Edward Cullen und die romantischste Nachstellung der Filmgeschichte

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Die Welt des Trash-TVs eröffnet uns neue Sphären. Das unerschöpfliche Universum des nachmittäglichen Sündenfernsehens, überdenkenswerte Datingshowkonzepte sowie eine reiche Vielfalt einschlägiger Hollywoodklassiker, die zurecht mit der „goldenen Himbeere“ (sog. Anti-Oscar) preisgekrönt wurden. Schundfilme und -Sendungen verdienen einen Platz in unseren Herzen. Sie sind Ausdruck von Nostalgie und dem herrlichen Wohlgefühl, das Gehirn für die nächsten 90 Minuten in den Energiesparmodus versetzen zu dürfen.

Ganz vorne mit dabei ist natürlich die sog. „Twilight-Saga“. So konnte dieses Meisterwerk – in seinen Hauptrollen mit Robert Pattinson und Kristen Stewart – gleich sieben goldene Himbeeren ergattern und millionenfach Teenie-Herzen schmelzen.

Achtung Spoiler: Ein 104-jähriger Vampir verliebt sich in eine 17-jährige Schülerin. Er mag sie dabei so gerne, dass er sie am liebsten töten würde. Er zwingt sie letztlich in eine Heirat, damit sie endlich die körperlichen Freuden der Ehe vollziehen können und er im Gegenzug seine Ehefrau in einen Vampir verwandeln kann. Zwischenzeitlich glitzert er in der Sonne und es gibt Drama mit einem Werwolf. Eine absolut alltägliche und unproblematische Love-Story.

Greifen wir heute tief in die leicht verstaubte Blockbuster-Kiste der frühen 2000er, so stellen wir uns unweigerlich die Frage: Welches Haarspray hat Edward Cullen damals benutzt? Und vermutlich gleich danach: Wie strafrechtlich relevant war eigentlich die Beziehung zwischen Edward Cullen und seiner Flamme Bella Swan?

Zwischen Liebe, Glitzervampiren und Strafrecht

Blenden wir zunächst das liebenswürdige Vorhaben aus, seine Liebste durch Höllenqualen zu schicken, um sie in einen Vampir zu verwandeln. Der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung durch Beibringen von Vampirgift, § 224 Abs. 1 Nr. 1 StGB, dürfte durch die rechtfertigende Einwilligung von Miss Swan wohl an Unrechtsgehalt verloren haben.

Interessanter dürfte hier wohl die (neudeutsch) toxische Beziehung zu eben dieser Dame gewesen sein. So stellt sich nicht allein die Frage, ob er noch alle Latten am Zaun hat, wenn er als 104-Jähriger eine 17-Jährige ungefragt des Nachts beim Schlafen in ihrem alten Kinderzimmer beobachtet, – sondern auch, ob sich in seinem Gesamtverhalten in Deutschland der Tatbestand der Nachstellung (§ 238 StGB), sog. Stalking, verwirklichen würde.

Der Straftatbestand der Nachstellung schützt die persönliche Freiheit und Selbstbestimmung eines Menschen. Strafbar macht sich, wer einer anderen Person beharrlich nachstellt, indem er beispielsweise wiederholt ihre räumliche Nähe aufsucht, Kontakt aufnimmt, sie überwacht oder vergleichbare Handlungen vornimmt. Dieses Verhalten muss geeignet sein, die Lebensgestaltung der betroffenen Person nicht unerheblich zu beeinträchtigen. Entscheidend ist dabei regelmäßig die Gesamtschau mehrerer Handlungen und nicht ein einmaliges Verhalten.

Die akribische Analyse des Streifens ergab das folgende vorwerfbare Verhalten Edward Cullens gegenüber Bella Swan:

  • Edward beobachtet Bella nachts beim Schlafen und steigt regelmäßig unbemerkt durch ihr Kinderzimmerfenster ein.
  • Er verfolgt sie nach der Schule und kennt ihre täglichen Wege. Er erscheint immer wieder überraschend an Orten, an denen Bella ist. Er überwacht sie dauerhaft und weiß ständig, wo sie sich befindet. Er folgt ihr sogar bis ins Umland nach Port Angeles zu einem Shoppingausflug.
  • Er entscheidet, welche Kontakte Bella haben darf (insbesondere gegenüber Jacob).
  • Er sabotiert Bellas Auto, damit sie Jacob nicht besuchen kann.
  • Und ein besonderes Schmankerl: Edward liest die Gedanken Bellas umgebender Mitmenschen, um mehr Informationen über sie zu sammeln.
Edward beobachtet Bella im Schlaf.

Ganz abgesehen davon, dass er durch die ungefragten Kinderzimmerbesuche Hausfriedensbruch nach § 123 StGB begeht, erscheinen für sich genommen seine Kontaktversuche und Absichten reichlich aufdringlich und beharrlich. So scheint Edward einen beachtlichen Teil seiner Freizeit damit zu verbringen, Bella Swan zu studieren. Gebrochene Teenie-Herzen wissen, dass er dies tut, weil Bella die einzige ist, dessen Gedanken er nicht lesen kann. Oh weh.

