Juristische Berufserfahrung aus erster Hand: Im Interview mit Rechtsanwalt und KI-Experten Tobias Voßberg
Tobias Voßberg ist Rechtsanwalt für gewerblichen Rechtsschutz, Markenrecht und Urheberrecht und arbeitet als Head of IP für ein großes Unternehmen. Er ist zudem Host des Podcasts „Jura & KI“ und eine der prominentesten Stimmen zu der Frage, wie KI die Rechtswelt verändert.

Sehr geehrter Herr Voßberg, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Wissenswertes über sich und Ihren Beruf als Rechtsanwalt und KI-Experte mit unseren JURios-Leser:innen zu teilen! Wie kam es dazu, dass Sie sich für eine Tätigkeit im Bereich gewerblicher Rechtsschutz sowie Marken-, und Urheberrecht entschieden haben?
Das war ehrlich gesagt kein geradliniger Weg. Ursprünglich hatte ich eher den Journalismus im Blick und wollte zum Radio. Dass es dann Jura wurde, verdanke ich einem Nachbarn, der Strafrechtsprofessor war und meinte, für Jura wäre niemand zu blöd. Am Ende ein sehr guter Rat. Zum gewerblichen Rechtsschutz bin ich gekommen, weil mich die Themen schon immer interessiert haben. Außerdem habe ich während des Studiums in verschiedenen Kanzleien reingeschaut und festgestellt, dass ich die Kolleginnen und Kollegen aus dem IP am meisten mochte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Sie haben zunächst für die Wirtschaftskanzlei Noerr gearbeitet, sind dann aber in ein Unternehmen gewechselt. Wie kam es dazu?
Meine ersten Stationen als Anwalt waren im IP-Bereich bei SKW Schwarz in Berlin und anschließend bei Noerr. Im Unternehmen verantworte ich als Head of Intellectual Property das globale Marken- und Patentportfolio. Man ist deutlich näher am Produkt, an den Geschäftsentscheidungen und an den Menschen, die das Unternehmen ausmachen.
Nehmen Sie uns an die Hand und führen Sie uns durch einen typischen Arbeitstag als Unternehmensjurist. Was unterscheidet Ihre Tätigkeit von der Arbeit in einer Großkanzlei?
In der Kanzlei kommen die Mandanten von draußen. Als Unternehmensjurist sind die Mandanten die eigenen Kolleginnen und Kollegen: Vertrieb, Produktentwicklung, Geschäftsführung. Man berät nicht mehr auf Distanz, sondern ist mittendrin.
Und genau dieser Perspektivwechsel ist spannend. Wer mal auf der Mandantenseite gesessen hat, versteht ziemlich schnell, worauf es in der Beratung wirklich ankommt: nicht auf das perfekte Memo mit dreißig Fußnoten, sondern auf eine klare Einschätzung, mit der die Fachabteilung weiterarbeiten kann. Geschwindigkeit schlägt Perfektion und ein pragmatischer Rat zur richtigen Zeit ist mehr wert als eine erschöpfende Analyse zwei Wochen später.
Jetzt haben Sie uns schon sehr von Ihrem Beruf überzeugen können. Was muss man tun, um eine gute Markenrechtlerin zu werden und welche Voraussetzungen sollte man dabei unbedingt mitbringen?
IP-Recht ist eines der wenigen Rechtsgebiete, bei denen man die eigene Arbeit im Alltag ständig sieht. Man läuft durch den Supermarkt und denkt: Diese Kampagne habe ich mitgestaltet. Oder: Diese Produkt gibt es seit letzter Woche nicht mehr, weil wir das Unternehmen mit einer einstweiligen Verfügung angegriffen haben. IP ist darum ein Gebiet zum Anfassen.
Wer sich dafür interessiert, was in der Welt passiert, welche Produkte auf den Markt kommen, welche Trends sich durchsetzen, ist im IP-Recht gut aufgehoben. Es ist ein Rechtsgebiet, das von der Realität lebt.
Und man muss schnell sein. Einstweilige Verfügungen, enge Fristen, Situationen, in denen es für den Mandanten um alles geht. Wer damit umgehen kann, wer unter Druck gute Entscheidungen trifft, der wird in diesem Bereich glücklich.
