Post, die man gerne öffnet: „Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“ (Rezension)

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Es gehört zu den eher traurigen Errungenschaften unseres digitalen Zeitalters, dass der Briefkasten kaum noch etwas enthält, worüber man sich freuen kann. Zwischen Beitragsbescheiden, Rechnungen und nerviger Werbung sind handgeschriebene Briefe längst eine bedrohte Art geworden. Die Zeiten, in denen man sehnsüchtig auf persönliche Zeilen gewartet hat, sind vorbei; diese Zeilen rauschen inzwischen als Push-Mitteilungen über den Bildschirm.

Und doch gibt es Briefe, die man gern empfängt. Das pünktlich zum Wintersemester im Beck-Verlag erschienene Buch „Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“ (Gostomzyk/Jahn/Becker-Toussaint) gehört zu diesen seltenen Ausnahmen. Keine Post, die Druck macht, sondern eine Einladung, den eigenen Weg in der Juristerei neu zu denken.

Jede:r Jurastudent:in kennt folgendes Szenario: Man sitzt spätabends am Schreibtisch, mit schwerem Kopf und müden Augen; und irgendwo zwischen all den Streitständen und Definitionen taucht eine Frage auf, die sich nie richtig beantworten lässt:

„Wofür mache ich das eigentlich alles?“

Genau an diesem Punkt setzen die neuen Briefe an junge Juristinnen und Juristen an. Der neue Band knüpft an das bekannte Werk „Briefe an junge Juristen“ an und führt die bekannte Tradition fort. Diesmal jedoch mit einem vielfältigeren Ansatz. Hier wurde auf einen bunten Strauß an Autor:innen gesetzt: Von der Rechtsfluencerin über den Bundesliga-Schiedsrichter bis zum ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht. Es werden nicht nur makellose Lebensläufe abgebildet, sondern auch die Erzählungen von Menschen, deren familiäre Geschichte weniger von Generationen voller Juristen, als von Krieg, Flucht oder sozialen Brüchen geprägt ist. Diese Perspektiven fehlen in der juristischen Literatur sonst gerne; umso erfrischender ist es, dass sie hier eine Stimme bekommen haben.

Ich habe die insgesamt 33 Briefe nicht am Stück verschlungen, sondern mir jeden Abend einen vorgenommen. Gerade dann, wenn die To-Do-Liste länger ist als der Tag, war der Blick in diese kurzen Briefe wie eine willkommene Ablenkung. Sie sind knapp genug, um ohne Mühe gelesen zu werden, aber auch ausführlich genug, um nicht in einen unauthentischen Karriereratgeber abzurutschen. Viele von ihnen fühlen sich tatsächlich wie echte Briefe an; persönlich, direkt, ungefiltert und damit nicht wie auf Hochglanz polierte Auszüge aus ausgewählten Lebenswerken.

„Es geht auch ohne Villa…“ – Biografien, die Mut machen

Einer der besonders nachhallenden Briefe ist für mich der Beitrag des Trierer Universitätsprofessors Mohamad El-Ghazi. Wenn er schreibt: ,,Wer gleichberechtigt am Leben in Deutschland teilhaben möchte, sollte seine Rechte kennen. Deshalb wollte ich Jurist werden“, dann trifft er damit einen Punkt, der im juristischen Diskurs oft untergeht: Hilflosigkeit als Ausgangspunkt der Rechtsbildung. Dass El-Ghazi beharrlich seinen Weg durch ein System gegangen ist, das für manche leichter, für andere aber ungleich schwerer zugänglich ist, macht seinen Brief zu einem der stärksten des gesamten Bandes. Er zeigt: Juristerei kann auch dann gelingen, wenn man sie sich erkämpft.

Auch der Brief von Martina Flade fiel mir sofort ins Auge. Ich kannte sie bereits aus den sozialen Medien, doch der Ton ihres Schreibens hat mich überrascht. Statt von Hochglanz-Juristerei erzählt sie von Stress, Überforderung und dem Verlust des eigenen Ichs im Richterberuf. Es ist selten, dass juristische Karrieren nicht im Modus des Triumphs, sondern in dem der Verletzlichkeit geschildert werden.

Eine ihrer zentralen Aussagen „Wo hätte ein Kind in meinem Leben Platz gefunden, wenn nicht einmal ich selbst darin Platz hatte?“ ist dabei eine dieser Formulierungen, die mich zum Nachdenken und Innehalten angeregt haben. Sie zeigt, was im juristischen Diskurs oft unter der Oberfläche bleibt: Dass Karrierewege nicht nur linear, sondern auch schmerzhaft und chaotisch sein können.

Umso erfreulicher ist, dass der Band gleichzeitig Stimmen versammelt, die diese Erzählung erweitern. Frauen, die mit dem Klischee der Unvereinbarkeit von steiler Karriere und Familienleben aufräumen und jungen Juristinnen Mut machen, sich nicht in eine Entweder-oder-Logik drängen zu lassen.

Ein Buch, das die Juristerei menschlicher macht

„Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“ ist kein Methodikführer und kein Examensratgeber. Der neue Band hält für jeden etwas bereit, ohne sich dem Schema klassischer Karriereliteratur zu unterwerfen. Die Autor:innen sprechen aus so unterschiedlichen Blickwinkeln, dass man sich fast automatisch in mindestens einer Biografie wiederfindet oder sich zumindest verstanden fühlt.

Was das Buch aber wirklich auszeichnet, ist etwas anderes: Es lässt Raum für Selbsthilfe. Durch seine prägnanten, ansprechenden Brieftitel kann man sich gezielt den Brief herausziehen, den man in einer akuten Krise braucht. Sei es Selbstzweifel, Überforderung, oder die schlichte Frage, ob man diesen Weg wirklich weitergehen möchte. Hinter jedem Thema steckt ein eigenes Bedürfnis und das Buch nimmt diese Vielfalt ernst, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren.

Trotz aller Unterschiedlichkeit der Lebenswege eint die Autor:innen ein bemerkenswert authentischer Grundton. Wo man im Alltag häufig nur ein müdes Lächeln und ein routiniertes „Du packst das schon“ hört, findet man hier zwischen den Zeilen etwas, das in der juristischen Ausbildung selten geworden ist: Der ehrliche Wunsch, dass junge Jurist:innen ihr eigenes Warum finden und den Mut nicht verlieren.

Die Briefe schreiben nicht vor, wohin man gehen soll. Sie erinnern einen lediglich daran zu reflektieren, warum man überhaupt losgegangen ist. Genau das macht „Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“ zu einer Lektüre, die weit über das Studium hinaus geht und zu einer Art Post, die man nicht nur gerne öffnet, sondern vielleicht sogar ein zweites oder drittes Mal liest.

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