Im November fand der NMKJ Moot Court am Landgericht Köln statt. Das Netzwerk multikultureller Jurist*innen setzt sich seit 2020 für Vielfalt in der juristischen Ausbildung ein. In einem Mock-Trial wurde der Lamborghini-Fall verhandelt.
Der NMKJ schafft Räume, in denen Studierende, Referendar:innen und Jurist:innen sich vernetzen, wachsen und Erfahrungen sammeln können, die über die herkömmliche juristische Ausbildung hinausgehen. Dabei möchten wir zeigen, dass Multikulturalität keine Hürde, sondern eine echte Zusatzqualifikation und ein wertvoller Kompetenzvorsprung ist. Unser Ziel ist es, Möglichkeiten zu schaffen, die vielen von uns in ihrer eigenen juristischen Laufbahn gefehlt haben und diese gemeinsam weiterzuentwickeln. Die Organisation unseres ersten NMKJ Moot Courts ist ein perfektes Beispiel dafür.
Der folgende Beitrag beleuchtet dieses Herzensprojekt aus zwei Blickwinkeln: Ilias Azahaf, Vorstandsmitglied im NMKJ, berichtet über die Konzeption und Organisation des Formats. Anschließend teilt Eftalya Cinkilinc, Mitglied im NMKJ, ihre intensiven Erfahrungen als Teilnehmerin des „Lamborghini-Falls“.
Entstehungsgeschichte des Moot Courts
Die Idee zu diesem Moot Court entstand ursprünglich aus unserem Vorhaben, im Events-Team einen Litigation Workshop zu organisieren. Da sich die Organisation hierfür jedoch schwieriger gestaltete als erwartet, begann ich, die ursprüngliche Idee weiterzudenken und neu zu formen. So entwickelte sich ganz organisch der Entschluss, stattdessen einen eigenen Moot Court auf die Beine zu stellen. Ein Format, das ich von Grund auf selbst gestalten wollte. Etwas, das ich mir in meiner eigenen juristischen Ausbildung immer gewünscht hatte, für das sich bislang jedoch keine Gelegenheit ergab. Zwar gibt es bereits andere Moot Courts, doch keiner ist in der Art aufgebaut, wie wir ihn im NMKJ gestalteten. Die Moot Courts an der Universität erstrecken sich in der Regel über ein gesamtes Semester, während man bei uns ähnliche Erfahrungen in deutlich kürzerer Zeit sammeln kann. Dieses kompakte Format entwickelten wir bewusst, und genau darin liegt der Unterschied.

Im NMKJ ist es uns ein echtes Anliegen, anderen Menschen Möglichkeiten zu eröffnen, die wir selbst nie hatten: sich auszuprobieren, zu wachsen, zu verhandeln, Fehler zu machen, mutig zu sein und ein Stück „echte Praxis“ zu erleben. Und so entschloss ich mich, unseren ersten Moot Court zu planen und zu organisieren.
Erste Gedanken bis zum fertigen Sachverhalt (Ilias)
Da ich noch nie zuvor einen Moot-Court-Fall erstellt und keinerlei Vorwissen aus anderen Moot Courts mitgebracht hatte, war der Anfang ein Sprung ins kalte Wasser. Alles begann mit einem leeren Blatt Papier und der Frage: Wie erstelle ich einen Fall, der modern ist, herausfordert, aber trotzdem für alle zugänglich bleibt?
Ich wusste, dass ich meine Affinität zu Recht & Digitalisierung einbringen wollte. Gleichzeitig wollte ich keinen exotischen Spezialfall konstruieren, den man im Studium nirgendwo wiederfindet. Es sollte ein Thema sein, das Studierende und Referendar:innen in Zukunft real beschäftigen wird.
So entstand ein Sachverhalt über:
- die verspätete Lieferung eines Luxuswagens,
- einen Vertrag zugunsten Dritter,
- und eine Emoji-Sequenz als mögliche Rücktrittserklärung.
Damit wollte ich einen Punkt sichtbar machen, der in der juristischen Ausbildung oft fehlt:
Moderne Kommunikation gehört längst zur juristischen Praxis und unsere Fälle sollten genau das abbilden.
Schriftsatzphase (Eftalya)
Die Schriftsatzphase erstreckte sich auf zwei Monate und war für mich echtes Neuland. Ich vertrat die Klägerseite und da es für mich das erste Mal war, an einem Moot Court teilzunehmen, fiel mir der Einstieg entsprechend schwer. Meine Kolleginnen kamen aus Frankfurt und Bonn, ich aus Düsseldorf. Deshalb trafen wir uns jede Woche telefonisch und schrieben parallel in einem gemeinsamen Online-Dokument.
Gleichzeitig befinde ich mich in der Examensvorbereitung, sodass diese Phase zwar zeitlich besonders intensiv, aber auch fachlich äußerst examensrelevant war. Durch das gemeinsame Brainstorming und den äußerst interessanten Sachverhalt kamen wir jedoch überraschend schnell in Fahrt und wuchsen in die Arbeitsweise hinein.
Inhaltlich war es besonders spannend, einen Sachverhalt erstmals nicht neutral wie üblicherweise im Studium zu begutachten, sondern konsequent aus der Sicht der Klägerin zu argumentieren. Wir tauschten uns intensiv über die rechtliche Würdigung aus, analysierten mögliche Schwierigkeiten unserer eigenen Position und überlegten gleichzeitig, wo die Beklagtenseite angreifbar sein könnte.
Der Verhandlungstag: Eftalyas Erfahrung als Teilnehmerin
Die mündliche Verhandlung fand im Landgericht Köln statt und war für mich der Höhepunkt des gesamten Moot Courts. Schon beim Betreten des Gebäudes hatte ich das Gefühl, in eine echte gerichtliche Atmosphäre einzutauchen.
