Examens-Fiasko in Washington: Weil das Internet versagte, musste der Supreme Court eingreifen

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Es sollte ein Meilenstein für die juristische Ausbildung in den USA werden: Im Juli 2026 kam mit dem NextGen Uniform Bar Exam erstmals eine grundlegend überarbeitete Version des amerikanischen Staatsexamens zum Einsatz. In Washington State wurde daraus ein beispielloses Debakel. Hunderte Examenskandidat:innen saßen in einem Kongresszentrum in Yakima – und konnten nicht einmal mit der Prüfung beginnen. Am Ende wurde die gesamte Prüfung abgesagt. Wochen später musste der Washington Supreme Court entscheiden, wie mit den Betroffenen umzugehen ist.

Sechs Stunden warten auf eine Internetverbindung

Der Ablauf am 28. Juli war nach einem Bericht von Above the Law ebenso banal wie surreal: Um 8.30 Uhr sollte die Prüfung beginnen. Stattdessen warteten mehr als 600 Kandidat:innen auf eine funktionierende Internetverbindung. Das Problem lag offenbar nicht darin, dass die Prüfungsfragen selbst fehlerhaft gewesen wären. Vielmehr brach die technische Infrastruktur am Prüfungsort unter der Belastung zusammen. Mehr als 600 Laptops mussten gleichzeitig über das Netzwerk des Veranstaltungsortes auf die Prüfungssoftware zugreifen.

Gegen 11.30 Uhr hatte ungefähr ein Drittel der Teilnehmenden eine Verbindung. Der Versuch, zumindest diese Kandidat:innen beginnen zu lassen, stieß im Saal auf Widerstand. Die Organisatoren wurden ausgebuht. Nach weiteren technischen Problemen versuchte man einen Neustart nach der Mittagspause. Doch auch dieser scheiterte an der Internetverbindung.

Teilnehmende berichteten auf Reddit von Tränen, körperlicher Übelkeit und stundenlangem Warten. Schließlich wurden sie nach Hause geschickt. Zunächst hieß es, die Prüfung werde am nächsten Tag fortgesetzt. Am Abend kam die Kehrtwende: Die Washington State Bar Association (WSBA) sagte die gesamte Juli-Prüfung ab – einschließlich des zweiten Prüfungstages. Die Organisation erklärte, die technischen Probleme könnten nicht rechtszeitig behoben werden.

Ein „historic milestone“, der keiner ist

Die Ironie: Die National Conference of Bar Examiners (NCBE), die das neue Examen entwickelt und verantwortet, bezeichnete den Start zunächst als „historic milestone“. Nach Darstellung der NCBE funktionierte die eigentliche Prüfungsplattform wie vorgesehen. Die Schwierigkeiten in Washington seien standortspezifische Probleme mit Netzwerkbandbreite und technischer Konfiguration gewesen. Auch in Missouri und Maryland kam es zu Störungen, dort konnte die Prüfung jedoch fortgesetzt werden.

Für die Kandidat:innen war diese technische Unterscheidung allerdings wenig tröstlich. Die zunächst angebotenen Alternativen bedeuteten entweder eine Ersatzprüfung im September, eine Verschiebung auf Februar 2027 oder den Rückzugvom Bar Exam mit einer Rückerstattung der Prüfungsgebühren. Damit wären für viele Betroffene neue Hotel- und Reisekosten, weitere Wochen intensiver Prüfungsvorbereitung und Verzögerungen beim Berufseinstieg verbunden gewesen. Einige Absolvent:innen hatten bereits Arbeitsverträge oder Stellen am Gericht, deren Beginn vom erfolgreichen Abschluss des Examens abhing.

Der Ruf nach einer Prüfung ohne Prüfung

Damit war eine ungewöhnliche juristische Frage auf dem Tisch: Wenn der Staat selbst eine Prüfung vollständig scheitern lässt – warum sollen die Kandidat:innen die Folgen tragen?

Die Dekane der drei juristischen Fakultäten in Washington drängten deshalb auf eine besondere Lösung: eine Zulassung ohne Bar Exam, jedenfalls für diejenigen, die erstmals antraten und die Prüfung ausschließlich wegen des technischen Versagens nicht ablegen konnten. Washington hatte für eine solche Ausnahmesituation sogar einen Präzedenzfall. Während der Corona-Pandemie hatte der Supreme Court des Bundesstaates 2020 bereits eine zeitlich begrenzte Zulassung ohne Prüfung ermöglicht.

Am 6. August reagierte der Washington Supreme Court. Er entschied sich allerdings nicht für eine pauschale Freistellung aller Betroffenen. Stattdessen schuf er unterschiedliche Kategorien. Erstmalige Kandidat:innen, die wegen des technischen Versagens überhaupt nicht prüfen konnten, erhielten ein Wahlrecht: Sie konnten entweder an einer eigens angesetzten NextGen-Prüfung im September teilnehmen oder auf die Prüfungspflicht verzichten und durch Gerichtsbeschluss als Anwält:innen zugelassen werden. Die Zulassung soll zeitgleich mit der Veröffentlichung der Prüfungsergebnisse am 9. Oktober wirksam werden.

Damit kam das Gericht dem zentralen Anliegen der Betroffenen entgegen: Niemand, der alles Erforderliche getan hatte und lediglich Opfer des technischen Versagens geworden war, sollte gezwungen werden, seine berufliche Zukunft monatelang auf Eis zu legen.

Kein Wahlrecht für Wiederholer

Ganz ohne Einschränkungen blieb die Entscheidung jedoch nicht. Wer bereits eine frühere Anwaltsprüfung in den USA nicht bestanden hatte, erhielt kein Wahlrecht zur prüfungsfreien Zulassung. Diese Kandidat:innen können stattdessen die Ersatzprüfung im September oder die reguläre Prüfung im Februar 2027 ablegen. Auch Kandidat:innen, die die Juli-Prüfung trotz technischer Unterbrechungen vollständig absolviert hatten, wurden anders behandelt. Sie erhalten einen regulären NextGen-UBE-Score und dürfen weder die Sonderprüfung im September schreiben noch die prüfungsfreie Zulassung wählen. Bestehen sie nicht, können sie allerdings im Februar 2027 ohne zusätzliche Prüfungsgebühr erneut antreten.

Der Supreme Court räumte selbst ein, dass es keine perfekte Lösung gebe. Seine Aufgabe bestehe darin, die Interessen der Kandidat:innen, der Anwaltschaft und der Öffentlichkeit miteinander auszugleichen. Gerade der letzte Punkt ist juristisch entscheidend: Eine Anwaltszulassung ist keine reine Entschädigungsleistung für einen misslungenen Prüfungstag. Sie soll zugleich gewährleisten, dass nur Personen mit ausreichender fachlicher Kompetenz den Beruf ausüben dürfen. Vier der neun Richter:innen widersprachen zudem einzelnen Teilen der Entscheidung. Das zeigt, dass auch innerhalb des Gerichts erhebliche Zweifel daran bestanden, wie weit die Ausnahmeregelung reichen sollte.

Für die September-Prüfung hat Washington inzwischen zusätzliche Sicherungen angekündigt: Der neue Prüfungsort an der University of Washington Tacoma soll über redundante Netzwerkverbindungen verfügen; außerdem sollen mehrere Räume, gestaffelte Startzeiten, zusätzliche IT-Mitarbeiter und unabhängige mobile Hotspots das Risiko eines erneuten Ausfalls reduzieren.

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