KI in der juristischen Ausbildung – ein Gamechanger?

-Werbung-spot_imgspot_img

Generative KI ist längst nicht mehr nur ein technisches Hilfsmittel, sondern ein Faktor, der die juristische Berufswelt und damit auch die Ausbildung von Juristinnen und Juristen grundlegend verändert. Den tiefgreifenden Wandel durch KI beschreibt Sebastian Dötterl in seinem Aufsatz „Der Elefant im Raum – Generative Künstliche Intelligenz und die Zukunft der juristischen Ausbildung“, der in der Zeitschrift „Ordnung der Wissenschaft“ erschienen ist.

Dötterl beginnt mit der Feststellung, dass große Sprachmodelle wie GPT-4 inzwischen Aufgaben übernehmen können, die bislang als Kern juristischer Tätigkeit galten. Studien zeigen, dass KI-Systeme komplexe Verträge prüfen, Klausuren bestehen und bei der Bearbeitung von Fällen Ergebnisse liefern, die mit denen menschlicher Berufseinsteiger:innen vergleichbar sind – und das in einem Bruchteil der Zeit und zu einem Bruchteil der Kosten. Gleichzeitig bleibt das Problem der sogenannten Halluzinationen bestehen: KI erfindet Quellen, liefert falsche Antworten und kann bei juristischem Faktenwissen gravierende Fehler machen. Dennoch ist klar, dass die Leistungsfähigkeit dieser Systeme weiter steigt und sie zunehmend in den Rechtsmarkt integriert werden.

Wer nie selbst recherchiert, hat im Beruf ein Problem

Die Konsequenzen für die juristische Arbeitswelt sind enorm. Schon heute setzen Kanzleien und Rechtsabteilungen auf KI-gestützte Recherche, Vertragsprüfung oder Schriftsatzentwürfe. In Deutschland experimentiert die Justiz mit eigenen Sprachmodellen, in China ist KI bereits im Gerichtsbetrieb im Einsatz. Auch die Gesellschaft zeigt sich offen: Umfragen belegen, dass ein signifikanter Teil der Bevölkerung bereit wäre, juristischen Rat von einer KI statt von einer Anwältin einzuholen. Dötterl warnt davor, diese Entwicklung auf die vermeintliche Übernahme von Routineaufgaben zu reduzieren. Denn gerade diese Routinearbeiten sind für den Kompetenzerwerb von Nachwuchsjurist:innen entscheidend. Wer nie selbst recherchiert oder Schriftsätze entworfen hat, wird später kaum in der Lage sein, komplexe strategische Aufgaben zu übernehmen.

Hinzu kommt, dass KI längst nicht mehr auf Routine beschränkt ist. Sie dringt in den Kernbereich juristischer Arbeit vor, gestaltet Verträge, interpretiert Gesetze und übernimmt Aufgaben, die bislang als unantastbar galten. Das hat Folgen für den Berufseinstieg: Mandant:innen werden kaum bereit sein, hohe Stundensätze für Tätigkeiten zu zahlen, die eine KI schneller und günstiger erledigt. Damit geraten die klassischen Ausbildungs- und Beschäftigungsstrukturen ins Wanken.

Vor diesem Hintergrund formuliert Dötterl klare Forderungen an die Juristenausbildung. Zunächst müsse das Skillset der Jurist:innen der Zukunft erweitert werden. Klassische Fähigkeiten wie analytisches Denken, juristische Methodik und Falllösungskompetenz bleiben unverzichtbar, doch sie reichen nicht mehr aus. Angehende Jurist:innen benötigen zusätzlich technisches Grundverständnis: Kenntnisse über Funktionsweise, Stärken und Schwächen von KI, über Statistik und Coding. Sie müssen verstehen, wie KI-Systeme arbeiten, um deren Ergebnisse kritisch einordnen und Fehler erkennen zu können.


Das könnte Dich auch interessieren:


Interdisziplinarität, Legal Design, Recht der Digitalisisierung

Darüber hinaus fordert Dötterl mehr Interdisziplinarität. Jurastudierende sollten sich mit typischen menschlichen Entscheidungsfehlern auseinandersetzen, um sowohl die eigene Urteilsfähigkeit zu schärfen als auch den richtigen Umgang mit KI-Systemen zu lernen. Auch Legal Design gehört in die Ausbildung: die Fähigkeit, komplexe rechtliche Inhalte verständlich zu kommunizieren, etwa durch Visualisierungen oder alltagstaugliche Sprache. KI kann hier unterstützen, doch die Verantwortung für die Richtigkeit bleibt beim Menschen.

