Interview: Frag die … Juristin und Abgeordnete der Hamburgerischen Bürgschaft

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Mehria Ashuftah wurde 1987 in Kabul geboren. Heute ist sie Volljuristin und als erste afghanischstämmige Frau für die SPD Abgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Von 2009 bis 2015 studierte sie Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg und legte 2019 ihr zweites Staatsexamen am Oberlandesgericht Schleswig ab. Seit 2020 ist sie nicht nur als Anwältin tätig, sondern gibt ihr Wissen auch als Lehrbeauftragte an ihrer Alma Mater weiter.

Bereits 2011 trat sie der SPD bei. 2015 gründete sie gemeinsam mit anderen den Spin-off der Refugee Law Clinic HamburgRLC #KnowYourRights, den sie bis heute leitet. Darüber hinaus ist sie Vorständin eines feministischen Frauenvereins mit sieben Standorten. Bundesweit engagiert sie sich zudem als Wertebotschafterin einer Bildungsinitiative und betreut als Protektorin im Hamburger Studierendenwerk mehr als 450 Studierende.

Wir haben mit der Anwältin über ihren außergewöhnlichen Werdegang und ihr vielfältiges Engagement gesprochen.

Du bist mit nur einem Jahr mit Deiner Familie von Afghanistan nach Deutschland gekommen. Wie hat das Deine ersten Lebensjahre geprägt?


Mehria Ashuftah: Meine ersten Lebensjahre in Deutschland haben mich sehr geprägt. Ich bin in den ersten Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft aufgewachsen. Schon früh waren die Unterschiede zu anderen Kindern beziehungsweise später zu meinen Mitschülerinnen und Mitschülern sehr deutlich – sei es in der Sprache, aber auch in den Möglichkeiten, die man hatte. Viele Dinge, die für andere selbstverständlich waren, waren es für uns nicht.

Gleichzeitig haben meine Eltern immer unglaublich viel gearbeitet und dabei nie aus den Augen verloren, wie wichtig Bildung ist. Sie selbst sind Akademiker, mussten hier aber bei null anfangen. Sie haben alles gemacht: vom Tellerwaschen über Zeitungen austragen bis hin zum Taxifahren. Trotz all dieser Belastungen haben sie immer darauf geachtet, dass wir Kinder Bildung erhalten und unsere Chancen nutzen. Diese Haltung hat mich sehr geprägt. Ich habe früh verstanden, dass Bildung nicht nur ein Privileg, sondern auch ein Schlüssel zu Selbstbestimmung und Teilhabe ist.

Trotzdem hast Du später sogar Jura studiert. Wieso gerade dieses Fach?


Mehria Ashuftah: Das ist tatsächlich eine ganz niedliche und für mich bis heute sehr emotionale Geschichte. Mein Großvater väterlicherseits kam nach uns nach Hamburg. Er hatte das Glück, nicht in einer Flüchtlingsunterkunft unterzukommen, sondern in einer kleinen Einzimmerwohnung über einem Einkaufszentrum. Viele Wochenenden habe ich dort verbracht, damit meine Eltern noch mehr arbeiten konnten.

In dieser etwa 45 Quadratmeter großen Wohnung hing ein ungefähr A5-großes Schwarz-Weiß-Foto einer Frau in einer schwarzen Robe. Ich fragte meinen Bobo – so sagen wir auf Afghanisch zu Opa –, warum dieses Foto dort hing. Er setzte mich auf seinen Schoß und erzählte mir die Geschichte dieser Frau: Sie sei Juristin in Kabul, unterrichte an der Universität und mache auch Politik. Seine Augen strahlten dabei, und ich werde diesen Moment nie vergessen. Am Ende sagte er mir, dass diese Frau seine Tochter sei – also meine Tante. Ich sagte damals zu ihm: Dann werde ich auch wie meine Tante, damit du eines Tages genauso stolz von mir erzählst.

