Ich habe mein Referendariat vorzeitig beendet. Nicht, weil mir die Rechtswissenschaft keinen Spaß macht – das Gegenteil ist der Fall. Sondern weil der Preis zu hoch war.
Während des Studiums lief es gut. Ich war belastbar, habe nebenbei geackert, meine erste Tochter bekommen und mich engagiert. Der normale Jura-Wahnsinn eben, aber beherrschbar. Der Bruch kam mit dem Ersten Staatsexamen. In dieser Phase der maximalen Überlastung merkte ich zum ersten Mal, dass körperlich etwas grundlegend kippt, als wäre tief in mir drin etwas kaputtgegangen. Drei Monate nach dem Examen hatte ich die Gewissheit dann schwarz auf weiß: Multiple Sklerose.
Dass Jura direkt MS auslöst, ist natürlich Quatsch. Aber der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Examensstress und dem Ausbruch der Krankheit ist für mich erstmal nur schwer zu übersehen. Ich denke, ich war einfach so schon am Kipppunkt und der Stress hat den Rest getan.
Trotz Multipler Sklerose ins Ref
Trotzdem bin ich nach einer längeren Jura-Pause ins Referendariat gestartet, weil ich an der Tätigkeit auch eine gewisse Freude empfinde. Ich dachte, die eigentliche Belastung kommt erst wieder mit den Prüfungen am Ende. Ein Trugschluss. Der ganz normale Ausbildungsalltag ließ schlicht keine Pausen: Jede Woche Klausuren, große Akten, Urteile und Beschlüsse wegarbeiten, Sitzungsdienste, Arbeitsgemeinschaften, Vor- und Nachbereitung, etc. Nach nur wenigen Wochen wurde klar: Hier ist nicht erst am Ende die Examenszeit. Hier ist fast die ganze Zeit Examenszeit.
Das Pensum war dann irgendwann nicht nur gefährlich, sondern machte sich bei mir in konkreten Symptomen bemerkbar.
Wer jetzt einwendet, man könne doch einfach in Teilzeit gehen, verkennt die Realität. Die bestehenden Regelungen sind nicht so hilfreich, wie man meinen möchte. Wer ein Kind hat, kann den Vorbereitungsdienst auf 80 Prozent reduzieren – das ist gut. Wer zwei oder mehr Kinder hat, landet aber ebenfalls bei exakt 80 Prozent. Als ob die Care-Arbeit zu Hause nicht mit jedem Kind steigt. Das System zieht hier einfach eine starre Grenze.
Eine Kollegin hat das Teilzeitmodell dann auch mal so auf den Punkt gebracht: Man merkt die Reduzierung eigentlich nur auf dem Gehaltszettel – beim tatsächlichen Arbeitspensum merkt man sie kaum. Man schuftet demnach fast genauso weiter. Ich habe zwar einen Antrag auf Teilzeit gestellt. Bevor es aber tatsächlich zur Umsetzung kam, hatte ich mich schon entschieden.
Teilzeitmodell nicht ausreichend
Noch härter trifft es chronisch Kranke. Das System behandelt extreme Belastbarkeit nämlich nicht als äußere Rahmenbedingung, sondern als Teil der „geforderten Berufseignung“. Wer nicht funktioniert, fliegt raus. Das VG Wiesbaden hat erst kürzlich einem Examenskandidaten mit einer Autoimmunerkrankung die Schreibzeitverlängerung verwehrt. Die Begründung des Gerichts spricht dabei Bände: Die geforderte Leistungsfähigkeit sei eben die notwendige Voraussetzung für den späteren Beruf und deshalb auch Teil der Prüfung. Nachteile werden hier also nicht ausgeglichen, sie werden zementiert.
Ein System aber, das juristische Exzellenz vor allem daran misst, ob man unter absurdem Zeitdruck eine gigantische Informationsflut in starre Klausurschablonen gießen kann, prüft im Grunde nicht das juristische Arbeiten – es prüft noch immer die „preußische Härte“.
