Die deutsche Anwaltschaft verändert sich spürbar. Während der Frauenanteil weiter steigt und wirtschaftsnahe Rechtsgebiete wachsen, schrumpft die Zahl der Anwält:innen in mehr als der Hälfte der größten Städte Deutschlands. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der juristischen Lernplattform Jurafuchs hervor. Für die Untersuchung analysierte Jurafuchs 189.394 Einträge aus dem Anwaltsverzeichnis der Bundesrechtsanwaltskammer verglich diese und mit den Vorjahreswerten. Berücksichtigt wurden die 200 größten deutschen Städte sowie Entwicklungen bei Fachgebieten, Geschlechterverteilung und Vornamen.
Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Bundesweit wächst die Zahl der Rechtsanwält:innen zwar leicht um 0,6 Prozent, regional entwickeln sich die Standorte jedoch sehr unterschiedlich. Gleichzeitig spiegeln die Veränderungen bei den Fachanwaltschaften wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends wider.
Frankfurt bleibt Deutschlands Anwaltshochburg
An der Spitze der Städte mit der höchsten Anwaltsdichte steht weiterhin Frankfurt am Main. Dort kommen durchschnittlich 17,07 Anwälte je 1.000 Einwohner. Dahinter folgen Düsseldorf mit 14,89 und München mit 11,88 Anwälten je 1.000 Einwohner. Die hohe Konzentration in diesen Städten dürfte vor allem auf ihre Bedeutung als Wirtschafts- und Finanzstandorte sowie auf die Präsenz zahlreicher Großkanzleien zurückzuführen sein. Während die Spitzenplätze stabil bleiben, zeigt sich bei der Entwicklung einzelner Städte eine deutlich größere Dynamik.
Den größten Zuwachs unter allen untersuchten Städten verzeichnet Lahr im Schwarzwald. Dort stieg die Zahl der Anwältinnen und Anwälte innerhalb eines Jahres um 14,5 Prozent. Ebenfalls deutlich zulegen konnten Viersen (+7,6 Prozent), Nordhorn (+7,1 Prozent), Delmenhorst (+6,8 Prozent) und Ravensburg (+5,6 Prozent). Damit liegen diese Städte deutlich über dem bundesweiten Wachstum von 0,6 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass sich der Markt regional unterschiedlich entwickelt. Während einzelne Standorte neue Kanzleien oder zusätzliche Berufsträger gewinnen, verlieren andere Städte erheblich an juristischer Infrastruktur.
Mehr als jede zweite Stadt verliert Anwält:innen
Besonders auffällig ist, dass die Zahl der Anwälte nicht flächendeckend steigt. Im Gegenteil: In 102 der 200 untersuchten Städte ging die Zahl der Juristinnen und Juristen zurück. Damit verzeichnet die Mehrheit der Städte sinkende Bestände. Am stärksten betroffen ist Neustadt an der Weinstraße mit einem Rückgang von 15,5 Prozent. Es folgen Emden (–11,8 Prozent) und Wilhelmshaven (–10,8 Prozent). Langenfeld sowie Frankfurt (Oder) verzeichnen jeweils ein Minus von 9,1 Prozent. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass sich die Anwaltschaft zunehmend auf bestimmte Standorte konzentriert. Während wirtschaftlich starke Regionen zusätzliche Juristinnen und Juristen anziehen, verlieren andere Städte einen Teil ihres anwaltlichen Angebots.
Frauenanteil steigt weiter
Auch bei der Geschlechterverteilung setzt sich ein langfristiger Trend fort. Der Frauenanteil unter Deutschlands Anwältinnen und Anwälten liegt inzwischen bei 39,1 Prozent. Im Vorjahr betrug er noch 38,7 Prozent. Der Zuwachs fällt zwar moderat aus, bestätigt jedoch die kontinuierliche Entwicklung hin zu einer ausgewogeneren Geschlechterverteilung.
