Was ist dran an der Behauptung, dass Corona und KI zu einer „Jobocalypsie“ bei den juristischen Einstiegsberufen geführt hat? Ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt: Die juristische Ausbildung in Großbritannien trotzt dem allgemeinen Trend der Einstellungsrückgänge bei jungen Absolvent:innen.
Zumindest in Großbritannien zeigt sich der juristische Arbeitsmarkt erstaunlich robust. Die Zahl der angebotenen Training Contracts (TCs) – also der zweijährigen Ausbildungsplätze für angehende Solicitors – liegt weiterhin über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Zwar gab es in den letzten beiden Jahren einen leichten Rückgang, doch von einem strukturellen Einbruch kann keine Rede sein. Das berichtet der Blog LegalCheek und bezieht sich auf eine Umfrage unter den Großkanzleien Londons.
Zahlen, die Hoffnung machen
Die aktuelle Analyse basiert auf Daten von 67 führenden Kanzleien der Londoner City, die seit 2019 durchgehend auf der Legal Cheek Firms Most List vertreten sind. Diese Kanzleien stellen einen erheblichen Anteil der Ausbildungsplätze im Bereich Corporate Law und bieten jährlich Tausende Training Contracts an.
Im Detail zeigt sich ein bemerkenswerter Trend: Im Bewerbungszyklus 2019 wurden insgesamt 1.961 TCs angeboten. Bis zum Zyklus 2024 stieg diese Zahl auf 2.267 – ein Plus von rund 16 Prozent. Für den aktuellen Zyklus 2026, der im Herbst 2025 begann, liegt die Zahl bei 2.093. Das entspricht einem Rückgang von knapp 8 Prozent gegenüber dem Höchststand, aber immer noch einem deutlichen Plus im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie.
Zwischen 2021 und 2023 verzeichnete der Markt sogar einen regelrechten Boom: Die Zahl der TCs stieg um mehr als 10 Prozent, mit dem größten Sprung zwischen 2022 und 2023 – von 2.077 auf 2.235. Diese Entwicklung spiegelte die damals florierenden Transaktionsmärkte wider, in denen Kanzleien ihre Legal Teams aufstockten, um Schritt zu halten.
Die letzten beiden Jahre zeigen eine sanfte Korrektur: 2025 sank die Zahl der TCs um 4,94 Prozent, 2026 um weitere 2,88 Prozent. Das deutet darauf hin, dass sich der Markt nach einer Phase des post-pandemischen Optimismus nun auf ein neues Gleichgewicht zubewegt. Ob sich die Zahlen künftig stabilisieren, weiter sinken oder wieder steigen, bleibt abzuwarten.
Diese Entwicklung steht im Kontrast zu anderen Branchen, in denen die Einstellungszahlen für Absolvent:innen teils drastisch zurückgegangen sind. Die juristische Ausbildung scheint sich dem allgemeinen Trend zu entziehen – zumindest in der Corporat-Law-Welt Londons bislang. Über kleine Kanzleien und andere juristische Berufe sagt die Studie nichts aus.
Ursachen: Corona-Hoch und KI
Die leichte Abwärtsbewegung seit 2024 lässt sich mit mehreren Faktoren erklären. Zum einen herrscht wirtschaftliche Unsicherheit, die sich auch auf die Personalplanung der Kanzleien auswirkt. Zum diskutieren Expert:innen den Einfluss von Künstlicher Intelligenz, die zunehmend einfache juristische Tätigkeiten übernimmt und damit theoretisch zu einem Rückgang der Einstellungszahlen junger Associates führen könnte. Allerdings zeigt sich nach der Studie bislang kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Einsatz von KI und einem Rückgang der TCs.
Ein weiterer Faktor ist der Aufschwung der Solicitor Apprenticeships – ein alternativer Ausbildungsweg für Schulabgänger:innen in Großbritannien. Laut Legal Cheek bieten derzeit 41 Kanzleien insgesamt 194 solcher Ausbildungsplätze an. Diese Entwicklung könnte dazu führen, dass Kanzleien ihre klassischen Graduate-Intakes neu ausbalancieren. Rechnet man die Apprenticeships zu den TCs hinzu, ergibt sich sogar ein Rekordhoch bei den Einstiegspositionen im Bereich Corporate Law. In Deutschland gibt es einen solchen alternativen Karrierepfad nicht. Angehende Anwält:innen müssen zwingend das zweite Staatsexamen ablegen.
Jobocalypsie bleibt aus
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei US-Kanzleien mit Präsenz in London. Einige von ihnen haben ihre Ausbildungszahlen sogar verdoppelt. So stieg die Zahl der TCs bei Sullivan & Cromwell von sechs im Jahr 2019 auf zwölf im Jahr 2026. Ropes & Gray legte von sieben auf 15 zu. Auch neue Player wie Paul Weiss mischen mit und bieten inzwischen jährlich zwölf TCs an.
Demgegenüber zeigen die traditionellen Schwergewichte der Magic Circle-Kanzleien ein eher stagnierendes Bild. Linklaters hält konstant rund 100 TCs pro Jahr, Clifford Chance schwankt zwischen 95 und 110, Freshfields zwischen 80 und 100. Das deutet auf eine gewisse Zurückhaltung bei den etablierten Großkanzleien hin, während die US-Firmen ihre Marktanteile ausbauen.
Die vielbeschworene „Jobocalypsie“ scheint im juristischen Bereich bislang ausgeblieben zu sein. Die Zahlen aus Großbritannien lassen sich dabei zwar nicht direkt auf Deutschland übertragen, zeigen aber, dass KI bisher die juristische Tätigkeit nicht in dem Umfang übernimmt, wie allgemeinhin befürchtet wurde. Es könnte aber sein, dass sich dies in den nächsten Jahren durchaus noch ändern wird.


