Assoc. Prof. Dr. Nepomuk Nothelfer ist Anwalt in der Kanzlei MELCHERS und unter anderem spezialisiert auf Gaming, E-Sport, Sport und New Technologies. Er ist Mitgründer der Forschungsstelle für E-Sport-Recht an der Universität Augsburg und des E-Sports Research Network. 2025 wurde er von der Universität Agder (Norwegen) als Associate Professor berufen.
Lieber Herr Dr. Nothelfer, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Wissenswertes über sich und Ihren Beruf als Rechtsanwalt mit Spezialisierung auf E-Sport-Recht mit unseren JURios-Leser:innen zu teilen! Sie haben sich als Anwalt auf Gaming und E-Sport spezialisiert. Wieso?
Weil mich die Bereiche privat begeistern und juristisch herausfordern.
Im Hinblick auf die persönliche Passion muss ich zwar einräumen, dass ich lange nicht mehr so viel „zocken“ kann wie früher, Games (und digitale Medien im Allgemeinen) begleiten mich aber schon seit meiner Kindheit und prägen auch heute noch die wenige Freizeit. Und wer reist nicht gerne beruflich zu Events wie der Gamescom oder zu internationalen E-Sport-Finals?
Entscheidend ist für mich aber die inhaltliche Dimension: Gaming und E-Sport sind keine Nischen mehr, sondern hochdynamische globale Digitalmärkte, in denen sich zentrale rechtliche Fragen unserer Zeit verdichten – von neuartigen Vertragsstrukturen über Plattformregulierung bis hin zur IP-rechtlichen Einordnungen digitaler Inhalte. Gaming und E-Sport findet damit genau dort statt, wo sich das Recht gerade neu sortiert bzw. sortieren muss. Es hat mir schon immer Spaß gemacht, mich mit meinem juristischen Handwerkszeug an neue, noch nicht (vollständig) durchdrungene Themen heranzuwagen. Zugleich bietet sich hier noch die seltene Möglichkeit, wirtschaftliche und politische Entwicklungen aktiv mitzugestalten.
Was spricht für eine frühe Spezialisierung auf ein Rechtsgebiet und was spricht dafür, sich möglichst breit bzw. in mehreren Rechtsgebieten aufzustellen?
Die jeweiligen Vor- und Nachteile sind vielfältig. Stark verkürzt lässt sich sagen: Je stärker man sich spezialisiert, desto eher ist man in der Lage, auch hochkomplexe Einzelfragen in einem bestimmten Bereich einer tragfähigen Lösung zuzuführen. Zugleich wird man schneller als Experte wahrgenommen, ist allerdings häufig weniger flexibel. Außerdem stellen sich juristische Herausforderungen heutzutage mehr als je zuvor nicht mehr in einem rein isoliert-rechtlichen Kontext, sondern in Gemengelagen unterschiedlichster rechtlicher, wirtschaftlicher und tatsächlicher Erwägungen. In der Praxis ist das Recht selten so sauber getrennt, wie es Lehrbücher suggerieren – viele Fragestellungen bewegen sich gleichzeitig in mehreren Rechtsgebieten. Gerade in solchen Situationen kann ein Berater überzeugen, der breit aufgestellt ist und auch (vermeintlich) fachfremde Aspekte sinnvoll in den Lösungsprozess integriert.
Am Ende kommt es jedoch stets darauf an, den Anforderungen der jeweiligen Tätigkeit gerecht zu werden. Arbeitet man etwa als Rechtsanwalt, sind dies vor allem die Herausforderungen, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen den Interessen des Mandanten und den Vorgaben des Berufsrechts ergeben.
In der ersten Phase größerer Projekte überzeugt häufig der Generalist, der rasch eine belastbare Ersteinschätzung liefern und einen strategischen „Schlachtplan“ entwickeln kann. Der beste Plan nützt jedoch wenig, wenn die entscheidenden Detailfragen in der nächsten Phase nicht mit der nötigen fachlichen Tiefe von einem Spezialisten beantwortet werden können. Doch kommt es zu einer solchen Prüfung erst gar nicht, wenn im ersten Schritt nicht der Mandant überzeugt werden kann, dass man bei der passenden Kanzlei gelandet ist.
