Vor etwas mehr als drei Jahren durfte ich auf JURios erzählen, wie ich auf einem eher ungewöhnlichen Weg zum Jurastudium gefunden habe. Damals steckte ich noch mitten im Studium, hatte gerade das dritte Semester hinter mir und wusste selbst noch nicht, wohin mich dieser Weg führen würde. Heute, drei Jahre später, möchte ich an diesen Artikel anknüpfen.
Die aufenthaltsrechtlichen Probleme, die mich damals so sehr beschäftigt haben, gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Und eine weitere erfreuliche Neuigkeit gibt es auch: Vor kurzem habe ich das erste Staatsexamen bestanden.
Ehrlich gesagt hätte ich damals nicht geglaubt, dass ich diesen Satz irgendwann einmal schreiben würde, auch wenn ich das nach außen wahrscheinlich nie so offen zugegeben hätte. Denn der Weg bis hierhin war alles andere als geradlinig. Schon in den ersten Semestern bin ich durch meine erste Übung gefallen. Was für Außenstehende vielleicht wie ein kleiner Rückschlag klingt, hat mich damals tief getroffen. Ich habe mich geschämt, an mir gezweifelt und mich gefragt, ob ich für dieses Studium überhaupt geeignet bin. Während viele Kommilitoninnen und Kommilitonen scheinbar mühelos vorankamen, hatte ich das Gefühl, allem hinterherzulaufen.
„Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug?“
Rückblickend war das Durchfallen an sich jedoch gar nicht das Schlimmste. Viel belastender war der Gedanke, daraus den Schluss zu ziehen, dass ich vielleicht einfach nicht gut genug für Jura bin. Dieses Gefühl entwickelte sich mit der Zeit zu einem regelrechten Imposter-Syndrom und begleitete mich nicht nur durch die folgenden Semester, sondern auch durch die Examensvorbereitung. Selbst unmittelbar vor den schriftlichen Klausuren gab es Tage, an denen ich überzeugt war, längst nicht genug zu können.
Umso wichtiger ist mir heute eine Erkenntnis: Selbstzweifel und tatsächliche Leistung haben oft erstaunlich wenig miteinander zu tun. Dass ich mein erstes Staatsexamen schließlich bestanden habe, bedeutet nicht, dass diese Zweifel irgendwann plötzlich verschwunden wären. Ich habe vielmehr gelernt, trotz – und mit ihnen weiterzumachen.
Genau deshalb möchte ich die Dinge teilen, die ich heute gerne schon zu Beginn meines Studiums gewusst hätte, in der Hoffnung, dass sie vielleicht der einen oder dem anderen den Weg ein kleines Stück leichter machen.
Die richtigen Menschen sind wichtiger als die besten Noten
So banal es klingt: Die Menschen, mit denen man studiert, können darüber entscheiden, wie man durch schwierige Phasen kommt.
Als ich durch meine erste Übung fiel, haben sich einige Freundschaften, die ich bis dahin für selbstverständlich gehalten hatte, überraschend schnell verändert. Plötzlich stand ich ziemlich allein da. Rückblickend war das schmerzhaft, aber gleichzeitig der Beginn von etwas viel Wertvollerem. Gerade durch diese Erfahrung habe ich Menschen kennengelernt, die mich bis heute begleiten. Freundschaften, die längst über das Jurastudium hinausgehen und die ich nicht mehr missen möchte.
Deshalb mein Rat: Sucht euch Menschen, die sich nicht nur mit euch über Erfolge freuen, sondern auch bleiben, wenn einmal etwas schiefläuft. Diese Menschen werden euch durch das Studium tragen.
Fehler ist ein Anagramm von Helfer
Ich habe am Anfang meines Studiums vieles falsch gemacht. Ich habe ineffizient gelernt, zu wenige Fälle gelöst und Veranstaltungen ausgelassen, die mir später geholfen hätten. Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten.