Das Arbeitspensum war jedenfalls irgendwann neben der Familie und Alltag nur noch gegen die Vernachlässigung der eigenen Existenz beherrschbar und das Gesundheitsrisiko wurde für mich hierdurch konkreter. Ein stressbedingter MS-Schub bedeutet dann nicht nur ein bisschen Erschöpfung. Es bedeutet im Ernstfall Sehstörungen, Gehbehinderungen, neurologische Ausfälle. Wann, wie oft und wie heftig so ein Schub kommt, weiß vorher niemand. Ob sich der Körper von den Schäden des Schubs erholt, weiß vorher auch niemand. Dieses Risiko war für mich einfach nicht kalkulierbar – und von daher auch nicht tragbar.
Verantwortung für Familie geht vor
Ich bin Vater von zwei Kindern und trage Verantwortung für meine Familie. Der Gedanke, meine langfristige Gesundheit für einen Titel aufs Spiel zu setzen, der mir zwar berufliche Türen öffnet, mir aber gleichzeitig die Fähigkeit streitig macht, mit meinen Augen sehen oder mit meinen Beinen gehen zu können, wurde irgendwann absurd.
Wir geben den Menschen, die uns wichtig sind, ja i.d.R: oft weitaus klügere und gesündere Ratschläge als uns selbst und die endgültige Entscheidung fiel dann letztlich durch eine einfache Frage: Würde ich meinem eigenen Kind raten, in dieser Situation auf Biegen und Brechen weiterzumachen? Die Antwort war sofort da: Nein. Niemals.
Ich habe diese Erkenntnis beim Wort genommen und die Reißleine gezogen. Ciao Kakao & bis dato Latte Macchiato, Ade Kaffee Ole & bis später dann beim Tee. Ich habe meinen Antrag gestellt und bin nicht mehr erschienen.
Mein juristisches Umfeld hat sehr menschlich reagiert – mit viel Verständnis und ehrlichem Zuspruch. Ob es in späteren Bewerbungsprozessen ein unsichtbares Stigma gibt, weil man das Referendariat abgebrochen hat? Das wird sich zeigen. Das Leben ist jedenfalls viel zu groß, als dass man nur in das Volljuristen-Raster passen würde.
Echte Berufschancen auch mit erstem Examen
Meine „juristische Identität“ verliere ich durch den Abbruch freilich nicht. Ich habe das Erste Staatsexamen in der Tasche, meinen Schwerpunkt im Arbeits- und Sozialrecht mit Prädikat abgeschlossen und bringe eine kaufmännische Ausbildung, einen Wirtschaftsfachwirt, den Ausbilderschein und echte Berufs- und Führungserfahrung mit Budgetverwaltung mit. Dieses Fundament steht und ich stand zum Glück nicht vor der noch härteren Folge, jetzt nichts weiter in der Tasche zu haben.
Vor allem hat der Schritt Platz für Dinge geschaffen: ich habe endlich zwei Bücher veröffentlichen können, die schon lange lagen, und sortiere nun weitere Manuskripte.
Mein Abbruch war für mich kein Aufgeben. Es war im Nachgang betrachtet für mich die wichtigste präventive Gesundheitsentscheidung meines Lebens. Die Juristenausbildung kann das Thema Arbeitsgesundheit weiter ignorieren und als Randnotiz behandeln. Sie darf sich aber nicht wundern, wenn sie reihenweise Köpfe verliert, die nicht bereit sind, ihre Gesundheit dem Mythos grenzenloser Belastbarkeit zu opfern – das gilt für die Ausgestaltung des Studiums als auch die des zweiten Examens.
Für mich ist der größte persönliche Erfolg heute nicht das Zweite Staatsexamen, sondern die Erkenntnis, wann es Zeit ist, für sich selbst einzustehen, zu gehen und das Potenzial dort zu nutzen, wo auch Raum für Liebe und Menschlichkeit ist. Denn wenn ich heute erklären müsste, was meine große Erkenntnis zu Recht denn wäre, dann würde ich sagen: „Es ist jedenfalls der Ort, an dessen Grenze die Liebe endet.“


