Eine AfD-Alleinregierung könnte die Attraktivität des Staatsdienstes für junge Juristinnen und Juristen in Sachsen-Anhalt erheblich beeinträchtigen. Das legt eine Umfrage der juristischen Lernplattform Jurafuchs unter 1.737 Jurastudierenden und Rechtsreferendar:innen nahe. Besonders deutlich fällt der Effekt bei Befragten aus, die in Sachsen-Anhalt oder in unmittelbarer Nähe studieren.
Richterinnen, Staatsanwälte Staatsanwälte sowie Verwaltungsjuristinnen gehören zu den zentralen Säulen des Rechtsstaats. Gleichzeitig stehen die Länder vor der Herausforderung, ausreichend qualifizierten juristischen Nachwuchs für den öffentlichen Dienst zu gewinnen. In Sachsen-Anhalt könnte diese Aufgabe nach einer aktuellen Befragung politisch zusätzlich erschwert werden.
Jurafuchs hat zwischen dem 27. und 31. August 2026 insgesamt 1.737 Jurastudierende, Rechtsreferendar:innen dazu befragt, ob sie sich eine Tätigkeit im Staatsdienst vorstellen können und wie sich unterschiedliche politische Mehrheitsverhältnisse auf ihre Bereitschaft zu einer Bewerbung in Sachsen-Anhalt auswirken würden. Das Ergebnis ist deutlich: 79,9 Prozent der Befragten können sich grundsätzlich eine Karriere im Staatsdienst vorstellen. Geht es jedoch konkret um Sachsen-Anhalt, sinkt die Bereitschaft erheblich, wenn die AfD allein die Landesregierung stellen würde.
Bewerbungsbereitschaft sinkt um fast 70 Prozent
Von denjenigen Befragten, für die eine Tätigkeit im Staatsdienst grundsätzlich infrage kommt, könnten sich ohne Beteiligung der AfD an der Landesregierung 57,7 Prozent eine Bewerbung in Sachsen-Anhalt vorstellen. Bei einer AfD-Alleinregierung sind es dagegen nur noch 17,7 Prozent. Damit würde die Bewerbungsbereitschaft rechnerisch um knapp 70 Prozent zurückgehen.
Der Vergleich ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil die Befragten nicht generell eine Tätigkeit für den Staat ablehnen. Im Gegenteil: Vier von fünf Nachwuchsjuristen können sich grundsätzlich vorstellen, als Richter, Staatsanwalt oder Verwaltungsjurist zu arbeiten. Das Problem wäre demnach weniger die Attraktivität des öffentlichen Dienstes als Arbeitgeber an sich, sondern die konkrete politische Konstellation, unter der dieser Dienst ausgeübt werden müsste.
Jurafuchs wertete zusätzlich die Antworten von 289 Befragten aus, die entweder in Sachsen-Anhalt oder höchstens 100 Kilometer Luftlinie von der Landesgrenze entfernt studieren. Bei dieser Gruppe können sich 61,6 Prozent ohne AfD-Regierungsbeteiligung eine Bewerbung im Land vorstellen. Bei einer AfD-Alleinregierung bleiben davon nur 15,2 Prozent übrig. Der Rückgang ist damit noch stärker als in der Gesamtgruppe. Gerade diejenigen, die regional besonders eng mit dem Land verbunden sind, würden sich demnach unter einer AfD-Alleinregierung deutlich seltener für eine Tätigkeit dort entscheiden.
Wer will überhaupt noch in Sachsen-Anhalt arbeiten?
Die Umfrage fällt in eine Zeit, in der die Justiz in Sachsen-Anhalt ohnehin vor personellen Herausforderungen steht. Der Bund der Richter und Staatsanwälte in Sachsen-Anhalt warnte bereits vor einer personellen Krise. In Sachsen-Anhalt gehen 390 von insgesamt 814 Richtern und Staatsanwälten (etwa die Hälfte) bis zum Jahr 2033 in Pensio. Das Justizministerium will deswegen jährlich bis zu 40 Proberichter:innen für den Justizdienst einstellen.
Für den Jurafuchs-Mitgründer Carl Wendelin Neubert ist deshalb gerade die Landtagswahl für die Personalentwicklung der Justiz von Bedeutung. „Für die Landtagswahl ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor“, sagt er. „Sachsen-Anhalts Justiz steckt mitten in einem Generationswechsel. Viele Richter und Staatsanwälte gehen in den Ruhestand und müssen durch qualifizierten Nachwuchs ersetzt werden.“
Das Land konkurriert dabei nicht nur mit anderen Bundesländern, sondern auch mit privaten Arbeitgebern. Wer über gute Examensnoten verfügt, hat regelmäßig verschiedene Möglichkeiten, seine berufliche Zukunft zu gestalten. Eine Tätigkeit in Sachsen-Anhalt ist daher nicht zwingend die einzige Option.
Neubert: „Während gerade viel darüber gesprochen wird, wen die AfD im Staatsapparat austauschen will, sollten wir deshalb mindestens genauso intensiv darüber sprechen, wer unter einer AfD überhaupt noch für diesen Staat arbeiten will. Aus juristischem Personalmangel wird nämlich schnell ein Problem für die Bürger, die dann jahrelang auf ein Urteil, monatelang auf eine Genehmigung oder schlicht zu lange auf wichtige Entscheidungen des Staates warten müssen.“


