Wenn man sich auf das erste Staatsexamen vorbereitet, beschäftigt man sich monatelang mit Klausuren. Man schreibt Probeklausuren, wertet Lösungen aus und versucht, möglichst viele Fallkonstellationen kennenzulernen. Über die mündliche Prüfung weiß man dagegen erstaunlich wenig. Sie bleibt für viele bis zum Schluss eine Blackbox.
Oft hört man immer wieder denselben Satz: Durch die mündliche Prüfung verschlechtert sich wenige und so gut wie niemand fällt deswegen vollständig durch. Eigentlich ein beruhigender Gedanke. Zumindest theoretisch. In der Situation als Prüfling fällt es allerdings schwer, diesen Satz wirklich zu glauben. Auch ich hatte bis kurz vor meiner Prüfung immer wieder das Gefühl, dass ausgerechnet ich die Ausnahme sein könnte.
Dabei bin ich eigentlich kein besonders ängstlicher Mensch. Dass mich die mündliche Prüfung trotzdem so beschäftigt hat, lag wahrscheinlich vor allem daran, dass sie etwas völlig anderes ist als die Prüfungen, die man aus dem Studium kennt. Im Jurastudium wird man jahrelang darauf vorbereitet, allein vor einem Blatt Papier eine Lösung zu entwickeln. Nun sitzt man plötzlich mehreren Prüfern gegenüber und muss spontan reagieren. Eine ungewohnte Situation.
Was mir geholfen hat, war ein Perspektivwechsel. Ich habe verinnerlicht, dass ich nicht Prüfer:innen gegenübersitze, die meine Schwächen suchen. Stattdessen sitzen hier Jurist:innen mit angehenden Jurist:innen zusammen und sprechen über Jura. Die Prüfer:innen haben kein Interesse daran, jemanden scheitern zu sehen. Es geht darum, juristisches Denken, Argumentationsfähigkeit und den Umgang mit unbekannten Fragen zu zeigen.
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Die Vorbereitung auf die mündliche Prüfung
Ich wurde in Baden-Württemberg geprüft. Anders als in einigen anderen Bundesländern gibt es dort keinen Aktenvortrag, sondern ausschließlich ein Prüfungsgespräch. Meine Vorbereitung würde ich rückblickend nicht grundlegend verändern. Einen Punkt würde ich allerdings anders machen: Nach den schriftlichen Examensklausuren würde ich nicht komplett mit Jura aufhören.
Nach Monaten intensiver Klausurvorbereitung war es verständlich, dass ich erst einmal Abstand brauchte. Trotzdem wäre es sinnvoll gewesen, zumindest locker im Stoff zu bleiben. Aktuelle juristische Nachrichten verfolgen, Entscheidungen lesen oder einzelne Themen wiederholen reicht schon aus, um nicht vollständig aus dem juristischen Denken herauszukommen. Denn man merkt überraschend schnell, wie viel man in einigen Wochen ohne Wiederholung vergisst.
Sobald die Ladung zur mündlichen Prüfung kommt, sollte man sich außerdem frühzeitig mit den Protokollen der Prüfer beschäftigen. Sie sind eine der wertvollsten Informationsquellen für die Vorbereitung. Natürlich kann niemand garantieren, dass bestimmte Themen erneut geprüft werden. Trotzdem geben die Protokolle Hinweise darauf, welche Schwerpunkte gesetzt werden und welche Art von Fragen man erwarten kann.
Protokolle und Mitprüflinge
Ich habe die Protokolle systematisch ausgewertet und mich anschließend gezielt mit den häufig genannten Themen beschäftigt. Diese Vorbereitung hat mir geholfen, nicht einfach wahllos noch einmal alles zu wiederholen, sondern meine Zeit sinnvoll einzusetzen.
Besonders hilfreich war außerdem die Vorbereitung mit meinen Mitprüflingen. Nachdem die schriftlichen Ergebnisse bekannt gegeben wurden, haben wir uns über eine WhatsApp Gruppe vernetzt und regelmäßig Prüfungsgespräche simuliert. Jeder von uns hat abwechselnd ein Rechtsgebiet vorbereitet und die Rolle des Prüfers übernommen. Diese Übung hatte zwei große Vorteile: Zum einen lernt man, juristische Gedanken laut zu formulieren. Zum anderen verliert die mündliche Prüfung ihren Schrecken, weil man die Situation nicht mehr zum ersten Mal erlebt.
Gerade diesen Punkt würde ich jedem empfehlen: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, sollte man einmal bei einer anderen mündlichen Prüfung zuhören. Viele Prüfungsämter bieten an, dass sich Studierende bei einer anderen Prüfungskampagne als Zuhörer hinten dazusetzen dürfen. Diese Erfahrung nimmt der Prüfung viel von ihrem mystischen Charakter. Man sieht, dass dort keine einschüchternde Ausnahmesituation stattfindet, sondern ein strukturiertes Gespräch über juristische Fragen.
Ein weiterer wichtiger Punkt war für mich der Umgang mit meinen Mitprüflingen. Wir haben uns nicht als Konkurrenten verstanden, sondern als Team. Diese Einstellung hat die Vorbereitung und auch die Prüfung selbst deutlich angenehmer gemacht. Jeder profitiert davon, wenn die Atmosphäre respektvoll ist und man sich gegenseitig unterstützt.
