nicht-protokollfesten Prüfer:innen vorzubereiten. Außerdem habe ich Aktenvorträge geübt. Sowohl alleine, indem ich mich beim Vortragen selbst aufgezeichnet und meinen Vortrag mit der Lösung des LJPA abgeglichen habe, als auch mit Freund:innen, denen ich Vorträge hielt. Am Ende hatte ich trotzdem das Gefühl, nicht genug zu wissen. Vielleicht war das mein eigentlicher Kampf, der jetzt so richtig an die Oberfläche kam: Nicht nur gegen das Vergessen, sondern auch gegen die Gedanken, ich könnte nicht gut genug sein. Wobei ich nicht weiß, ob man in Jura jemals genug vorbereitet sein kann.
Mit der Ladung, die plötzlich im E-Mail-Postfach war, bekam alles eine neue Dringlichkeit. Neben meine Routine trat Ernst und auch ein wenig Vorfreude darauf, dass das Ende nun ein Datum hatte. Von da an gab es zum ersten Mal Momente, in denen ich so richtig realisierte, wie weit ich gekommen bin und dass zwischen mir und meinem zweiten Staatsexamen „nur noch“ ein paar Stunden Prüfung standen.
Der Tag der Mündlichen ist da
Ich war schon wach, als mein Wecker klingelte. Prüfungstag. Meine Klamotten hingen bereit, meine Tasche war gepackt. Nur noch meinen Kopf musste ich sortieren. In den Protokollen der Prüfer:innen, vor allem im Abschnitt Vorgespräch, fand sich nichts zum Wiederholungsversuch. Trotzdem habe ich damit gerechnet, im Vorgespräch darauf angesprochen zu werden, da aus den Akten ersichtlich ist, dass ich im EVD war. Ich habe mir sogar Sätze parat gelegt, um nicht von der Situation überrumpelt zu stottern. Zum Beispiel, dass ich selbstverschuldet in diese Situation geraten bin und daher selbstverantwortlich einen guten Abschluss herbeiführen möchte. Im Vorgespräch kam es natürlich anders. Ich hätte mich im Vergleich zum Erstversuch gut verbessert, hieß es. Was mein Ziel für heute sei? Wo ich beruflich hin möchte? Wie ich in die Situation des Wiederholungsversuchs kam, spielte keine Rolle. Das gab mir ein gutes Gefühl.
Der Aktenvortrag lief nicht gut, aber ich versuchte, nach vorne zu schauen. Die anschließenden Prüfungsgespräche waren sehr schnell vorbei. Ob alles von außen betrachtet genauso machbar war, wie ich es als Zuhörerin empfand? Wahrscheinlich. Aber uns begleitete Nervosität. Die Fragen waren mal freundlich, mal gezielt, mal gnadenlos. Ich hatte den Eindruck, die Prüfer:innen bekamen alles mit: Antworten, Argumente, zittrige Hände, nervöses Blättern im Gesetz. Nach den Gesprächen sind mir bessere Antworten und Argumente eingefallen. Das zählte nicht mehr. Aber es hat auch so gereicht. „Bevor ich die Noten verkünde, kann ich mitteilen, dass Sie alle bestanden haben – Herzlichen Glückwunsch!“, sagte der Vorsitzende. Freude machte sich breit, gefolgt von Enttäuschung über einzelne Leistungen. Ich habe versucht, meiner Frustration keinen Raum zu geben, gleichwohl habe ich verstanden, dass es eine Gleichzeitigkeit an Freude und Frustration geben darf. Ein kurzer Händedruck, drei Prüfer:innen die lächeln, gegenseitige Gratulationen, eine große Tür, die ins Schloss fiel und meine Liebsten, die auf mich warteten – der Sekt schmeckte besser denn je und es roch nach einem neuen Leben, während wir draußen vor dem Justizministerium standen und jubelten.
Am Ende bleibt ein Gefühl, dass ich nur schwer in Worte fassen kann: große Erleichterung und neugewonnene Freiheit.
Ich habe kein Prädikatsexamen. Keinen Notensprung. Aber ich habe vor allem mir selbst gezeigt, wie viel Durchhaltevermögen ich habe, wie viel ich Ehrgeiz, mein Ziel nicht aufzugeben, auch wenn der Weg holprig ist. Ich bin resilient, auch in schlechten Zeiten. Und vielleicht ist das das beste Prädikat von allen.
Blick nach vorne
Nicht am nächsten Tag, aber kurze Zeit später fand mein Gespräch bei der Agentur für Arbeit statt. Dort sprachen wir über meine Zukunftsvorstellungen, Vermittlungsangebote, Job-Portale, Schlagwörter und über sonstige Wege, über die ich einen Job finden könnte. Eigene Kanzleigründung? Für mich nur Plan C. Die Mitarbeiterin sprach von einem „Kollegen“ von mir, einem Rechtsanwalt. Mehr als am Tag der Mündlichen wurde mir da klar: Ich werde Rechtsanwältin sein! Und mein zweiter Anlauf hoffentlich nur noch eine Nebenrolle. Zuerst steht aber mein lang ersehnter und mehr als nötiger Urlaub an.
Danke, dass ihr mitgelesen und vielleicht auch mitgefiebert habt. Als ich vor fast einem Jahr angefangen habe, diese Kolumne zu schreiben, wollte ich vor allem beleuchten, wie es ist durchzufallen und wie der Weg nach dem Nichtbestehen verläuft. Ich wollte Mut machen, obwohl ich manchmal selbst kaum welchen hatte. Ich wollte über meine Erfahrungen berichten, einen ehrlichen Einblick geben, zeigen, dass es weiter geht. Egal, wie. Ich hoffe, das ist mir gelungen.
Ein großes Dankeschön geht raus an Jannina & die JURios Redaktion. Danke, dass ihr mir diese Möglichkeit gegeben habt. Danke für eure Geduld mit mir. Danke für eure Unterstützung.
Nicht bestehen ist nicht das Ende. Zu bestehen übrigens auch nicht: jetzt fängt mein Berufsleben an. Dazu aber vielleicht bald mehr.
Eure Ass. iur. Frida


