An der Universität Leipzig hat es in den vergangenen zwei Monaten mehere unerfreuliche Vorfälle gegeben. Die Fachschaft Jura sieht sich daher zu einem offenen Brief genötigt. Studierende kritisieren im Netz vor allem den Umgang der Fakultät und der Verantwortlichen mit den Vorfällen.
Bereits im Oktober kursierte an der Universität Leipzig ein anonymes Flugblatt, das schwere Vorwüfe gegen zwei Lehrende der juristischen Fakultät erhob.
Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch
Ein langjähriger Juraprofessor wurde darin wegen diskriminierenden und sexistischen Äußerungen in den Sozialen Medien kritisiert. Einem jungen Lehrbeauftragten wurde sexuell übergriffiges Verhalten, Grenzüberschreitung und Machtmissbrauch gegenüber Studierenden vorgeworfen. Außerdem kritisierte das Flugblatt den Umgang des Dekanats, der Gleichstellunsgebauftraggten und der Studierendenvertetung mit den Vorwürfen.
Da zwei Lehrende der juristischen Fakultät betroffen waren, schaltete sich auch die Fachschaft Jura der Universität Leipzig ein. Die Interessenvertretung veröffentlichte ein Statement auf Instagram, in dem sie die beiden Lehrenden auch namentlich nannten. Kurze Zeit später wurde das Posting gelöscht und ohne die namentliche Nennung wieder online gestellt. „Aufgrund eines anwaltlichen Schreibens und angedrohter juristischer Konsequenzen“ habe man sich zu diesem Schritt entschieden.
„Misstrauen und Unsicherheit wachsen“
Die Fakultät äußerte sich am 23. Oktober in einem öffentlichen Schreiben zu den Vorwürfen. Darin versprachen die Dekanin Prof. Dr. Katharina Beckemper und der Prodekan Prof. Dr. Marc Desens, dass man „keineswegs wegschaut“, sondern „unverzüglich eine Vielzahl von Maßnahmen“ ergreife. An oberster Stelle stünde für die Fakultät der Opferschutz. „Wir bieten einer betroffenen Person neben persönlicher Unterstützung umfangreiche Hilfe an, einschließlich der Vermittlung erwünschter psychologischer Hilfe sowie eines Rechtsbeistandes – selbstverständlich kostenlos.“
Zu den konkreten Vorfällen, den betroffenen Lehrenden – oder ergriffenen Konsequenzen – äußerte sich die Fakultät jedoch nicht.
Das Vorgehen der Universität reicht der Fachschaft Jura nicht aus. Das Thema sei noch nicht abgeschlossen, schreiben die Vertreterinnen und Vertreter auf Instagram. Das Schweigen der Fakultät hätte dazu geführt, dass „Misstrauen und Unsicherheit wachsen“. Die Fachschaft fordert klare Strukturen, Ansprechstellen und „eine Kultur, die Grenzen achtet und Missstände ernst nimmt.“ Dies brachte die Fachschaft Jura Ende November nochmals in einem offenen Brief an das Dekanat der juristischen Fakultät zum Ausdruck.
Kühlschrank-Posting auf Social Media
Am 10. November veröffentlichte die Universität Leipzig ein weiteres öffentliches Statement. Diesmal ging es um Äußerungen des Juraprofessors Dr. Tim Drygala auf dessen privaten Social Media Accounts. Er hatte unter anderem ein Foto von seinem Kühlschrank auf X gepostet, auf dem sich ein Foto von Hedi Reichinnek (Die Linke) befand. Darunter hatte er geschrieben: „Unsere Kühlschranktür schließt schlecht. Man muss immer mit der Faust dagegenschlagen, damit sie richtig zu ist. Damit ich das nicht vergesse, habe ich mir jetzt einen kleinen Reminder gebastelt. Wirkt 1a.“ Reichinnek hat Drygala inzwischen angezeigt.
Die Universität betont in ihrem Statement, dass die Äußerungen auf einem privaten Account getätigt worden seien. Etwas anderes gelte nur, wenn Dienstpflichten verletzt würden. „Bevor eine entsprechende rechtliche Bewertung abgeschlossen ist, können wir uns nicht äußern“, so die Universität. Man habe mit Prof. Drygala allerdings Gespräche geführt, da auch private Äußerungen mitunter auf die Universität zurückfielen und ihrem Ruf schaden könnten.
Selbst die Rektorin schaltet sich ein
Am 17. November hatte auch die Rektorin der Universität Leipzig Eva Inés Obergfell in einer Videobotschaft öffentlich Stellung zu den Äußerungen und Handlungen einzelner Professoren bezogen: „Wir gehen jedem Sachverhalt intensiv nach. Aktuell laufen notwendige Bewertungen. Dabei müssen wir dienst- und personalrechtliche Vorgaben beachten. Das bedeutet: Wir können über laufende Prüfungen oder mögliche Konsequenzen öffentlich nicht sprechen. Bitte haben Sie Verständnis dafür.“
Die Rektorin versprach: „Wir werden Unterstützungsstrukturen ausbauen und Prävention stärken. Und wir werden einen Rahmen gestalten, in dem für alle künftig verbindlich und verlässlich ein geteiltes Verständnis zu Compliance und fairem Miteinander formuliert wird!“
Handgreiflichkeiten in der Vorlesung
Wenige Tage zuvor hatte die Universität erneut für Unmut bei den Studierenden gesorgt. Sie hatten eine öffentliche Entschuldigung des Soziologen Prof. Dr. Roger Berger veröffentlicht. Dieser war in einer Vorlesung handgreiflich geworden und bat nun seine Studierenden um Entschuldigung. In der öffentlichen Entschuldigung heißt es: „Ich war von der Situation überfordert, ich bin handgreiflich geworden. Dafür möchte ich in aller Form um Entschuldigung bitten bei der mir unbekannten Person. Ich hätte sie weder am Arm anfassen und aus dem Hörsaal ziehen, noch vor dem Hörsaal wegstoßen dürfen.“
Der öffentliche Brief trifft bei den Studierenden jedoch auf Unverständnis. Sie werfen der Universität auf Social Media vor, lediglich dem Täter eine Plattform für seine Darstellung zu geben. Das Opfer käme hingegen nicht zur Sprache. Auch der Vorfall an sich werde dadurch nicht aufgearbeitet.