Kurz vor der Verhandlung kam es jedoch zu einer unerwarteten Wendung: Beide meiner Kolleginnen waren aus verschiedenen Gründen ausgefallen, eine davon sogar zwei Tage vorher. Dadurch musste ich die Klägerseite allein vertreten, während die Beklagtenseite mit drei Personen antrat. Diese Situation wirkte zunächst überwältigend.
Dennoch war es unglaublich spannend, die Position unserer Mandantin allein aktiv zu verteidigen. Interessant war auch, wie unterschiedlich die Beklagtenseite denselben Fall aufbereitet hatte und welche neuen Perspektiven sich dadurch ergaben. Als schließlich das Ergebnis verkündet wurde, war dieser Moment für mich sehr eindrucksvoll: Trotz der besonderen Ausgangslage konnte ich den Sieg für die Klägerseite erzielen.
Der Verhandlungstag: Ilias‘ Erfahrung als Beisitzer
Am Tag der Verhandlung durfte ich als Beisitzer der Kammer teilnehmen, die das Urteil verkündete. Für mich war es ein besonderer Moment, meinen eigenen Fall aus der Perspektive eines „Richters“ erneut zu durchdenken und live mitzuerleben, wie kreativ und reflektiert die Teams argumentieren.
Es war beeindruckend zu hören, welche juristischen Überlegungen die Teilnehmenden entwickelt hatten, teils vollkommen anders als meine eigenen Gedanken während der Fallkonzeption. Besonders bereichernd war der Austausch mit der Vorsitzenden Richterin über den Sachverhalt sowie ihre fachliche Einordnung im Rahmen der Kammerberatung. Für mich persönlich war das eine der wertvollsten Erfahrungen des Tages.

Lehren aus dem Moot Court: Ilias‘ Lehren aus der Organisation
Kommiliton:innen und Kolleg:innen, die an diesem Moot Court teilnahmen, kamen nach der Verhandlung auf uns zu, bedankten sich, erzählten uns von ihrer Freude am Format und davon, wie viel sie daraus mitgenommen hatten. Ich bedanke mich bei meinem Team aus dem Netzwerk multikulturelle Jurist*innen, das mit anreiste und mich sowohl bei der Organisation als auch bei der Durchführung des Moot Courts unterstützte.
Diese Rückmeldungen haben uns wirklich bewegt. Sie bestätigten, warum wir das Projekt überhaupt ins Leben gerufen haben. Es erfüllt uns mit Stolz zu sehen, dass etwas, das wir allein entwickelten und umsetzten, nicht nur funktioniert, sondern andere Menschen bereichert und ihnen echte Erfahrungen ermöglicht. Für uns steht ein Satz im Zentrum dessen, was wir mit diesem Format vermitteln wollten:
Man lernt nicht nur für das Studium oder das Berufsleben: man lernt fürs Leben.
Und genau das hat dieser Moot Court für mich gezeigt:
- Verantwortung übernehmen,
- Unsicherheiten aushalten,
- mutig Neues ausprobieren,
- andere inspirieren,
- und gemeinsam wachsen.
Nicht nur die Teilnehmenden haben gelernt, wir selbst haben mindestens genauso viel gelernt.
Lehren aus dem Moot Court: Eftalyas Lehren aus der Teilnahme
Die Teilnahme am Moot Court ist für mich eine der prägendsten Erfahrungen meines bisherigen Studiums. Die Lernkurve war extrem steil: von der ersten Sachverhaltsanalyse über die Entwicklung einer überzeugenden Argumentationslinie bis hin zum Auftritt im Gerichtssaal.
Die Schriftsatzphase war nicht nur fachlich, sondern auch zwischenmenschlich im Hinblick auf die Teamdynamik eine lehrreiche Zeit, die ebenso wie der Verhandlungstag, gleichermaßen eine Herausforderung wie auch ein Erfolgserlebnis war.
Für meine juristische Ausbildung, aber auch ganz persönlich, ist der Moot Court eine echte Bereicherung. Zum ersten Mal hatte ich die Möglichkeit, das bislang theoretisch Gelernte unmittelbar anzuwenden. Das hat mir nicht nur einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie ein späterer Berufsalltag aussehen kann, sondern mir auch gezeigt, wie spannend es sein kann, komplexe Dogmatik mit moderner Lebenswirklichkeit zu verbinden.
Die strategische Herangehensweise und das konsequente Denken im Interesse meiner Mandantin waren für mich die prägendste Erfahrung der gesamten Phase. Es war erfrischend zu erleben, wie anders es ist, eine Position nicht nur zu prüfen, sondern aktiv zu vertreten.
Der Verhandlungstag selbst war der Moment, in dem Theorie und Praxis endgültig ineinander übergingen und mir klar geworden ist, dass ich an dieser Art von juristischer Arbeit wirklich Gefallen gefunden habe.
Fazit: Intensiv und lehrreich
Unser erster Moot Court war eine der intensivsten, lehrreichsten und erfüllendsten Erfahrungen meiner juristischen Laufbahn. Wir haben etwas geschaffen, das wir uns früher gewünscht hätten und das Kommiliton:innen eine Chance gab, über sich hinauszuwachsen. Genau das motiviert uns, weiterzumachen.
Denn manchmal entsteht das Wertvollste aus persönlicher Initiative und dem Wunsch, Anderen Möglichkeiten zu eröffnen.
Als Teilnehmerin kann ich allen nur ans Herz legen, beim nächsten Mal ebenfalls teilzunehmen. Der Moot Court stärkt die rhetorischen Fähigkeiten, erweitert die juristische Denkweise und bietet wertvolle Erfahrungen, die man unbedingt mitnehmen sollte.
Wir freuen uns schon jetzt auf den nächsten Moot Court.