Als ich dann in der Schule – ich war sehr früh eingeschult worden – in der ersten Klasse im Stuhlkreis erzählte, dass ich einmal Anwältin werden möchte, lachten alle. Das war ich damals schon gewohnt und es störte mich zunächst nicht. Aber der Satz meiner Lehrerin schmerzt mich noch heute. Sie sagte zu mir: „Mehria, du hast schöne Augen und kannst ganz gut Mathe, vielleicht wirst du mal eine hübsche Kassiererin.“ Und sie erklärte mir, dass ich als afghanisches Mädchen, das große Sprachprobleme habe und in einer Flüchtlingsunterkunft lebe, wohl kaum Anwältin werden würde.

Als ich das nächste Mal bei meinem Bobo war, habe ich geweint und ihm gesagt, er solle sich etwas anderes überlegen, worauf er stolz sein könnte. Er nahm mich daraufhin mit nach unten ins Einkaufszentrum zu einem Fotografen. Dort ließ er ein kleines Foto von mir machen und hängte es unten in die Ecke neben das Foto meiner Tante. Er sagte, er werde jedes Jahr ein Foto von mir machen, bis dort eines von mir in einer schwarzen Robe hängt.

Als mein Bobo starb, hat meine Oma diese Tradition weitergeführt und jedes Jahr ein Foto von mir gemacht. Und als ich später diese wichtigen Schritte gegangen bin – als ich das erste Mal eine schwarze Robe als Anwältin getragen habe, als ich das erste Mal an der Universität gelehrt habe und als ich als Abgeordnete das erste Mal im Parlament war – habe ich jeweils ein Foto mit meinem Handy machen lassen, es an einem Schnelldruckautomaten in einer Drogerie ausgedruckt und neben seinem Grabstein vergraben.

Ich habe mein Versprechen gehalten. Und auch wenn später viele weitere Gründe dazugekommen sind, warum Jura genau das richtige Fach für mich ist – angefangen hat alles mit dieser Geschichte. Einen Plan B hatte ich nie.

Welche besonderen Herausforderungen musstest Du aufgrund Deiner Herkunft an der Uni meistern? Gab es Unterstützung?

Mehria Ashuftah: Es gab immer wieder Situationen, in denen mir sehr deutlich gemacht wurde, dass ich für manche nicht selbstverständlich in diese Räume gehöre. Ich erinnere mich an eine Situation, in der mir gesagt wurde: „Dass jemand wie du hier ist und nun unser Recht studiert, um es uns dann anzuwenden, geht gar nicht.“

Solche Aussagen vergisst man nicht. Sie zeigen, dass es eben nicht nur um Leistung geht, sondern dass man sich oft zusätzlich behaupten muss. Gleichzeitig habe ich auch Unterstützung erfahren und mir Netzwerke aufgebaut. Diese Mischung hat meinen Weg geprägt.

Welche Rolle spielen Initiativen wie das Netzwerk multikultureller Jurist:innen dabei, in dem Du Mitglied bist?

Mehria Ashuftah: Ich bin selbst Mitglied im Netzwerk multikultureller Jurist:innen, und solche Initiativen sind unglaublich wichtig. Sie schaffen Räume für Austausch, Sichtbarkeit und gegenseitige Unterstützung. Viele Erfahrungen, die man sonst vielleicht mit sich allein ausmacht, können dort geteilt werden.

Gleichzeitig geht es auch um strukturelle Veränderungen: darum, die juristische Ausbildung und Praxis vielfältiger und gerechter zu gestalten. Diese Netzwerke sind deshalb nicht nur für die einzelnen Mitglieder wichtig, sondern auch für das System insgesamt.

Als ehemaliges Flüchtlingskind hast Du die Refugee Law Clinic in Hamburg gegründet, oder? Was wollt Ihr als Verein erreichen?

Mehria Ashuftah: Die Refugee Law Clinic Hamburg selbst habe ich nicht gegründet, sondern zwei tolle Kommilitoninnen gemeinsam mit Prof. Dr. Nora Markard. Ich habe dann 2015 gemeinsam mit anderen den Spin-off Refugee Law Clinic #KnowYourRights aufgebaut, den ich bis heute leite.

Am Anfang sind wir in Flüchtlingsunterkünfte gegangen und haben über Asylverfahren aufgeklärt. Später kamen viele Seminare und Veranstaltungen hinzu, oft auf Anfrage. Seit 2017 liegt ein besonderer Fokus auf unseren bilingualen juristischen Integrationskursen, die wir seit Corona teilweise auch online anbieten.

