Studierende von der Universität Texas in Arlington haben einen Mordfall von 1991 aufgeklärt. In ihrer Kriminologie-Vorlesung beschäftigten sie sich mit Cynthia Gonzalez, deren Leiche vor 34 Jahren mit mehreren Schusswunden aufgefunden wurde. Eine Verhaftung in diesem Fall hatte es nie gegeben – bis heute.
Der Mordfall aus Texas war längst als cold case in den Archiven der Polizei verschwunden als eine Gruppe engagierter Studierender eingriff. Was wie das Drehbuch eines True-Crime-Podcasts klingt, ist nun Realität.
Ein Cold Case Lab bringt Licht ins Dunkle
Im September dieses Jahres startete an der Universität Texas ein neuartiges Seminar: Forensic Assessment of Cold Case Files. 15 Studierende nahmen Platz – und ahnten nicht, dass sie schon bald eine historische Ermittlung anstoßen würden. Ihr Arbeitsmaterial: Akten, Fotos, Interviewprotokolle und alte Ermittlungsnotizen zum Mord an Cynthia Gonzalez. Die damals 25-Jährigen aus Arlington wurde am 22. September 1991 erschossen in einem ländlichen Gebiet südlich von Fort Worth gefunden.
Die Polizei hatte damals zahlreiche Spuren verfolgt, jedoch ohne Erfolg. Im Fokus der Ermittlungen waren damals vor allem Männer gestanden. Und eine Frau: Janie Perkins, deren Beziehung wegen Gonzalez in die Brüche gegangen war. Perkins hatte bei einem Polygraphentests gelogen – allerdings waren die Ergebnisse nicht eindeutig und nicht gerichtlich verwertbar.
Mehr als drei Jahrzehnte später begannen die Studierenden, die Akte von Grund auf neu zu lesen. Früh stand für die Nachwuchs-Ermittler:innen fest: Die Rolle von Janie Perkins müsse noch einmal gründlich beleuchtet werden. Nach zwei Monaten intensiver Arbeit legten die Studierenden eine Liste mit 35 neuen Fragen vor – darunter mehrere, die Perkins erneut in den Mittelpunkt rückten. „Die fehlgeschlagenen Lügendetektoren-Tests ließen sie von Anfang an herausstechen“, sagte Studentin Jenna Lewis gegenüber der New York Times. „Wir brannten für den Fall, wir wollten alles tun, was möglich war.“
Der zuständige Polizeikommissar zeigte sich überrascht – vor allem, weil er eine weibliche Täterin bis dahin kaum in Betracht gezogen hatte. Doch die Hinweise der Studierenden überzeugten ihn, die Ermittlungen neu auszurichten. Gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft prüfte er die alten Indizien – diesmal im Licht moderner forensischer Möglichkeiten.
Verhaftung nach 34 Jahren
Ende Oktober sah die Staatsanwaltschaft von Tarrant County schließlich hinreichende Anhaltspunkte für eine Anklage. Am 6. November wurde Janie Perkins, inzwischen 63 Jahre alt, in Azle, Texas, festgenommen und wegen Mordes angeklagt. Ein DNA-Analyse wurde ebenfalls erwirkt.
Für die Tochter des Opfers, Jessica Roberts, die beim Tod ihrer Mutter erst sechs Jahre alt war, war die Nachricht ein längst erhoffter Durchbruch. „Die Trauer ist nie verschwunden“, sagte sie auf einer Pressekonferenz. „Dieses Ergebnis wird so vielen Familien Hoffnung geben.“
Perkins wurde kurz nach ihrer Festnahme gegen Kaution freigelassen. Ihre Anwälte betonen, sie sei „unschuldig und freue sich darauf, ihren Namen vor Gericht reinzuwaschen“. Man bitte die Öffentlichkeit darum, Spekulationen zu vermeiden.
Lehrveranstaltung wird zum Ermittlungsinstrument
Für die Polizei von Arlington, die keine eigene Cold-Case-Einheit besitzt, ist der Fall ein unerwarteter Erfolg – und ein Beispiel für neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Ermittlungsbehörden. Zwei weitere ungeklärte Tötungsdelikte liegen bereits auf den Schreibtischen der Studierenden. Polizeichef Al Jones zeigte sich beeindruckt: „Wir hatten gehofft, dass diese Kooperation irgendwann zu Ergebnissen führt. Dass es gleich beim ersten Versuch gelingt – damit hat niemand gerechnet.“
Ob der Fall Cynthia Gonzalez nun tatsächlich abgeschlossen werden kann, wird ein Gericht entscheiden. Doch eines steht schon jetzt fest: Ohne die akribische Arbeit einer Gruppe Studierender wäre es wohl nie zu dieser Verhaftung gekommen.
Auch in Deutschland gibt es inzwischen die erste Zusammenarbeit zwischen Polizei und Uni. Jurastudierende der Universität Köln können an einem Cold Case Lab mitwirken und ebenfalls in echten „cold case“ Mordfällen ermitteln. Auch hier steht eine Bestätigung der ersten Ermittlungserfolge aber noch aus.
Fundstelle: https://www.nytimes.com/