Damals empfand ich jeden Fehler als Bestätigung dafür, dass ich vielleicht nicht gut genug für Jura bin. Heute sehe ich das völlig anders. Jeder Fehler, den ich vor dem Examen gemacht habe, war letztlich eine Chance, meine Arbeitsweise zu verbessern. Lieber scheitert man im zweiten Semester als im Staatsexamen.
Ich wünsche mir deshalb, dass wir als Jurastudierende auch häufiger über die schwierigen Seiten des Studiums sprechen. Über durchgefallene Übungen, misslungene Klausuren und Selbstzweifel. Denn nur wenn wir aufhören, ausschließlich die Erfolge zu zeigen, verschwindet irgendwann auch das Gefühl, mit den eigenen Rückschlägen allein zu sein.
Sucht euch Mentorinnen und Mentoren
Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind wichtig. Mindestens genauso wertvoll sind aber Menschen, die den Weg bereits gegangen sind. Ich erinnere mich bis heute an einen AG-Leiter, der mir nach meiner nicht bestandenen Übung sinngemäß sagte, dass die Welt davon nicht unterginge. Damals erschien mir das fast unvorstellbar. Heute weiß ich, wie recht er hatte.
Manchmal braucht es keine lange Liste voller Lerntipps, sondern einfach jemanden, der zuhört, die eigenen Sorgen ernst nimmt und sie gleichzeitig in die richtige Perspektive rückt.
Die Examensvorbereitung ist höchstpersönlich
Kaum ein Abschnitt des Jurastudiums wird so sehr miteinander verglichen wie die Examensvorbereitung. Welches Repetitorium besucht man? Wann schreibt man den Freischuss? Schreibt man ihn überhaupt? Wie viele Stunden lernt man täglich?
Dabei gibt es auf diese Fragen keine allgemeingültigen Antworten.
Ich habe mich entschieden, den Freischuss zu schreiben und bewusst auf ein kommerzielles Repetitorium zu verzichten. In meinem Umfeld war ich mit dieser Entscheidung eher die Ausnahme. Trotzdem war sie für mich genau richtig.
Deshalb würde ich jedem raten, die eigene Examensvorbereitung nicht nach den Entscheidungen anderer auszurichten. Nicht jeder lernt gleich, nicht jeder braucht dieselbe Vorbereitungszeit und nicht jeder profitiert vom gleichen Konzept. Was zählt, ist nicht, ob der eigene Weg dem der Mehrheit entspricht, sondern ob er zu einem selbst passt.
Kennt euer Warum
Mein persönliches Warum kennen viele Leserinnen und Leser bereits aus meinem ersten Artikel. Es war der Grund, warum ich dieses Studium überhaupt begonnen habe; und es war auch der Grund, warum ich in schwierigen Phasen weitergemacht habe.
Motivation ist vergänglich. Es wird Tage geben, an denen Jura keinen Spaß macht und an denen man am liebsten alles hinschmeißen würde. In solchen Momenten trägt einen nicht die Aussicht auf gute Noten oder ein angesehenes Berufsbild, sondern die Antwort auf die Frage, warum man diesen Weg überhaupt eingeschlagen hat. Deshalb kann ich jedem nur ans Herz legen, dieses persönliche Warum für sich zu finden. Im Idealfall reicht es weiter als der Wunsch nach Prestige oder einem guten Einkommen.
Wenn ich heute auf den Artikel zurückblicke, den ich vor drei Jahren geschrieben habe, muss ich etwas schmunzeln. Damals wusste ich nicht, ob ich diesem Studium gewachsen bin. Heute weiß ich, dass Zweifel und Erfolg sich nicht ausschließen müssen.
Vielleicht liest gerade jemand diesen Artikel, der sich genau an dem Punkt befindet, an dem ich damals war. Falls das so ist, hoffe ich, dass meine Geschichte zeigt: Ein holpriger Start entscheidet nicht darüber, wie eure Reise endet. Zwischen Leid und Leidenschaft liegen oft genau die Erfahrungen, an denen wir am meisten wachsen. Heute weiß ich, dass ich keine davon missen möchte.