Der Prüfungstag
Am Tag meiner Prüfung habe ich bewusst nichts mehr gelernt. Ich wusste, dass es mir nicht helfen würde, kurz vorher noch neue Informationen in meinen Kopf zu bekommen. Stattdessen wollte ich möglichst ruhig und entspannt in den Tag starten. Ich habe in Ruhe gefrühstückt und mich mit dem Taxi zum Gerichtsgebäude fahren lassen. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, aber gerade an einem solchen Tag sollte man unnötige Stressquellen vermeiden.
Geprüft wurde ich an einem sehr heißen Sommertag mit Temperaturen von über 35 Grad. Das war körperlich durchaus herausfordernd. Umso wichtiger war es, auf die kleinen Dinge zu achten: bequeme, aber angemessene Kleidung, ausreichend Wasser und alles, was einem den Tag angenehmer macht. Ein Taschentuch oder ein kleiner Fächer können bei sommerlichen Temperaturen tatsächlich hilfreich sein.
Was mir in den Tagen vor der Prüfung besonders geholfen hat, war ein sehr einfacher Gedanke. Wenn die Angst zu groß wurde, stellte ich mir vor, wie ich nach der Prüfung mit meinem Blumenstrauß vor dem Gerichtsgebäude stehe und von meinen Liebsten empfangen werde. Dieser Moment war für mich ein Sinnbild dafür, dass der lange Weg irgendwann vorbei sein würde. Es ging nicht nur um diese eine Prüfung, sondern auch darum, endlich einen Abschnitt abzuschließen und den Erfolg feiern zu dürfen.
Die Prüfung selbst
Was mich überrascht hat, war die Atmosphäre der Prüfung selbst. Ich hatte mir die mündliche Prüfung viel stärker wie ein Kreuzverhör vorgestellt. Tatsächlich entwickelte sich das Gespräch an vielen Stellen genau zu dem, was es sein soll: ein juristischer Austausch.
Natürlich wusste ich nicht jede Antwort sofort. Das ist auch gar nicht der Anspruch. Entscheidend ist, wie man mit solchen Situationen umgeht. Der wichtigste Tipp lautet deshalb: Niemals schweigen.
Wenn man eine Frage nicht sofort beantworten kann, sollte man trotzdem versuchen, seinen Gedankengang zu erklären. Oft kennt man zumindest einzelne Aspekte, eine Norm oder ein Problem. Genau dort kann man ansetzen. Die Prüfer geben häufig Hinweise und helfen dabei, den richtigen Weg zu entwickeln.
Eine perfekte Antwort aus dem Stand zu liefern, ist nicht das Ziel. Viel wichtiger ist zu zeigen, dass man juristisch denken und argumentieren kann. Auch die Zeit verging deutlich schneller, als ich gedacht hatte. Gerade hatte man das Gefühl, richtig in das Gespräch hineinzukommen, da war die Prüfung schon vorbei.
Meine wichtigsten Tipps für die mündliche Prüfung
Wenn ich angehenden Examenskandidat:innen Dinge mitgeben soll, wären es diese:
- Bleibt nach den schriftlichen Klausuren zumindest locker im Stoff. Ihr müsst nicht mehr genauso intensiv lernen wie vorher, aber ein kompletter Abstand macht den Wiedereinstieg unnötig schwer.
- Besorgt euch die Prüferprotokolle frühzeitig und wertet sie systematisch aus.
- Simuliert echte Prüfungsgespräche mit anderen. Es geht nicht nur darum, Wissen abzufragen, sondern darum, sprechen und argumentieren zu lernen.
- Betrachtet eure Mitprüflinge als Team und nicht als Konkurrenz.
- Setzt euch, wenn möglich, einmal als Zuhörer in eine andere mündliche Prüfung. Die Situation wirkt danach oft viel weniger bedrohlich.
- Organisiert den Prüfungstag so stressfrei wie möglich. Fahrt frühzeitig los, frühstückt in Ruhe und verzichtet darauf, in der letzten Stunde noch hektisch zu lernen.
- Schweigt nicht. Auch wenn ihr unsicher seid, ist ein nachvollziehbarer Gedankengang viel wertvoller als keine Antwort.
Fazit: Positiver als erwartet
Heute kann ich sagen: Die mündliche Prüfung war eine deutlich positivere Erfahrung, als ich erwartet hatte. Natürlich ist es schwer, das zu glauben, wenn man selbst kurz davorsteht. Auch ich habe viele Erfahrungsberichte gelesen und trotzdem gedacht, dass sie vielleicht auf andere zutreffen, aber nicht auf mich.
Trotzdem haben diese Berichte recht. Die mündliche Prüfung ist nicht dazu da, Kandidaten zu überraschen oder ihnen den Erfolg aus den Händen zu nehmen. Sie soll zeigen, dass man als angehende Juristin oder angehender Jurist in der Lage ist, juristische Probleme zu erkennen, zu diskutieren und Lösungen zu entwickeln.
Und irgendwann kommt tatsächlich dieser Moment: Man verlässt das Gerichtsgebäude, wird von Freund:innen und Familie empfangen und hält den Blumenstrauß in der Hand, den man sich vorher nur erträumt hat.
Genau für diesen Moment hat sich die ganze Vorbereitung gelohnt. Viel Erfolg, ihr macht das schon!