Ein weiterer zentraler Punkt ist das Recht der Digitalisierung. Neben klassischen Rechtsgebieten, die durch digitale Produkte ohnehin neue Fragen aufwerfen, müssen Studierende fundierte Kenntnisse im Datenschutzrecht und in der Regulierung von Künstlicher Intelligenz erwerben. Die europäische Gesetzgebung – von der Datenschutzgrundverordnung bis zur KI-Verordnung – hat enorme praktische Bedeutung. Dötterl fordert, dass diese Inhalte stärker in den Pflichtstoff integriert werden, damit Jurist:innen die Wechselwirkungen zwischen europäischem und nationalem Recht verstehen.

Neben der inhaltlichen Erweiterung sieht Dötterl auch neue Möglichkeiten für das Lernen und Lehren mit KI. In Seminaren, die er selbst leitete, mussten Studierende den Einsatz von KI-Tools verpflichtend dokumentieren. Die Erfahrungen waren gemischt: KI half bei Strukturierung und Motivation, lieferte aber oft fehlerhafte Quellen und unzureichende Zitationen. Dennoch erkennt Dötterl das Potenzial für innovative Lehrformate. KI könnte klassische Vorlesungen bereichern, indem Antworten der Systeme live diskutiert und kritisch geprüft werden. Sie könnte in Workshops oder AGs eingesetzt werden, um Fälle gemeinsam zu bearbeiten, oder Studierende könnten KI-generierte Lösungen bewerten und verbessern.


Das könnte Dich auch interessieren:


Auch Klausuren und Hausarbeiten werden sich ändern

Darüber hinaus eröffnet KI neue Formate: virtuelle Verhandlungen mit KI-generierten Zeugen, die auf Befragungstechniken reagieren, oder Hackathons, in denen Studierende eigene Legal-Tech-Ideen entwickeln. Auch Moot Courts und Case Studies könnten durch KI unterstützt werden. Lehrende wiederum könnten KI nutzen, um Prüfungsaufgaben oder Lösungsskizzen zu erstellen.

Schließlich widmet sich Dötterl den Prüfungen. Er fragt, welche Rolle KI in klassischen Klausuren, Hausarbeiten oder mündlichen Prüfungen spielen kann. Soll der Einsatz erlaubt sein? Soll KI selbst zur Bewertung eingesetzt werden? Klar ist für ihn: Prüfungsformate müssen überdacht werden, wenn KI Teil des juristischen Alltags wird.

Dötterls Fazit ist eindeutig: Generative KI ist ein Gamechanger für die Juristenausbildung. Sie zwingt dazu, den Stoffplan zu erweitern, neue Lehrmethoden zu erproben und Prüfungen neu zu denken. Gleichzeitig darf die klassische juristische Methode nicht verloren gehen. Denn nur wer die Grundlagen beherrscht, kann KI-Systeme kritisch nutzen und deren Grenzen erkennen. Gute Juristen werden auch in Zukunft gebraucht – nicht trotz, sondern gerade wegen der KI.

Der Aufsatz ist damit ein eindringlicher Appell an Universitäten, Justiz und Politik, die Ausbildung nicht länger nach alten Mustern zu gestalten. Wer die nächste Juristengeneration auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten will, muss den „Elefanten im Raum“ endlich ernst nehmen.

-Werbung-

Ähnliche Artikel

Social Media

10,950FollowerFolgen
3,146FollowerFolgen
Download on the App Store
Jetzt bei Google Play
-Werbung-spot_img
-Werbung-

Letzte Artikel

Datenschutz-Übersicht

Diese Internetseiten verwenden teilweise so genannte Cookies. Cookies richten auf deinem Rechner keinen Schaden an und enthalten keine Viren. Cookies dienen dazu, unser Angebot nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer zu machen. Cookies sind kleine Textdateien, die auf deinem Rechner abgelegt werden und die dein Browser speichert.

Die meisten der von uns verwendeten Cookies sind so genannte „Session-Cookies“. Sie werden nach Ende deines Besuchs automatisch gelöscht. Andere Cookies bleiben auf deinem Endgerät gespeichert, bis du diese löschst. Diese Cookies ermöglichen es uns, deinen Browser beim nächsten Besuch wiederzuerkennen.

Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung: Mehr erfahren