Die US-Kanzlei Vorys geht einen Schritt weiter: Digitale Doppelgänger von 19 Partner:innen sollen neue Associates trainieren – ganz im individuellen Denkstil der jeweiligen Anwältinnen und Anwälte. Kann Künstliche Intelligenz (KI) das Mentoring tatsächlich ergänzen oder sogar neu definieren?
Die Digitalisierung der juristischen Ausbildung erreicht eine neue Stufe: Die US-Wirtschaftskanzlei Vorys, Sater, Seymour and Pease setzt künftig auf KI-basierte „Partner-Personas“, die Associates bei der täglichen Arbeit unterstützen und gleichzeitig als digitale Mentor:innen dienen sollen. Die virtuellen Doppelgänger von zunächst 19 Partner:innen wurden gemeinsam mit dem Stanford Law School Innovation Lab (liftlab) entwickelt und nach einer mehrmonatigen Pilotphase nun kanzleiweit eingeführt.
Spezialisierte Chatbots mit Partner-Personalität
Während generative KI bislang vor allem eingesetzt wird, um juristische Routineaufgaben wie Recherche, Dokumentenanalyse oder Vertragsentwürfe effizienter zu erledigen, verfolgt Vorys einen anderen Ansatz: Die Technologie soll nicht primär die juristische Arbeit automatisieren, sondern das Wissen und die Berufserfahrung erfahrener Wirtschaftsanwält:innen für den juristischen Nachwuchs jederzeit verfügbar machen.
Die digitalen Personas funktionieren wie spezialisierte Chatbots. Associates können Fragen stellen, Vertragsentwürfe überprüfen lassen oder strategisches Feedback zu Schriftsätzen einholen. Die Antworten orientieren sich dabei nicht an einem allgemeinen juristischen Wissensmodell, sondern an der individuellen Denkweise der jeweiligen Partner:innen.
Bemerkenswert ist dabei, wie die digitalen Zwillinge entstanden sind. Anders als viele KI-Anwendungen wurden sie nicht mit Schriftsätzen, Gutachten oder Mandatsunterlagen trainiert. Stattdessen führten die Entwickler:innen mit den beteiligten Partner:innen mehrstündige Interviews über Arbeitsweise, Werte, Entscheidungsprozesse und berufliche Erfahrungen. Ziel war, nicht das konkrete juristische Wissen eines Anwalts zu kopieren, sondern dessen Herangehensweise an rechtliche Probleme möglichst authentisch abzubilden.
Auch die Denkweise wird übernommen
„Es ist fast so, als hätte man eine niedrig aufgelöste Karte des Gehirns einer Person“, beschreibt Nate Jedinak, Senior Director of Software, Data and Innovation bei Vorys, den Ansatz. Tatsächlich berichten erste Anwält:innen der Kanzlei, dass die Antworten ihrer digitalen Abbilder ihrer eigenen Argumentationsweise überraschend nahekämen. Partner Scott Powell erklärte, die Reaktionen seiner KI-Persona hätten ihn selbst erstaunt, weil sie seine Denkweise sehr präzise widerspiegelten.
Nach Angaben der Kanzlei wurden die KI-Personas bereits eingesetzt, um Argumentationslinien für Schriftsätze weiterzuentwickeln, Patentanalysen zu vertiefen und Transaktionsdokumente auf potenzielle Prozessrisiken zu untersuchen. Gleichzeitig können Associates verschiedene Partner-Personas konsultieren und so unterschiedliche juristische Perspektiven auf denselben Sachverhalt vergleichen.
Gerade dieser Aspekt gilt als wesentlicher Unterschied zu vielen anderen KI-Systemen. Anstatt einen universellen „Super-Anwalt“ zu entwickeln, setzt Vorys bewusst auf individuelle Persönlichkeiten. Unterschiedliche Spezialisierungen, Erfahrungen und Arbeitsstile sollen den Nachwuchsjuristen vermitteln, dass es häufig mehrere vertretbare Lösungswege gibt und strategische Entscheidungen stark vom jeweiligen Beratungsansatz abhängen.
KI löscht Einstiegsaufgaben aus
Die Initiative greift zugleich eine Entwicklung auf, die viele Großkanzleien beschäftigt. Mit dem Einzug generativer KI verschwinden zunehmend klassische Einstiegsaufgaben, an denen junge Juristinnen und Juristen bislang ihr Handwerk lernten. Recherchen, erste Vertragsentwürfe oder Standardanalysen werden heute immer häufiger von KI-Systemen übernommen. Gleichzeitig arbeiten viele Kanzleien seit der Corona-Pandemie dauerhaft in hybriden Modellen, wodurch informelle Lerngelegenheiten im Büro seltener geworden sind.
Branchenbeobachter weisen seit Längerem darauf hin, dass damit auch der spontane Wissenstransfer zwischen erfahrenen Partner:innen und Berufseinsteiger:innen leidet. Die berühmten Gespräche an der Kaffeemaschine oder kurze Rückfragen auf dem Flur, die oft wertvolle Einblicke in strategisches Denken vermittelten, finden heute deutlich seltener statt. Vorys versteht die KI-Personas deshalb ausdrücklich als Ergänzung zum persönlichen Mentoring – nicht als Ersatz menschlicher Ausbildung.
Auch das Stanford Law School Innovation Lab arbeitet bereits an weiteren Anwendungen. Künftig sollen KI-gestützte Trainingsumgebungen entstehen, in denen Associates realitätsnahe Verhandlungen, Due-Diligence-Prüfungen oder Mandantengespräche simulieren können. Ziel ist, praktische Erfahrungen unabhängig von realen Mandaten zu vermitteln.
Ob sich digitale Partner:innen langfristig als neues Ausbildungsinstrument etablieren, bleibt abzuwarten. Das Modell könnte jedoch einen Weg aufzeigen, wie Kanzleien die Vorteile generativer KI mit dem Erfahrungswissen ihrer Partner:innen verbinden. Statt erfahrene Anwälte zu ersetzen, soll deren Expertise jederzeit abrufbar werden – auch dann, wenn der zuständige Partner um vier Uhr morgens gerade nicht erreichbar ist.
Fundstelle: https://www.vorys.com/


