Der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) in der juristischen Arbeit könnte weniger schädlich für das menschliche Denken sein als viele Kritiker:innen befürchten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue empirische Studie von Rechtswissenschaftlern der University of Minnesota Law School, die systematisch untersucht, wie sich KI auf juristische Analysefähigkeiten auswirkt. Die Autoren: Nick Bednar, David Cleveland, Allan Erbsen, und Daniel Schwarcz.
Seit der breiten Verfügbarkeit von KI-Systemen wird in der Rechtsbranche intensiv darüber gestritten, ob die Technologie die Qualität juristischer Arbeit langfristig untergräbt. Während einige Untersuchungen deutliche Produktivitätsgewinne belegen, warnen Berufsverbände und Ethikgremien vor einem möglichen Verlust an eigenständigem Denken. Genau diese Sorge stand im Zentrum der aktuellen Untersuchung.
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Experiment mit 100 Jurastudierenden
Für ihre Studie führten die Autor:innen ein Experiment mit rund 100 fortgeschrittenen Jurastudierenden durch. Die Teilnehmer:innen mussten mehrere typische Aufgaben aus dem juristischen Arbeitsalltag bewältigen:
- eine Synthese juristischer Quellen (Memo),
- einen Wissenstest ohne Hilfsmittel,
- die Anwendung des Rechts auf einen Fall,
- sowie die Überarbeitung eines juristischen Textes
Ein Teil der Studierenden durfte bereits zu Beginn KI-Tools einsetzen, während die Kontrollgruppe zunächst ohne technische Hilfe arbeiten musste. In späteren Phasen arbeiteten beide Gruppen ohne KI, bevor am Ende wieder alle Teilnehmer:innen Zugriff erhielten. Dieses Design sollte klären, ob ein früher KI-Einsatz die Fähigkeit beeinträchtigt, später eigenständig juristisch zu denken.
70 % Leistungssteigerung mit KI
Die Ergebnisse fallen differenziert aus. Erwartungsgemäß schnitten die Teilnehmer mit KI-Unterstützung bei der ersten Aufgabe deutlich besser ab. Sie lieferten qualitativ hochwertigere Analysen und benötigten dafür erheblich weniger Zeit. Die Leistungssteigerung lag laut Studie bei bis zu 70 Prozent und übertraf damit frühere Untersuchungen.
Überraschend ist jedoch, was danach geschah. Entgegen der verbreiteten Annahme zeigte sich kein Hinweis darauf, dass die KI-Nutzung das Verständnis der zugrunde liegenden Rechtsfragen verschlechtert hätte.
- Beim Wissenstest zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.
- Bei der Anwendung des Rechts schnitten die KI-Nutzer sogar besser ab – obwohl ihnen in dieser Phase keine KI zur Verfügung stand.
Die Autoren erklären diesen Effekt damit, dass KI offenbar hilft, von Anfang an klarere und strukturiertere Analysen zu erstellen. Diese bessere Ausgangsbasis wirke sich positiv auf nachfolgende Denkschritte aus, selbst wenn die Technologie später nicht mehr zur Verfügung steht.
Schwache Arbeiten profitieren von KI, starke Arbeiten leiden unter KI
Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch Grenzen und Risiken auf. In einem letzten Schritt sollten alle Teilnehmer:innen ihre juristischen Texte mithilfe von KI überarbeiten. Dabei ergab sich ein unerwartetes Muster:
- Schwache Arbeiten wurden besser,
- starke Arbeiten wurden schlechter.
Nach Einschätzung der Forscher:innen deutet dies darauf hin, dass KI bestehende Schwächen gut ausgleichen kann, zugleich aber dazu neigt, differenzierte Argumentationen zu vereinfachen oder zu nivellieren. Gerade leistungsstarke Jurist:innen könnten dadurch an analytischer Tiefe verlieren, wenn sie sich zu stark auf KI-Vorschläge verlassen.
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Antworten werden unkritisch übernommen
Führt die Nutzung von KI also zur „Erosion juristischen Denkens“? Die Autor:innen verweisen hierzu auf vergleichbare Befunde aus anderen Bereichen – mit teils alarmierenden Befunden:
- In der Medizin führte KI-Unterstützung teilweise zu Fehleinschätzungen durch übermäßiges Vertrauen.
- Programmierer verstanden ihren eigenen Code schlechter, wenn sie KI nutzten.
- Nutzer übernehmen KI-Antworten oft unkritisch – selbst wenn sie falsch sind.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Gefahr einer „kognitiven Abkürzung“ real ist: Menschen denken weniger tief, wenn Maschinen scheinbar fertige Lösungen liefern.
KI sinnvoll und bewusst einsetzen
Für die Rechtsbranche gilt: KI macht Jurist:innen nicht automatisch schlechter – aber auch nicht automatisch besser.
Vor diesem Hintergrund plädieren die Wissenschaftler:innen für einen bewussten und begrenzten Einsatz von KI in der juristischen Praxis. Entscheidend sei, dass Anwender die Ergebnisse der Systeme eigenständig überprüfen und nachvollziehen können. Dabei sollte man sich auch unter Zeitdruck nicht blind auf die KI verlassen. Zudem sollte die Nutzung auf klar umrissene Teilaufgaben beschränkt bleiben, anstatt den gesamten Arbeitsprozess zu dominieren.
Dass KI zwangsläufig zu einem Verlust juristischer Kompetenzen führt, konnten die Wissenschaftler:innen hingegen nicht bestätigen. Oder, zugespitzt formuliert: Nicht die KI ersetzt den Juristen – sondern der Jurist, der KI richtig einsetzt, ersetzt den, der es nicht tut.
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