Der Richter, der seine Stimme verlor – schottischer Richter nutzt Text-to-Speech im Gerichtssaal

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Ein schottischer Richter verlor aufgrund einer Erkrankung seine Stimme. Doch die Karriere von Alastair Carmichael ist noch lange nicht vorbei. Der Richter aus Dundee – der in Schottland auch Sherriff genannt wird – nutzt modernste Sprachtechnologie, um im Gerichtssaal trotzdem verbal verhandeln zu können.

Wenn Sheriff Alastair Carmichael den Gerichtssaal 4 des Dundee Sheriff Court betritt, folgt alles der gewohnten Routine: Der Gerichtsschreiber ruft „Court rise“, alle erheben sich, und der Richter nimmt seinen Platz auf der Bank ein. Doch was danach geschieht, ist alles andere als gewöhnlich.

Die Urteile und Anweisungen, die der Richter spricht, stammen nach wie vor von ihm selbst. Doch die Stimme, die sie übermittelt, ist nicht seine echte Stimme. Es handelt sich um eine computergenerierte, synthetische Version, die aus Aufnahmen seiner ursprünglichen Stimme besteht – bevor die unheilbare Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), auch als Motoneuronerkrankung (MND) bekannt, ihm seine Stimme nahm.

Der Kampf gegen die Krankheit

ALS ist eine fortschreitende und unheilbare Krankheit, die die Nerven angreift, die für die Bewegungssteuerung verantwortlich sind. Sie beeinträchtigt die Muskelkontrolle, wodurch grundlegende Körperfunktionen wie Sprechen und Schlucken zunehmend erschwert werden. Im Fall von Sheriff Carmichael begann die Krankheit mit einem leichten Lispeln, das er zunächst nicht ernst nahm. Doch im Mai 2023 stellte sich heraus, dass dies ein Vorbote für ALS war. „Meine Stimme war der erste Hinweis, dass etwas nicht stimmt“, erzählt der Richter den britischen Medien.

Für viele wäre die Diagnose ein Grund gewesen, sich aus der Arbeit zurückzuziehen, doch nicht für Carmichael. Stattdessen entschloss er sich, seine juristische Karriere so lange es geht fortzusetzen. „Ich habe fast mein ganzes Erwachsenenleben im öffentlichen Dienst verbracht. Es ist mir wichtig, so lange wie möglich weiterzuarbeiten“, sagt er.

Synthetische Stimme wechselt zwischen Akzenten

Um seine Arbeit fortzusetzen, griff Sheriff Carmichael auf modernste Technologie zurück. Gemeinsam mit dem MND-Team von NHS Tayside und den Spezialisten von SpeakUnique nahm er Aufnahmen seiner eigenen Stimme auf, solange er noch sprechen konnte. Diese Aufnahmen wurden genutzt, um eine personalisierte Sammlung von Phrasen zu erstellen, die Carmichael nun in Echtzeit in den Gerichtssaal übertragen kann.

„Die Herausforderung bestand darin, meine Stimme zu bewahren, so gut es ging“, erklärt er. Die Technologie, die er heute nutzt, basiert auf einem Text-to-Speech-System, das es ihm ermöglicht, Urteile und Anweisungen in seiner synthetisierten Stimme wiederzugeben. „Es gab eine Zeit, in der sich meine Stimme regelmäßig zwischen verschiedenen Systemen wechselte, und es kam vor, dass plötzlich ein amerikanischer Akzent zu hören war, was sehr verwirrend war“, erinnert sich Carmichael schmunzelnd. Ein neues System, entwickelt vom IT-Team der schottischen Gerichte, verwendet nun „George“, eine britische Stimme, die der Richter mittlerweile als „kultiviert und anspruchsvoll“ bezeichnet.

Trotz der fortschreitenden Krankheit und der unvermeidbaren Herausforderungen bleibt Sheriff Carmichael humorvoll und pragmatisch. „Manchmal weiß ich nicht, welche Stimme als nächstes kommen wird“, erklärt er den Geschworenen und sorgt so für ein leichtes Lächeln im Gerichtssaal.

Die technische Lösung stellt Richter Charmichael jedoch auch vor neue Herausforderung. Er muss plötzlich live im gerichtsaal sehr schnell tippen, ansonsten Spuckt die IT-Lösung keine Sprache aus. „Du musst darauf vertrauen, dass du auch mit unerwarteten Situationen umgehen kannst“, sagt er. Fehler sind unvermeidlich, doch Carmichael nimmt sie mit einer bemerkenswerten Gelassenheit. Einmal habe er versehentlich einen Zeugen mitten in einer Befragung entlassen, weil er die falsche Taste gedrückt hatte. „Das ist wie das falsche Wort mit der eigenen Stimme zu sagen“, so Carmichael, „man korrigiert es einfach und macht weiter.“

Unterstützung durch Gerichtskollegen

Sheriff Principal Gillian Wade, die das Gericht von Dundee beaufsichtigt, erzählt, wie fest entschlossen ihr Kollege gewesen sei, weiterzumachen. „Er wollte so lange wie möglich weitermachen, und das hat er auch getan“, sagt sie. Abgesehen von ein paar wenigen Tagen, an denen er aufgrund medizinischer Termine ausfiel, hat Carmichael keine Auszeit wegen seiner Krankheit genommen.

„Was mich wirklich beeindruckt hat“, fügt Wade hinzu, „ist seine Einstellung. Er hat nie aufgegeben, auch nicht in den schwersten Momenten. Er hat sich immer weiter dem Gericht gestellt und die Verantwortung getragen.“

Außerhalb des Gerichtssaals bleibt Sheriff Carmichael aktiv. Er spielt weiterhin Golf und hält an seinen Routinen fest, soweit es seine Krankheit erlaubt. „Ich frage mich oft, was die Krankheit mit mir und meiner Familie machen wird“, gesteht er. „Vielleicht vermeide ich die düstere Realität, aber das ist nicht etwas, worüber ich viel nachdenke. Stattdessen versuche ich, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen.“

Sheriff Carmichael ist weltweit wohl der einzige Richter der Welt, der strafrechtliche Verfahren mit Hilfe von Text-zu-Sprache-Technologie leitet. Diese Technologie hat ihm ermöglicht, seine Pflicht als Richter weiterhin auszuführen, obwohl seine körperlichen Fähigkeiten zunehmend eingeschränkt werden. „Es war niemals mein Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt er bescheiden. „Aber wenn mein Beispiel anderen Menschen mit einer ähnlichen Diagnose oder deren Arbeitgebern hilft, dann ist das etwas, was mir große Freude bereitet.“

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