Die Juristische Zentralbibliothek der Universität Hamburg hatte für drei Tage geschlossen. Nicht wegen eines Rohrbruchs, nicht wegen eines Stromausfalls und schon gar nicht wegen eines Putschversuchs der Öffnungszeiten-Fraktion. Nein: Die Bibliothek musste für zweieinhalb Tage die Türen verrammeln, weil Jurastudierende zu viele Bücher versteckt haben. So steht es zumindest auf einem Hinweisschild, das in den sozialen Medien kursiert.
Auslöser war der Content Creator „Vinqcent“, selbst ehemaliger Jurastudent an der Uni Hamburg. In einem seiner Instagram-Reels zeigt er das Schild, auf dem die Universität in bemerkenswerter Sachlichkeit mitteilt, die Bibliothek müsse wegen eines „Bücherchaos“, das während der letzten Hausarbeitsphase entstanden sei, geschlossen werden. Man führe „Aufräumarbeiten“ durch.
Denn tatsächlich: Die Zentralbibliothek mit ihren zehn Etagen schaltete vom 25. bis 27. November in den Notfallmodus. Wer in dieser Zeit dringend Kommentare oder Handbücher benötigte, musste auf digitale Alternativen ausweichen. Das Schild verweist explizit auf E-Books und Datenbanken, die zumindest theoretisch alle Probleme lösen sollten. Praktisch wissen viele Studierende jedoch: Ein elektronischer Kommentar ersetzt nur selten das haptische Gefühl, in einem 3.000-Seiten-Werk die Stelle zu suchen, von der man eigentlich schon weiß, dass sie einem nicht gefallen wird.
Die Universität Hamburg bestätigte, dass das Phänomen der verschwundenen Literatur kein Mythos sei. Besonders während Prüfungs- und Hausarbeitsphasen komme es immer wieder vor, dass bestimmte Bücher „vereinzelt versteckt oder an nicht vorgesehene Orte verbracht werden“, wie Pressesprecher Alexander Lemonakis gegenüber dem Hamburger Abendblatt erklärte. Das Problem wirft im Grunde nur eine einzige Frage aufwirft: Warum sind Jurastudierende so?
Warum gerade Jura? Uni Hamburg liefert die Erklärung
Der Universität zufolge beruht das Ganze vor allem auf der extrem hohen Nachfrage nach aktuellen oder prüfungsrelevanten juristischen Werken. Kommentare und Lehrbücher müssen geteilt werden, aber nicht jeder teilt gern. Während in anderen Fachrichtungen gelegentlich auch Literatur verschwindet, ist die juristische Bibliothek offenbar aufgrund ihrer intensiven Nutzung besonders anfällig. Die über 4.000 Jurastudierenden in Hamburg müssen sich knapp 400.000 Medien an 1.000 Arbeitsplätzen teilen. Jede Unsicherheit – sei es eine Klausur, eine Hausarbeit oder die bloße Existenz eines unbekannten Aufgabentyps – führt dazu, dass bestimmte Bücher zu Reliquien werden, die man ungern wieder aus der Hand gibt. Manche Studierende verstecken sie daher an Orten, die nur mit kriminalistischem Spürsinn zu entdecken sind.
Für die jüngste Aufräumaktion wurden zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Bibliotheksverwaltung, Service und studentischen Beschäftigungen zusammengezogen. Man stelle sich vor, wie in zehn Stockwerken Menschen gleichzeitig damit beschäftigt sind, Kommentare in Heizkörpern, hinter Ordnerreihen und zwischen Fachzeitschriften hervorzuziehen. Lemonakis betont jedoch, dass die Bibliothek eigentlich regelmäßig kontrolliert werde und dass es immer wieder Maßnahmen gebe, um Ordnung zu schaffen. Etwa einmal im Jahr komme es deswegen auch zu einer vorab angekündigten Schließung – so wie jetzt.
Ordnung ist das halbe Studium – zumindest in Hamburg
Gleichzeitig setzt die Universität auf Appelle. Fairness sei entscheidend, heißt es. Man bitte alle Studierenden, sich verantwortungsbewusst zu verhalten. Wer wiederholt negativ auffällt, könne sogar vom Bibliotheksbetrieb ausgeschlossen werden. Angesichts der Bedeutung der Bibliothek im Jurastudium dürfte das einer akademischen Höchststrafe gleichkommen. Die Universität betont allerdings auch, dass sich „nahezu alle der 43.000 Studierenden vorbildlich verhalten“. Das Bücherverstecken sei ein absolutes Ausnahmephänomen, verursacht von wenigen Einzelpersonen, die offenbar glauben, ihr Studienerfolg hänge davon ab, ob sie einen StGB-Kommentar im fünften Untergeschoss hinter einem Lehrbuch zum Verwaltungsrecht AT deponiert haben.
Unter dem Reel von Vinqcent entlädt sich der Frust vieler Studierender. Kommentare reichen von entsetztem Unverständnis bis zu Anekdoten aus früheren Jahren. Eine Person berichtet, man habe einmal ein Versteck entdeckt und die Bücher „ganz dreist einfach wieder richtig einsortiert“. Eine andere fragt genervt: „Was stimmt nicht mit denen?“ Wieder andere kommentieren das Ganze mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und schwarzem Humor. Vinqcent selbst beendet sein Video mit den Worten, dass Jurastudierende in puncto Bücherverstecken tatsächlich so seien, wie man sie sich vorstellt, und dass nur noch fehle, dass vorher auch noch herausgerissene Seiten wieder eingeklebt werden müssten.