Regional unterscheiden sich die Veränderungen allerdings deutlich. Besonders stark stieg der Frauenanteil in Dorsten (+12,7 Prozent) sowie in Wilhelmshaven und Dormagen (jeweils +12,2 Prozent). Rückläufig entwickelte sich die Frauenquote dagegen in Ludwigshafen (–26,9 Prozent) und Cuxhaven (–11,7 Prozent). Spitzenreiter bleibt Sindelfingen mit einer Frauenquote von 47,2 Prozent. Dahinter folgen Unna (45,5 Prozent) und Elmshorn (44,6 Prozent). Am unteren Ende liegen Bad Kreuznach und Wolfenbüttel mit jeweils 20,2 Prozent sowie Greifswald mit 21,6 Prozent. Zwischen den Städten bestehen damit erhebliche Unterschiede.
Michael, Christian und Thomas dominieren weiterhin
Auch die Auswertung der Vornamen zeigt Veränderungen innerhalb der Berufsgruppe. Die häufigsten männlichen Vornamen bleiben Michael (4.423), Christian (4.204) und Thomas (3.888). Gleichzeitig gewinnen jüngere oder bislang seltener vertretene Namen an Bedeutung. So steigt der Anteil der Anwälte mit den Vornamen Niclas beziehungsweise Niklas um 13 Prozent, Lucas beziehungsweise Lukas um 11,7 Prozent und Mohammed in unterschiedlichen Schreibweisen um 10 Prozent.
Bei den Juristinnen führen weiterhin Maria (1.984) und Julia (1.721) die Statistik an. Anna verbessert sich mit 1.609 Namensträgerinnen um einen Rang. Die größten Zuwächse verzeichnen Marie (+9,6 Prozent), Aylin (+9,1 Prozent) und Lena (+6,8 Prozent).
Wirtschaftsrecht gewinnt an Bedeutung
Besonders deutlich werden aktuelle Entwicklungen beim Blick auf die Fachanwaltschaften. Das stärkste Wachstum verzeichnet das Vergaberecht mit 6,6 Prozent. Ebenfalls kräftig wächst das Insolvenz- und Sanierungsrecht (+5,2 Prozent), gefolgt vom Migrationsrecht (+4,5 Prozent). Gerade das Wachstum im Insolvenz- und Sanierungsrecht lässt sich mit der wirtschaftlichen Lage in Verbindung bringen. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 10,3 Prozent, wodurch der Bedarf an entsprechender juristischer Beratung zunimmt. Demgegenüber verlieren andere Rechtsgebiete an Bedeutung. Die Zahl der Fachanwälte im Familienrecht und im Sozialrecht sank jeweils um 1,9 Prozent. Auch das Steuerrecht verzeichnet ein leichtes Minus von 0,6 Prozent.
Auch bei der Verfügbarkeit von Pflichtverteidiger:innen zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede. Besonders gering ist die Quote in Hamburg: Dort stehen lediglich 0,9 Prozent aller Anwält:innen als Pflichtverteidiger:innen zur Verfügung. Es folgen Leonberg mit 1,4 Prozent, Sindelfingen mit 1,6 Prozent, Norderstedt mit 1,7 Prozent sowie Stuttgart und Wolfsburg mit jeweils 1,9 Prozent. Deutlich höher ist der Anteil dagegen in mehreren ostdeutschen Städten. Spitzenreiter ist Frankfurt (Oder), wo 34,1 Prozent aller Anwälte auch Pflichtverteidigungen übernehmen. In Cottbus und Brandenburg an der Havel liegt der Anteil jeweils bei 26,3 Prozent, im sächsischen Plauen bei 25,3 Prozent und in Dessau-Roßlau bei 22,5 Prozent.
Der Doktortitel ist in der deutschen Anwaltschaft deutlich seltener, als vielfach angenommen wird. Von 188.320 ausgewerteten Rechtsanwält:innen tragen 29.790 einen Doktortitel. Das entspricht einem Anteil von 15,8 Prozent. Einen Professortitel führen bundesweit 1.082 Anwält:innen beziehungsweise 0,6 Prozent der Anwaltschaft.


