Zwei Ausbilder vergessen, in einem Online-Seminar mit rund 400 Teilnehmenden der Rechtsanwaltskammer (RAK) München, ihre Mikrofone stumm zu schalten. Die Referendar:innen hören mit, wie die beiden Männer sexistisch über eine Kollegin herziehen und sie „Mäuschen“ nennen. Daraufhin verlässt ein Großteil der Teilnehmenden das Meeting.
Ein Vorfall in einer digitalen Ausbildungsveranstaltung für Rechtsreferendar:innen sorgt im Netz derzeit für Diskussionen über den Umgangston in der juristischen Ausbildung.
Nach übereinstimmenden Berichten zahlreicher Referendar:innen, die sich an JURios wandten, hatten sich die beiden als Ausbilder eingesetzten Anwälte am 15. April nach Beginn der Veranstaltung nicht stummgeschaltet. Während einer rund 20-minütigen Pause, in der die Teilnehmenden einen Übungsfall lesen sollten, unterhielten sich die Dozenten über ihren Berufsalltag. Dabei bezeichnete einer von ihnen Mitarbeiterinnen einer gerichtlichen Geschäftsstelle wiederholt als „Mäuschen“. Außerdem wurde im Gespräch behauptet, die Frau „arbeite vom Bett aus“.
JURios liegt ein Gedächtnisprotokoll der Aussage vor. Aus diesem geht unter anderem hervor, dass auch der Dozent, der die Mäuschen-Aussage nicht getätigt hat, danach versucht hat, das Geschehen zu rechtfertigen und zu verharmlosen. Was der Kollege gesagt habe „sei der Gesprächssituation geschuldet“. Auch Männer könnten „Mäuschen“ sein. Außerdem seien „nur die Teilzeitbeschäftigten“ gemeint. Der Redaktion sind die Namen der beteiligten Dozenten bekannt.
Bis zu 400 bayerische Referendar:innen konnten das Gespräch mithören. Hinweise im Chat, dass das Mikrofon noch aktiv sei, wurden zunächst nicht bemerkt. Bei der Online-Veranstaltung handelte es sich um einen Einführungslehrgang zur Anwaltsstation im Bezirk des Oberlandesgerichts (OLG) München. Der Lehrgang selbst wird organisatorisch vom OLG München koordiniert, die inhaltliche Ausgestaltung liegt jedoch bei der RAK München.
Kritik im Chat, Teilnehmende verlassen Meeting
Im Anschluss konfrontierten Teilnehmende die beiden Männer unmittelbar mit den Äußerungen. Sie kritisierten die Wortwahl als sexistisch und unprofessionell. Eine unmittelbare Entschuldigung blieb zunächst aus. Als der referierende Anwalt später versuchte, die Situation erneut aufzugreifen, hatte bereits etwa die Hälfte der Teilnehmenden die Veranstaltung verlassen.
In den Screenshots, die JURios vorliegen heißt es dazu unter anderem: „Aufgrund der heutigen Vorkommnisse und des für uns inakzeptablen Umgangs mit sprachlichem Sexismus hat sich die Mehrheit der AG des LG Augsburg dazu entschieden, die Veranstaltung geschlossen zu verlassen.“ Die Mehrheit der AG des LG München schloss sich dem ebenfalls an. Dazu heißt es: „Was hier heute gelaufen ist und auch der Umgang damit ist nicht in Ordnung und sorgt für keine adäquate Lernatmosphäre. Wir sind raus.“
In Zuschriften sprechen Referendar:innen von einem „Armutszeugnis für die juristische Ausbildung“ und „einem Fiebertraum“. Auf Instagram schreibt eine Jurastudentin „I’m shocked, but I’m not sursprised“. Inzwischen kursieren Memes zum „Mäuschen-Gate“. Der Vorfall werfe grundlegende Fragen zu Sensibilität, Vorbildfunktion und Kommunikationskultur im Ausbildungsbetrieb auf, so die angehenden Jurist:innen.
Rechtsanwaltskammer reagiert am Folgetag
Die zuständige Rechtsanwaltskammer (RAK) München reagierte jedoch erst am Folgetag mit einer offiziellen Stellungnahme. Die Präsidentin distanzierte sich in einem Schreiben deutlich von den Äußerungen. Diese entsprächen in keiner Weise den Maßstäben eines respektvollen und diskriminierungsfreien Umgangs. Man werde den Sachverhalt umfassend aufklären und die beteiligten Referenten anhören. Auf Anfrage von JURios erklärte RAK-Präsidentin Anne Riethmüller man nehme derartige Vorfälle „sehr ernst, insbesondere dann, wenn es um Veranstaltungen geht, die von der Kammer mitverantwortet werden.“
Weiter schreibt sie: „Als Präsidentin der Rechtsanwaltskammer München ist es mir – auch persönlich – ein wichtiges Anliegen, dass Gleichbehandlung und Wertschätzung selbstverständlich sind und aktiv gelebt werden. Die juristische Ausbildung muss hierfür einen verlässlichen Rahmen bieten. Wir nehmen den Vorgang daher sehr ernst, werden ihn umfassend aufklären und ggfs. die gebotenen Konsequenzen daraus ziehen. Dies haben wir auch bereits allen Referendarinnen und Referendaren, die an dieser Veranstaltung teilgenommen haben, mitgeteilt.“
Aussagen, die Personen in herabsetzender oder diskriminierender Weise charakterisieren, seien mit dem Berufsbild der Rechtsanwältin und des Rechtsanwalts unvereinbar und entsprächen nicht den Werten, für die die Rechtsanwaltskammer München steht.
OLG München fordert Prüfung
Dr. Laurent Lafleur, Richter am OLG München, erklärt gegenüber JURios: „Die Ausbildung des juristischen Nachwuchses ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Das Oberlandesgericht ist stets bestrebt, den Vorbereitungsdienst bestmöglich zu organisieren und alle Referendarinnen und Referendaren auf die Zweite Juristische Staatsprüfung sowie das spätere Berufsleben optimal vorzubereiten.“
Man habe daher die RAK München gebeten, den eingegangenen Beschwerden über die zwei Dozenten nachzugehen, den Sachverhalt aufzuklären und mögliche Konsequenzen zu prüfen.
Debatte reicht weit über München hinaus
In sozialen Netzwerken entwickelte sich der Fall rasch zu einem viralen Thema. Unter Schlagworten wie „Mäuschen-Gate“ diskutieren Jurist:innen seitdem über den Vorfall. Eine Referendarin schreibt, sie sei „angeekelt“. Mehrere Frauen berichteten JURios, sie fühlten sich in der Ausbildung nicht ernst genommen.
Auch andere sexistische Vorfälle werden der Redaktion seitdem zugespielt. So berichtet ein Referendar aus Kiel, dass ein Oberstaatsanwalt während der AG laut „Siri, du Schlampe“ gerufen habe. In einer Stunde zur mündlichen Prüfung hab er lang und ausführlich von einer Kandidatin erzählt, deren Rock während der Prüfung immer weiter hochgerutscht war. Dabei äußerte er mehrmals: „Es war wie ein Unfall, ich konnte einfach nicht wegschauen“. Der AG-Leiter wurde später wieder eingesetzt. Die Begründung: Ausbildermangel.