Neben Ihrer Tätigkeit als Rechtsanwalt haben Sie sich – unter anderem auf LinkedIn und durch Ihren eigenen Podcast – auch als KI-Experte etabliert. Wie kam es dazu?
Als Ende 2022 ChatGPT auf den Markt kam, war mir schnell klar, dass das die juristische Arbeit grundlegend verändern würde. Ich habe das Werkzeug sofort in meinen Alltag als Prozessanwalt integriert und dabei gemerkt, dass es dazu viel zu sagen gibt – Gutes wie Kritisches. Ich habe darum früh angefangen, mein Wissen in Workshops für Rechtsabteilungen und Kanzleien sowie in vielen Veröffentlichungen weiterzugeben. Was mir dabei besonders wichtig ist: ein nüchterner Blick auf die Technologie, jenseits des ganzen Hypes. Seit letztem Jahr haben Benedikt und ich den Jura und KI-Podcast, wo wir die aktuellen Themen und Trends besprechen. Wir hatten vorher so viel privat darüber geredet, dass wir einen Kanal brauchten, um unsere Freundschaft von diesem Tech-Gequatsche zu entlasten.
KI erobert die Rechtswelt. Ist es heute ein Must-Have, sich auch als Jurist:in mit KI-Themen auseinander zu setzen und „prompten“ zu lernen?
Ich würde sagen: Es ist kein Must-Have im Sinne einer Zusatzqualifikation, die man auf dem Lebenslauf braucht. Aber es wäre fahrlässig, sich als Juristin oder Jurist nicht damit auseinanderzusetzen, was diese Werkzeuge können und wo ihre Grenzen liegen. Denn die Grenzen sind erheblich. Ich habe KI-Sprachmodelle einmal als eine Art opportunistischen Mitarbeiter beschrieben, der immer eine Antwort parat hat, auch wenn sie schlicht falsch ist. Wer das nicht einschätzen kann, hat ein Problem. Prompten zu lernen schadet sicher nicht, aber viel entscheidender ist ein kritisches Verständnis dafür, was generative KI kann und was nicht. Vor allem aber muss man durchgehend am Ball bleiben, da sich die technischen Fähigkeiten teilweise im Monatstakt ändern. Ich will hier gar nicht auf ein aktuelles Modell eingehen, weil ich weiß, dass das Interview dann in wenigen Wochen wieder veraltetet ist.
Müssen junge Jurist:innen Angst davor haben, früher oder später von KI „ersetzt“ zu werden? Fallen durch KI schon heute Einstiegsjobs in Kanzleien und Unternehmen weg?
Nein, und ich halte die Debatte für überzogen. Dass KI uns schon heute extrem beschleunigt ist keine Frage. Aber die Kernkompetenz juristischer Arbeit – strategisch denken, verhandeln, Mandanten beraten, Verantwortung übernehmen – bleibt menschlich. Es kann aber natürlich sein, dass der Bedarf an JuristInnen langfristig abnimmt, weil selbst eine Effiktivitätssteigerung von 30% am Ende ja heißt, dass es für dieselbe Arbeit fast ein Viertel weniger Köpfe braucht. Andererseits haben wir in einigen Gebieten wie der Justiz einen so großen Fachkräftemangel, dass das auch eine gute Nachricht sein kann.
Zu guter Letzt: Versetzen Sie sich in Ihr Erstsemester-Ich zurück. Was würde es heute von Ihrem Werdegang halten? Und was raten Sie der nächsten Generation an jungen Jurist:innen, die es Ihnen gleichtun wollen?
Ich glaube, mein Erstsemester-Ich wäre vor allem überrascht, wie nah ich in meinen Jobs an den Dingen bleiben konnte, die mir schon immer Spaß gemacht haben. Dass man sich auch mit einem Jurastudium wirklich selbstverwirklichen kann, wenn man das entsprechende Umfeld dafür findet. Was man an der Uni total unterschätzt, während man sich mit Rechtsgebieten auseinandersetzen muss, die einen weniger interessieren und in denen man eh niemals tätig sein wird: Welche Last von einem abfällt, wenn dieser Teil und der Prüfungsstress erst einmal hinter einem liegen. Und wie viel Spaß die Arbeit dann tatsächlich machen kann.