Strafrechtlerinnen und Strafrechtler wissen, dass sein Verhalten für sich genommen den Tatbestand der Nachstellung erfüllen kann.

Gerade das beharrliche Aufsuchen räumlicher Nähe zum Tatopfer stellt eine taugliche Tathandlung gem. § 238 Abs. 1 Nr. 1 StGB dar. Hierbei reicht nach herrschender Meinung heimliches, unentdecktes Beobachten aus (Fischer, StGB, § 238, Rn.10). Dies wird mit dem Gesetzeszweck des Schutzes des individuellen Lebensbereichs und der Freiheit der Person begründet.

Die Kontrolle von Bellas Sozialkontakten könnte demgegenüber unter § 238 Abs. 1 Nr. 8 StGB fallen, wonach „vergleichbare Handlungen“ strafbaren Charakter entfalten. Als Auffangtatbestand dient Nr. 8 zur Grundlage all derjenigen Tathandlungen, die eine ähnliche Beharrlichkeit und Beeinträchtigung mit sich bringen können. Gewertet wird dies an der jeweiligen Intensität der Nachstellungshandlung (Fischer, StGB, § 238, Rn.25).

Ein großes Aber

Entscheidend ist jedoch nicht allein die Penetranz der vampirischen Liebesbekundung, sondern ob die Handlungen objektiv geeignet sind, Bella in ihrer Lebensführung nicht unerheblich zu beeinträchtigen. So will es das Gesetz. Diese Anforderung eröffnet einen weiten Bewertungsspielraum. Einerseits soll hierdurch ein objektivierender Beurteilungsspielraum geschaffen werden. Andererseits kommt es für das Vorliegen einer Beeinträchtigung darauf an, ob die Tatperson die Einschränkungshandlung gegen den subjektiven Willen des Opfers vornimmt. Nicht zuletzt die Frage, wann eine Handlung denn geeignet sei, die Lebensgestaltung zu beeinträchtigen, ist kompliziert. Auch die Frage, wann die Beeinträchtigung denn nicht unerheblich sei, ist komplex wertungsgeprägt. Die Gesamtbetrachtung entscheidet.

Opferanwältinnen und -anwälte würden raten, ein Beharrlichkeitsprotokoll zu erstellen: Zu erfassen, welche Nachstellungshandlungen vorgenommen wurden und wie sich die Handlungen auf das eigene Wohlbefinden und Leben auswirken. Wenn schon die Eignung zur Beeinträchtigung strafbewehrt ist, dann erst recht die Beeinträchtigung selbst.

Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger setzen mit ihrer Verteidigungsstrategie oft am Nachweis potentieller Tathandlungen, der Bewertung nachgewiesener Tathandlungen oder am Vorsatz an. Ob Handlungen zufällig oder beeinträchtigungsbewusst geschehen, ob Handlungen in ihrer Gesamtbetrachtung schon geeignet sind, zu beeinträchtigen – das entscheiden oft Nuancen.

In Bellas Fall dürfte davon auszugehen sein, dass sie die Nachstellungshandlungen romantisch fand. Eine subjektive Beeinträchtigung und damit Strafbarkeit entfällt. So verdeutlichte sie, dass sie selbst die Nähe und Zuneigung des Vampirs suchte. Das ebenso ikonische wie besorgniserregende Zitat „Ich würde lieber sterben, als von dir getrennt zu sein.“ stammt von ihr. Beharrliche, heimliche Kontaktaufnahmen schien sie gleichermaßen befremdlich wie leidenschaftlich zu empfinden.

Edward und Bella heiraten

Ende gut, alles gut

Es überrascht nicht, dass ein und dasselbe Verhalten bei Person X als strafbewehrt empfunden wird, unter ähnlichen Voraussetzungen bei Person Y als Liebesbeweis angesehen wird. So sind Menschen geprägt durch die eigene Perspektive, individuelle soziale Bindungen, Erfahrungen, Neigungen und Gefühle sowie selbstredend dem Anblick einer unwiderstehlichen Frisur.

Die Erinnerung, wie ambivalent der Blick auf individuelle Zuneigungsbekundungen sein kann, schafft letztlich Realität. Das Strafrecht ist in seinen Nuancen bestenfalls auf diese individuellen Lebensrealitäten angepasst. Und ob „Twilight“ oder „Temptation Island“ die größere „red flag“ darstellen, darf am Ende ebenfalls jeder für sich individuell entscheiden.

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Hannah Funke
Hannah Funke
Rechtsanwältin Hannah Funke ist Fachanwältin für Strafrecht mit eigener Kanzlei in Dortmund.

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