Ansonsten verstehe ich Gaming- und E-Sport-Recht nicht als Rechtsgebiete im klassischen Sinne, sondern vielmehr als tatsächliche Querschnittsmaterien mit vielfältigen rechtlichen Implikationen. Der frühe Fokus auf eine bestimmte Branche kann dabei helfen, rasch sichtbare und belastbare Expertise aufzubauen. Gerade fundiertes Branchenwissen sowie gewachsene Netzwerke stellen einen erheblichen Mehrwert dar, der sich nicht ohne Weiteres durch KI substituieren lässt. Gleichzeitig birgt eine starke Branchenspezialisierung das Risiko, sich von der Entwicklung dieses Marktes abhängig zu machen oder als „One Trick Pony“ wahrgenommen zu werden. Beidem gilt es gezielt entgegenwirken, etwa durch die Entwicklung fachlicher Breite und die Übertragbarkeit der eigenen Kompetenzen auf andere Bereiche.
Nehmen Sie uns an die Hand und führen Sie uns durch einen typischen Arbeitstag bei MELCHERS.
Ich weiß gar nicht, ob es den typischen Arbeitstag bei MELCHERS überhaupt gibt. Wie in jeder Kanzlei mit mehreren Einheiten dürften die Besonderheiten der jeweiligen Teams den Arbeitsalltag stärker prägen als eine einheitliche Kanzleiidentität – auch wenn bei MELCHERS gerade auf Letztere großer Wert gelegt wird. Persönlich unterscheide ich im Wesentlichen zwischen zwei Arten von Arbeitstagen: dem klassischen Bürotag und dem mobilen Arbeitstag.
Mein Arbeitstag beginnt entweder im Homeoffice in München oder in unserem Heidelberger Büro – aber in jedem Fall mit einem Kaffee. Danach erstelle ich mir meist einen detaillierten Tagesplan, den ich spätestens nach dem ersten Mandanten-Call vollständig über den Haufen werfen muss. Und ab diesem Zeitpunkt gleicht wohl kein Tag mehr dem anderen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass es für mich tatsächlich keinen „typischen Arbeitsalltag“ gibt – das macht meinen Job im Zweifel aber auch so spannend.
Ähnliches gilt auch für meine mobilen Arbeitstage. Ich habe das Privileg, an zahlreichen internationalen Projekten und Konferenzen mitwirken zu dürfen. Das ist fachlich und persönlich äußerst bereichernd, zugleich aber sicherlich auch der anstrengendste Teil meiner Arbeit.
Apropos „typischer Tag“: Was sind typische Probleme, die Ihnen tagtäglich bei Ihrer Arbeit begegnen – was war im Gegenteil dazu der kurioseste Fall, der Ihnen widerfahren ist?
Mein Schwerpunkt liegt insbesondere im Zivil-, Arbeits- und IP-Recht. Im Bereich des digitalen Entertainments umfasst dies vor allem Spieler-, Trainer- und Creator-Verträge, Sponsoring- und Vermittlungsverträge, Lizenzierungsmodelle sowie die rechtliche Strukturierung von Turniersystemen. Da Gaming und E-Sport jedoch ausgeprägte Querschnittsmaterien darstellen, werde ich nahezu täglich mit neuen und bislang unbekannten Fragestellungen konfrontiert, die ich dann gemeinsam mit den jeweiligen Kollegen angehe.
Mein kuriosester Fall war ohne jeden Zweifel der des minderjährigen Ex-Profis, der als Spieleragent für seinen älteren Bruder tätig wurde. Und nein, ich habe da nichts durcheinandergeworfen. Die Deutsche Fußball Liga hat neben den ersten beiden Bundesligen noch einen dritten Wettbewerb, die „Virtual Bundesliga“ im E-Sport-Titel „EA Sports FC“. Dort wollte ein Klub einen Spieler unter Vertrag nehmen, doch der noch minderjährige kleine Bruder, der sich selbst als Ex-Profi sah, stellte Forderungen, die eher ein Christiano Ronaldo stellen würde (und nicht jemand, der Christian Ronaldos virtuellen Zwilling steuert). Unklar war dabei selbst, ob die Regularien für Spieleragenten im „klassischen Fußball“ überhaupt auf den eFootball Anwendung finden. Ein wilder Ritt in tatsächlicher und juristischer Hinsicht.