Wir arbeiten sehr viel anlassbezogen – zum Beispiel auch mit der GIZ, als es um Ortskräfte aus Afghanistan ging. Diese Angebote haben wir online durchgeführt, um Menschen bundesweit zu erreichen. Unser Ziel ist es, Geflüchteten eine echte Starthilfe zu geben und ihnen verständlich ihre Rechte und Pflichten zu vermitteln.

Und jetzt sitzt Du für die SPD in der Hamburger Bürgerschaft. Wieso bist Du gerade den Sozialdemokraten beigetreten?

Mehria Ashuftah: Meine Familie waren schon immer SPD-Wählerinnen und -Wähler. Die SPD ist die Partei, die seit über 160 Jahren für soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Chancengleichheit steht. Diese Werte haben mich geprägt.

Auch die historische Verantwortung der Partei – insbesondere ihr Einsatz für demokratische Grundwerte, auch in schwierigen Zeiten wie der NS-Zeit – ist für mich ein wichtiger Aspekt. Für mich war klar, dass ich mich politisch dort engagiere, wo ich mich inhaltlich und wertebasiert am stärksten wiederfinde.

Was willst Du in der Politik erreichen? Was sind Deine wichtigsten Ziele für Hamburg?

Mehria Ashuftah: Mir war von Anfang an wichtig, nicht auf meine Herkunft reduziert zu werden, sondern mich inhaltlich breit einzubringen. Ich sitze in den Ausschüssen Haushalt, Justiz und Verbraucherschutz, Gleichstellung und Antidiskriminierung sowie Kultur und Medien, außerdem im Unterausschuss Personalwirtschaft und öffentlicher Dienst.

Chancengleichheit ist für mich ein zentrales Thema. Diskriminierung bedeutet mehr als nur Rassismus – es geht auch um Benachteiligungen aufgrund von Alter, Geschlecht, Armut, Religion oder Beeinträchtigungen.

Kultur und Medien sind wichtig, weil sie gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Vielfalt sichtbar machen. Der Haushalt wiederum zeigt, welche politischen Prioritäten tatsächlich gesetzt werden. Und in den Bereichen Justiz und Gleichstellung geht es ganz konkret um Fairness und Rechte.

Auch Themen wie Integration, der Schutz von Frauen und der Umgang mit Extremismus sind mir sehr wichtig, selbst wenn ich nicht in allen entsprechenden Ausschüssen sitze. Ich bringe mich dazu sowohl politisch als auch zivilgesellschaftlich ein.

Die Diskussion um eine Reform des Jurastudiums hast Du bestimmt mitbekommen. Setzt Du Dich auf Landesebene auch dafür ein?

Mehria Ashuftah: Ja, ich verfolge diese Diskussion sehr aufmerksam. Das Jurastudium ist anspruchsvoll, aber auch reformbedürftig. Es geht darum, es moderner, zugänglicher und praxisnäher zu gestalten und dabei mehr Chancengleichheit zu schaffen

Was würdest Du anderen Personen mit Migrationshintergrund raten, die Jura studieren oder in der Politik Karriere machen wollen? Irgendwelche Ratschläge?

Mehria Ashuftah: Wenn ich früher meinen Eltern erzählt habe, dass andere mir sagen, ich solle nicht „nach den Sternen greifen“, dann haben sie mir immer geantwortet – und tun es bis heute: Such dir andere Sterne, die noch niemand gesehen hat

Es ist völlig in Ordnung, auf dem Weg zu fallen – auch mehrfach. Und es ist auch in Ordnung, mal liegen zu bleiben. Wichtig ist, dass man wieder aufsteht.

Lasst euch nicht einreden, dass bestimmte Wege nicht für euch gedacht sind. Eure Perspektive ist wichtig. Sucht euch Unterstützung, baut Netzwerke auf und geht euren Weg – auch wenn er nicht immer gerade ist.

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Redaktion
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JURios. Kuriose Rechtsnachrichten. Kontakt: redaktion@jurios.de

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