Sollte man sich für Computerspiele und E-Sport interessieren, um sich auf dieses Rechtsgebiet zu spezialisieren?
In juristischer Hinsicht sicherlich kein Muss, in tatsächlicher Hinsicht aber sehr zu empfehlen. Viele Menschen, die in der Branche arbeiten, lieben Gaming und E-Sport. Eine gute Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Was würden Sie Jurastudierenden raten, die Karriere in diesem speziellen Bereich machen möchten? Welche Soft Skills sollte man neben Jura noch mitbringen?
Rechtsmethodische Sattelfestigkeit war wohl nie wichtiger als in einer Zeit, in der nahezu jede technologische Neuerung einen Paradigmenwechsel auslösen und die bestehende Rechtsordnung vor erhebliche Herausforderungen stellen kann. Wer von der Porosität von Rechtsbegriffen noch nichts gehört hat, wird sich mit der Subsumtion digitaler Sachverhalte unter Gesetze aus analogen Zeiten mitunter schwertun. In rechtlicher Hinsicht sind Kenntnisse im Urheber- und Wettbewerbsrecht außerdem unverzichtbar.
Darüber hinaus sind eine ausgeprägte Affinität für digitale Phänomene sowie starke kommunikative Fähigkeiten von zentraler Bedeutung. Die anwaltliche Tätigkeit wird zunehmend interdisziplinär – und erfordert nicht zuletzt, die Sprache des Mandanten zu sprechen.

Neben Ihrer Tätigkeit als Rechtsanwalt sind Sie in verschiedenen Funktionen als E-Sport-Experte tätig. Wie kam es dazu und wie wichtig ist es, Verbänden beizutreten oder Lehraufträge anzunehmen?
Während meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität habe ich intensiv zu den rechtlichen Implikationen des E-Sports geforscht und publiziert. Diese Arbeiten fanden sowohl in der Branche als auch an anderen Hochschulen sowie bei verschiedenen Stakeholdern aus Politik und Verwaltung Beachtung. Hinzu kam ein günstiges Timing, das der Entwicklung zusätzliche Sichtbarkeit verschafft hat.
Networking und Nebentätigkeiten wie Forschung, Lehre oder Verbandsarbeit sind für bestimmte Karriereprofile und Lebensentwürfe essenziell, für andere hingegen irrelevant. Einen eigenen Business Case wird man ohne Networking aber nicht aufbauen können. Zudem gilt in der heutigen Welt, dass die Kommunikation (vermeintlicher) Expertise (leider) nicht minder wichtig ist als deren tatsächliches Vorhandensein – und ohne Kommunikationskanal keine Kommunikation.
Zu guter Letzt: Versetzen Sie sich in Ihr Erstsemester-Ich zurück. Was würde es heute von Ihrem Werdegang halten? Und was raten Sie der nächsten Generation an jungen Jurist:innen, die es Ihnen gleichtun wollen?
Ich vermute, dass mein Erstsemester-Ich begeistert wäre. Passion und Profession miteinander zu verbinden, ist für viele ein Idealbild beruflicher Tätigkeit. Wo jedoch Licht ist, ist auch Schatten: In der Regel sind mit der Arbeit im eigenen Herzensbereich auch spürbare Opfer verbunden – sei es in Form von hohem Einsatz, ständiger Verfügbarkeit oder der Schwierigkeit, Berufliches und Privates klar zu trennen.
Mein Ratschlag ist einfach: Geht euren eigenen Weg. So abgedroschen es klingen mag, aber jeder Fehler, den man selbst macht, lehrt mehr als das bloße Nachlaufen ausgetretener Pfade. Und vor allem lasst euch nicht entmutigen. Für jede Person, die meinen Weg in den letzten 10 Jahren belächelt hat, habe ich heute zwei Projekte im Jahr, die spannender und erfüllender kaum sein könnten.
Welchen E-Sport-Titel spielen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten?
Es gibt so viele Games, die ich gerne gespielt habe, aber seit 2005 gibt es für mich nur eine Antwort auf diese Frage: World of Warcraft! #ForTheHorde!


